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30. Juli 2009, 12:37 Uhr

Der Großmeister der Improvisation ist tot

Mit seinem Namen verbinden sich Schlagzeilen über Theaterbühnen in Bochum, Hamburg, Berlin und Wien. Er inszenierte Shakespeare, Ibsen, Fallada oder Brecht, er schockte das Publikum mit nackten Schauspielern. Peter Zadek, der zu den bedeutendsten zeitgenössischen Regisseuren zählt, starb im Alter von 83 Jahren.

Peter Zadek, Theater, Großmeister, Regisseur

Großmeister des Theaters, von Krankheit gezeichnet: Peter Zadek, hier ein Bild aus dem Jahr 2003, starb im Alter von 83 Jahren© Picture-Alliance

Der große deutsche Theatermacher Peter Zadek ist tot. Er starb in der Nacht zum Donnerstag in Hamburg im Alter von 83 Jahren. Zadek, der in den vergangenen Jahren schwer erkrankte, war einer der bedeutendsten und einflussreichsten Regisseure des deutschsprachigen Theaters der Nachkriegszeit. Als unerschrockener Provokateur des bürgerlichen Bildungstheaters prägte er ein halbes Jahrhundert das Bild der deutschen Theaterlandschaft, viele bescheinigten ihm auch, er habe Welttheater gemacht. Seine meist poetisch-melancholischen oder auch ungestüm-wütenden Arbeiten von Bochum bis Wien markierten Wende- und Höhepunkte in der deutschsprachigen Theatergeschichte. 2008 erhielt der Regisseur Österreichs wichtigsten Theaterpreis, den "Nestroy", für sein Lebenswerk.

Zadek wurde 1926 in eine gut-bürgerliche jüdische Familie in Berlin geboren. die 1933 nach Großbritannien emigrierte. Nach einer Ausbildung zum Regisseur hatte er seinen ersten großen Erfolg 1957 in London mit der Uraufführung von Jean Genets "Der Balkon". 1958 übersiedelte Zadek nach Deutschland und arbeitete zunächst in Ulm und in Bremen. Zadek machte sich einen Namen als junger Regisseur, der gegen Konventionen verstieß, improvisierte und seine Schauspieler improvisieren ließ. 1972 bis 1979 arbeitete er als Intendant in Bochum. Hier entdeckte er den inzwischen verstorbenen Schauspieler Ulrich Wildgruber für seine Stücke. Wildgruber spielte fortan in allen Shakespeare-Inszenierungen Zadeks.

Hasserfüllte Reaktionen des Publikums

In den folgenden Jahren arbeitete Zadek als freier Regisseur an mehreren Bühnen und übernahm 1985 bis 1988 die Intendanz am Deutschen Schauspielhaus in Hamburg. Seit Hamburger Zeiten spielte die Schauspielerin Eva Mattes Zadek-Inszenierungen. Auf "Othello", in dem sie 1976 mit Wildgruber auf der Bühne stand, habe das Publikum "geradezu hasserfüllt reagiert: es hieß, 'das ist nicht unser Shakespeare, es würde nur gebrüllt und geschwitzt'... 'Nach einem halben Jahr dann sind die Leute gepilgert.'" Mattes sagte dazu, Zadek "überrascht mich eigentlich bei jeder Produktion, immer mit dem Gleichen, er kann so präzise über Menschen Auskunft geben, über das, was zwischen ihnen geschieht"

Nach Hamburg folgten Arbeiten in Wien, Paris und München. 1992 bis 1995 arbeitete Zadek im Leitungsteam des Berliner Ensembles. Hier brachte er mit "Die Jasager und der Neinsager" sein erstes Stück von Bertolt Brecht auf die Bühne. Im letzten Jahrzehnt hat Zadek unter anderem mit Tschechows "Der Kirschgarten", Shakespeares "Hamlet" und "Richard III" sowie Henrik Ibsens "Rosmersholm" Erfolge gefeiert und Auszeichnungen erhalten. Zadek ist Mitglied der Akademie der Künste in Berlin.

