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24. September 2009, 14:26 Uhr

"Wir leben in Afrika, aber nicht hinterm Mond"

Vom genitalverstümmelten Nomadenmädchen zum Topmodel - Waris Diries Geschichte hat Millionen Leser bewegt. In der Verfilmung von "Wüstenblume" spielt Liya Kebede die Hauptrolle. Das aus Äthiopien stammende Model plädiert im stern.de-Interview für einen differenzierten Blick auf Afrika.

Liya Kebede Liya Kebede wurde am 3. Januar 1978 in Addis Abeba, Äthiopien geboren. Nach dem Abitur ging sie nach Frankreich und später nach New York. Ihr Durchbruch als Model gelang ihr, als Tom Ford sie für die Herbst/Winter-2000-Modenschau von Gucci verpflichtete. Seitdem lief sie auf Modeschauen in New York, Paris und Mailand. Kleinere Rollen als Schauspielerin hatte sie in "Der gute Hirte" und "Lord of War – Händler des Todes". Seit 2000 ist sie mit dem Hedge-Fonds-Manager Kassy Kebede verheiratet, mit dem sie zwei Kinder hat.

Oh, schönes Kleid.

Danke sehr. Eigentlich wollte ich Ihnen ein Kompliment machen. Als Schauspielerin haben sich schon viele Models versucht, selten erfolgreich. Sie aber meistern sogar eine Hauptrolle. Wie erklären Sie sich das?

Sobald Models in Filmen auftauchen, spielen sie häufig sich selbst. Sie rennen dreimal durchs Bild, sagen zwei Sätze und betrachten das Ganze als nette kleine Abwechslung. Da ich ernstere Absichten habe, nehme ich seit vier Jahren Schauspielunterricht, hatte schon kleinere Rollen in "Der Gute Hirte" und "Lord of Wars". Modeln ist schließlich keine Option fürs Rentenalter.

Aber für die Rolle war es sicher von Vorteil, oder?

Ich hatte keinen Sonderstatus, sondern bin wie hundert andere Frauen zum Casting gegangen. Dass ich eigentlich Model bin, bekam die Regisseurin Sherry Hormann erst hinterher mit.

Schwer vorstellbar, wenn man wie Sie schon auf dem Cover der "Vogue" war.

Vielleicht interessieren sich Filmleute nicht so für Mode.

Sie spielen das Leben eines anderen Menschen. Wie ist das, wenn man diese Person dann tatsächlich trifft?

Wir haben uns erst gegen Ende der Dreharbeiten kennengelernt. Und ich fühlte mich sehr unwohl dabei. Wie ein Kind, das dabei erwischt wird, wie es verbotenerweise durchs Schlüsselloch guckt. Ich wußte ja alles über Waris, sogar die intimsten Dinge. Das schuf eine gewisse Nähe; gleichzeitig waren wir uns absolut fremd.

Der Film behandelt die Beschneidung von jungen Mädchen in Somalia. Gibt es diese grausame Tradition auch in ihrem Heimatland Äthiopien?

Genitalverstümmelungen sind leider auch bei uns noch sehr verbreitet. Vor allem in den ländlichen Gegenden. In den Wüstenregionen sind die Frauen bis heute praktisch ohne Rechte. Und ich schäme mich fast das zu sagen, aber diese Problematik wurde mir erst durch das Buch und den Film bewußt. Ich bin in der Hauptstadt Addis Abeba aufgewachsen, dort ist die Gesellschaft wesentlich liberaler und aufgeklärter.

Was heißt das konkret für die Frauen?

Was denken Sie? Wir leben zwar in Afrika, aber nicht hinterm Mond (lacht). In den Städten sind viele Frauen gut ausgebildet, arbeiten in den gleichen Berufen wie Männer. Ich war auf dem französischen Gymnasium, später auf dem College in Chicago. Meine Mutter hat ihren Job in einer PR-Agentur auch mit Kindern nicht aufgegeben.

