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15. Januar 2009, 19:15 Uhr

Die Generation Anti-Porno

Schluss mit Sprachverrohung, Gewalt und schnellem Sex: Teenager rennen zuhauf in Filme wie "Twilight" und "High School Musical" - sie wollen nicht mehr Rapper 50 Cent in der Bronx, sondern Kinderstar Hannah Montana im Disney-Club. Geht der Trend zur neuen Unschuld? Von Sophie Albers

Twilight, High School Musical, Generation Porno, Zac Efron, Vanessa Hudgens, Walt Disney, die neue Unschuld

"Twilight" bietet den ganz großen Kick - ganz ohne jede Ecke oder Kante© Concorde Filmverleih/DDP

Anschmachten, aber nicht anfassen. Im Kopfkino der deutschen Teenager hat offenbar ein radikaler Wandel stattgefunden: Der Generation Porno mit ihrem Brutalo-Rap und dem Glauben an das Recht des Stärkeren folgt eine komplett konträre Strömung, nämlich die Sehnsucht nach der neuen Unschuld. Die ist strahlend rein, sexfrei, voll beschwingter Melodien und großer Erwartungen. Den Soundtrack und die Bilder zur kuscheligen Sicht aufs Leben liefert vor allem Walt Disney. Der Hype um Hannah Montana, die Jonas Brothers und das "High School Musical" ist groß. Auch der romantische "Twilight" versetzt Teenager in Freudentaumel, ein Film, der sogar Vampiren die Zähne zieht. Ein neuer Trend? Wunschdenken? Oder eine gut funktionierende PR-Kampagne?

Die Zahlen: Seit zweieinhalb Jahren ist das "High School Musical" - von seinen Fans liebevoll "HSM" genannt - ein international beliebtes Teenager-Thema. Mehr als 255 Millionen Zuschauer haben den ersten Teil des kantenlosen US-Singspiels über lachende, tanzende Schüler gesehen. In 20 verschiedenen Sprachen, in 100 Ländern. Zehn Prozent davon allein in Deutschland. Und das nicht mal im Kino, sondern im Fernsehen und auf DVD. Die Soundtracks waren die weltweit erfolgreichsten Alben, die DVD der meistverkaufte Film. In den Disney-Parks von Paris bis Orlando laufen eigene Bühnenshows. Nachdem "High School Musical 2" den Rekordlauf fortsetzte, wurde Teil drei gleich als Kinoereignis zelebriert. Teil vier ist in Arbeit, und die "High School Musical"-Stars Zac Efron und Vanessa Hudgens sind das gefeierte Traumpaar der Teenie-Fanmeile.

Vegetarische Vampire

Auch die vegetarischen Vampire aus "Twilight - Biss zum Morgengrauen" (Deutschlandstart 15. Januar/ siehe Kasten) tummeln sich auf dem Schulhof. Die völlig sexlose Highschhool-Liebe eines Untoten und einer Schul-Schönen hat am ersten Kinowochenende in den USA knapp 71 Millionen Dollar eingespielt und damit mal eben fast das Doppelte des Budgets wieder reingeholt. Für einen Film ohne großes Hollywoodstudio im Rücken ein unglaublicher Erfolg. Allerdings nicht völlig überraschend, schließlich war der erste Teil von Stephenie Meyers Bestseller-Reihe die Vorlage. Die nächsten Kuschel-Vampire warten schon. Und auch kreischende Teenager wie zu den besten Zeiten von Tokio Hotel.