Traum von eigenem Ensemble zerschlagen

Im Frühjahr 2007 zerschlug sich aus gesundheitlichen Gründen Zadeks Traum von einer eigenen "Shakespeare-Company". Noch einmal trumpfte der große alte Mann des deutschen Theaters aber 2008 am Hamburger St.Pauli-Theater mit Luigi Pirandellos Parabel "Nackt" und Anfang Februar 2009 mit George Bernard Shaws Komödie "Major Barbara" mit einem hochkarätigen Ensemble wie Julia Jentsch, August Diehl und Jutta Lampe in Zürich auf. Die Zürcher Inszenierung war wegen seiner Krankheit bereits verschoben worden.

Zadek war einer der erfolgreichsten deutschsprachigen Regisseure, der von Publikum und Kritik gleichermaßen geliebt wurde. In 40 Jahren Theatertreffen deutschsprachiger Bühnen war Zadek mit mehr als 20 Einladungen ein Spitzenreiter. Seine Lust an der aktuellen Provokation und zeitkritischem Theater ohne erhobenen Zeigefinger wurde vor allem an seiner ungewöhnlichen Mischung neuer theatralischer Mittel deutlich. Als unerschrockener Provokateur des bürgerlichen Bildungstheaters, das er auffrischte wie nur wenige seiner Kollegen, liebte er den Boulevard ebenso wie die Tragödie und verband Revue-Elemente mit dem nackten Grauen. Seine rebellische Bühnenform, den "Bremer Stil", die er zusammen mit Leuten wie Rainer Werner Fassbinder und Peter Palitzsch kreiert, schrieb Theatergeschichte und beeinflusst bis heute die Bühnen dieser Republik.

DPA/AP
 
 
KOMMENTARE (4 von 4)
 
raptor-xl (31.07.2009, 13:58 Uhr)
ich habe offen gefragt...
..ob ich ein kunstbanause bin, wenn ich das nicht gut fand. ich kann dem nichts abgewinnen und ob ich da für eine mehrheit stehe oder nicht, ist mir ziemlich egal.
ich weiß nur, dass hamburg "sein" theater mit millionen stützen musste, weil der andrang der medien groß, aber der von zuschauern kleiner war.
für viele sicher ein messias des provikanten theaters. für die mehrheit eher überflüssig. vielleicht versteht man dessen anliegen auch erst in einigen jahren, wenn man abstand hat. aber dennoch bleibt meine einstellung: dafür gebe ich nie wieder geld aus!
onkel.erwin (31.07.2009, 02:05 Uhr)
War irgendetwas besonderes, während ich weg war?
Nö. Einer kam rein und hat in eine Vase gepinkelt, sonst nichts.
laketahoe (30.07.2009, 17:30 Uhr)
@raptor-xl
Weltliteratur ist auch dann solche, wenn irgendjemand aus dem Publikum dem nicht zustimmt. Und Peter Zadek ist ein mehr als würdiger Vertreter des bestmöglichen Theaters der Welt, auch wenn Sie etwas anderes lieber sehen mögen. Ist ja gut. Aber Maßstab kann das ja wohl kaum sein.
Zusammen mit dem Tod von Traugot Buhre, der dem Stern in seiner Onlineausgabe keinen Mucks wert war, ist der Tod Zadeks unglaublich traurig für das Theater und das Gute Deutschland.
raptor-xl (30.07.2009, 14:05 Uhr)
ohja...
der mann der weißen wohnungen, der weißen teppiche und des "tollen, modernen" theaters. hmmm, ich bin mal in hamburg mittendrin aufgestanden, weil es mir zu blöde war. für andere war er der messias. naja, als eine nackte brust noch ein skandal war, hat er seine berechtigung gehabt. obwohl: mich hat das alles nie angesprochen.
aber ich renne bei einer kunstausstellung auch nicht 4,5km einem nylonfaden nach, der mir erklären soll, wie nicht unendlich meion leben ist und wie eingeengt ich darin eigentlich bin. sorry, solche dinge verstehe ich nicht und habe dafür auch keine zeit und muße. bin ich ein kunstbanause, weil ich hingegen turandot in petersburg in der wunderschönen oper (sehr klassisch gespielt) hingegen toll, ja überwältigend fand?
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