Vom genitalverstümmelten Nomadenmädchen zum Topmodel - Waris Diries Geschichte hat Millionen Leser bewegt. In der Verfilmung von "Wüstenblume" spielt Liya Kebede die Hauptrolle. Das aus Äthiopien stammende Model plädiert im stern.de-Interview für einen differenzierten Blick auf Afrika.
Oh, schönes Kleid.
Sobald Models in Filmen auftauchen, spielen sie häufig sich selbst. Sie rennen dreimal durchs Bild, sagen zwei Sätze und betrachten das Ganze als nette kleine Abwechslung. Da ich ernstere Absichten habe, nehme ich seit vier Jahren Schauspielunterricht, hatte schon kleinere Rollen in "Der Gute Hirte" und "Lord of Wars". Modeln ist schließlich keine Option fürs Rentenalter.
Ich hatte keinen Sonderstatus, sondern bin wie hundert andere Frauen zum Casting gegangen. Dass ich eigentlich Model bin, bekam die Regisseurin Sherry Hormann erst hinterher mit.
Vielleicht interessieren sich Filmleute nicht so für Mode.
Wir haben uns erst gegen Ende der Dreharbeiten kennengelernt. Und ich fühlte mich sehr unwohl dabei. Wie ein Kind, das dabei erwischt wird, wie es verbotenerweise durchs Schlüsselloch guckt. Ich wußte ja alles über Waris, sogar die intimsten Dinge. Das schuf eine gewisse Nähe; gleichzeitig waren wir uns absolut fremd.
Genitalverstümmelungen sind leider auch bei uns noch sehr verbreitet. Vor allem in den ländlichen Gegenden. In den Wüstenregionen sind die Frauen bis heute praktisch ohne Rechte. Und ich schäme mich fast das zu sagen, aber diese Problematik wurde mir erst durch das Buch und den Film bewußt. Ich bin in der Hauptstadt Addis Abeba aufgewachsen, dort ist die Gesellschaft wesentlich liberaler und aufgeklärter.
Was denken Sie? Wir leben zwar in Afrika, aber nicht hinterm Mond (lacht). In den Städten sind viele Frauen gut ausgebildet, arbeiten in den gleichen Berufen wie Männer. Ich war auf dem französischen Gymnasium, später auf dem College in Chicago. Meine Mutter hat ihren Job in einer PR-Agentur auch mit Kindern nicht aufgegeben.
Mir ist schon klar, dass ich als Model privilegierter bin als die meisten arbeitenden Mütter. Ich muß nicht jeden Tag von neun bis fünf Uhr zum Dienst. Da bleibt genügend Zeit für die Kinder. Und wenn ich unterwegs bin, bleibt mein Mann zu Hause. Ja, auch äthiopische Männer überlassen die Kindererziehung nicht nur den Frauen.
Wir waren beide auf Heimaturlaub in Addis Abeba. Ich war damals 20 und lebte in Chicago, Kassy in London. Eines Abends ging ich in eine Bar und da saß er. Er lud mich zu einer Safari in Kenia ein, ein paar Monate später zogen wir zusammen nach New York.
Lachen Sie nicht, aber genau das wollte ich auch. Über meinem Bett hing sogar ein Poster von Naomi Campbell. Aber wenn man in Äthiopien aufwächst, kann man sich nicht wirklich vorstellen, dass es funktioniert. Modenschauen dort erinnern eher an Aufführungen im Schultheater.
Das Klischee kenne ich (lacht). Und bei einigen stimmt es tatsächlich. Ich ging nach dem Abitur zum Studieren nach Chicago und bewarb mich dort in einer Modelagentur, weil ich mir etwas dazu verdienen wollte.
Wow! Auf diesen Vergleich wäre ich jetzt nicht gekommen! Mir war natürlich bewußt, dass dieser Vertrag etwas Besonderes ist, gleichzeitig erinnerte er mich daran, dass die Hautfarbe leider immer noch eine Rolle spielt.
Manche Jobs habe ich aufgrund meiner Hautfarbe nicht bekommen. Das wurde mir auch ziemlich deutlich vermittelt. Es gibt auch Modemagazine, die die Hautfarbe schwarzer Models oder Schauspielerinnen aufhellen, damit sie nicht ganz so, nun ja, ethnisch aussehen.
Leider nicht. Ich habe oft sogar den Eindruck, dass die Modebranche viel konservativer ist als der Rest der Gesellschaft. Man hält sich zwei, drei farbige Models wie Naomi Campbell oder Alek Wek als Alibi-Schwarze, aber bitte nicht mehr. Ich hoffe nur, dass durch Barack Obama der Umgang mit unterschiedlichen Hautfarben endlich etwas normaler wird.
In Äthiopien gibt es noch sehr viel handgefertigte Kleidung, doch die Näher und Weber arbeiten unter sehr schlechten Bedingungen. Man hilft ihnen nicht, wenn man ihnen Geld gibt. Man muß ihnen Arbeit geben, damit sie sich selbst helfen können. Als meine Kinder geboren wurden, habe ich angefangen, Kleidung für sie zu entwerfen. Mittlerweile ist eine eigene Linie daraus geworden. Sie heißt "Lemlem". Die Stücke lasse ich alle in Äthiopien in kleinen Handwerksbetrieben produzieren.
Ich hätte nichts dagegen. Es gefällt mir, dass ich vor der Kamera auch mal den Mund aufmachen darf.