Wie funktioniert die Arbeitsteilung Job und zwei Kinder bei Ihnen?

Mir ist schon klar, dass ich als Model privilegierter bin als die meisten arbeitenden Mütter. Ich muß nicht jeden Tag von neun bis fünf Uhr zum Dienst. Da bleibt genügend Zeit für die Kinder. Und wenn ich unterwegs bin, bleibt mein Mann zu Hause. Ja, auch äthiopische Männer überlassen die Kindererziehung nicht nur den Frauen.

Ihr Mann stammt wie Sie aus Äthiopien. Wo haben Sie sich kennengelernt?

Wir waren beide auf Heimaturlaub in Addis Abeba. Ich war damals 20 und lebte in Chicago, Kassy in London. Eines Abends ging ich in eine Bar und da saß er. Er lud mich zu einer Safari in Kenia ein, ein paar Monate später zogen wir zusammen nach New York.

Bei uns träumen viele Mädchen von einer Karriere als Topmodel. Was wollten Sie werden?

Lachen Sie nicht, aber genau das wollte ich auch. Über meinem Bett hing sogar ein Poster von Naomi Campbell. Aber wenn man in Äthiopien aufwächst, kann man sich nicht wirklich vorstellen, dass es funktioniert. Modenschauen dort erinnern eher an Aufführungen im Schultheater.

Bei Models aus Afrika heißt es gern, sie werden direkt aus der Wüste auf den Laufsteg geschickt.

Das Klischee kenne ich (lacht). Und bei einigen stimmt es tatsächlich. Ich ging nach dem Abitur zum Studieren nach Chicago und bewarb mich dort in einer Modelagentur, weil ich mir etwas dazu verdienen wollte.

Dann kamen Paris, New York und Tom Ford. 2003 wurden Sie das neue Gesicht des Kosmetikkonzerns Estée Lauder - als erstes farbiges Model. Fühlten Sie sich da wie Halle Berry, als sie den Oscar bekam?

Wow! Auf diesen Vergleich wäre ich jetzt nicht gekommen! Mir war natürlich bewußt, dass dieser Vertrag etwas Besonderes ist, gleichzeitig erinnerte er mich daran, dass die Hautfarbe leider immer noch eine Rolle spielt.

Sind Sie deswegen jemals benachteiligt worden?

Manche Jobs habe ich aufgrund meiner Hautfarbe nicht bekommen. Das wurde mir auch ziemlich deutlich vermittelt. Es gibt auch Modemagazine, die die Hautfarbe schwarzer Models oder Schauspielerinnen aufhellen, damit sie nicht ganz so, nun ja, ethnisch aussehen.

Sie machen Witze.

Leider nicht. Ich habe oft sogar den Eindruck, dass die Modebranche viel konservativer ist als der Rest der Gesellschaft. Man hält sich zwei, drei farbige Models wie Naomi Campbell oder Alek Wek als Alibi-Schwarze, aber bitte nicht mehr. Ich hoffe nur, dass durch Barack Obama der Umgang mit unterschiedlichen Hautfarben endlich etwas normaler wird.

Sie engagieren sich sozial, indem Sie Kindermode produzieren. Was ist daran sozial?

In Äthiopien gibt es noch sehr viel handgefertigte Kleidung, doch die Näher und Weber arbeiten unter sehr schlechten Bedingungen. Man hilft ihnen nicht, wenn man ihnen Geld gibt. Man muß ihnen Arbeit geben, damit sie sich selbst helfen können. Als meine Kinder geboren wurden, habe ich angefangen, Kleidung für sie zu entwerfen. Mittlerweile ist eine eigene Linie daraus geworden. Sie heißt "Lemlem". Die Stücke lasse ich alle in Äthiopien in kleinen Handwerksbetrieben produzieren.

Wird es in Zukunft nur noch die Schauspielerin Liya Kebede geben?

Ich hätte nichts dagegen. Es gefällt mir, dass ich vor der Kamera auch mal den Mund aufmachen darf.

Interview: Christine Mortag
 
 
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