Was ist da los? Wieso schaffen Weicheier mit Fangzähnen und zum Erbrechen dauergutgelaunte Teenies, was Roland Koch unter brutalstmöglicher Anwendung des Jugendstrafrechts nicht hinbekommt? Wie konnte die schmalzige Schulhofhymne "You Are The Music In Me" gegen die Hassreime aufs Leben im Großstadtghetto das Rennen machen? "Die Stars von 'High School Musical' spiegeln eine Sehnsucht wider: nach heiler Welt. Eine Welt, in der die Schulen noch sauber sind, in der es tolle Cliquen gibt, in der Gemeinschaftsgefühl noch zählt", erklärt sich einer, der es wissen muss, den Erfolg von Zac Efron und Co. Tom Junkersdorf, Chefredakteur von Deutschlands Jugendzeitschrift "Bravo", sagte im Gespräch mit stern.de, für die Fans sei das "High School Musical" "100 Prozent Lebenswelt - eine Projektionsfläche für Wünsche und Träume. Jeder sieht: Wow, die in Hollywood haben so viel Spaß an der Schule! Alles viel besser und bunter als in Wirklichkeit. Täglich vorgelebtes Happy-End."

Auch für den harten Bruch in der Zuneigungsverteilung der "Bravo"-Klientel - die nun statt über Sido und Bushido alles über Demi Lavato aus Disneys nächstem blütenreinen Streich "Camp Rock" und Vegi-Vampir-Darsteller Robert Pattinson liest - hat er eine Erklärung: "Jugendtrends leben immer vom Gegensatz: Wenn Rumhängen, Rumsexen und Rumsaufen der Mainstream sind, werden auf einmal die Leute interessant, die es genau anders machen."

Keine Schnittmenge

Das sieht der Dortmunder Jugendforscher Ronald Hitzler anders: Die Jugendlichen, die aggressiven Rap hören, und die Jugendlichen, die sich am strahlenden Lächeln der Stars nach dem neuen Reinheitsgebot erfreuen, seien nicht die gleichen, sagte er im Interview mit stern.de. "Das 'High School Musical' ist ein Hype und hat auch sicher etwas aufgenommen, aber bei den Fans gibt es wohl kaum eine Schnittmenge." Denn man könne heute nicht mehr von "der Jugend" sprechen wie noch in den 80er Jahren. "Die Szene ist vielfältig und sehr, sehr bunt", pflichtet ihm der Sozialpädagoge Richard Münchmeier bei. "Es gibt nichts, was es nicht gibt und alles, was man sich denken kann." Bei den Anhängern der "neuen Unschuld" handle es sich um eine bestimmte Gruppe von Jugendlichen, andere wiederum fänden das "High School Musical" unglaublich langweilig. "Wir leben in einem Flickenteppich von Jugendkulturen", ergänzt Hitzler.

Also doch kein Ende der "Ich fick dich"-Attitüde des Gangsta-Rap? Bleiben uns die stolpernden Hasstiraden und die Debatten darüber erhalten? "Szenen und Kulturen verschwinden nicht, nur weil die öffentliche Aufmerksamkeit abnimmt", sagt Hitzler. Das sei ein verbreiteter Denkfehler. Der aggressive Rap werde seine Anhänger behalten, zumindest einen Teil davon.

Heimlicher Sex

Immerhin: Eine Botschaft vermittle der Erfolg von Heile-Welt-Entwürfen wie "High School Musical" und "Twilight" aber schon: "Im Moment sind die exzentrischsten Sachen möglich. Da wird das Normale wieder interessant", sagt Hitzler. Der Jugend gehe es doch in all ihren Ausformungen vor allem um eines: anders zu sein als ihre Eltern. "Lassen Sie den Jugendlichen das Gefühl, dass sie Sex haben können, den sie noch vor ihren Eltern verbergen müssen. Die zünden ja heute sogar noch die Kerzen an und stellen Kondome hin." Nichts ist schlimmer als das totale Verständnis. Und was schockiert einen Vater und Eminem-Fan mehr als das strahlend-stupide Lächeln von "High School Musical"-Blondine Ashley Tishdale, während sie den völlig bedeutungslosen Song über die Ananas-Prinzessin Tiki trällert.

"Twilight" Die 17-jährige Bella (Kristen Stewart) ist neu in der Highschool des tristen Minikaffs Forks, wo sie von nun an bei ihrem Vater leben soll. Sie rechnet mit viel Regen und Langeweile. Doch dann tritt der etwas blasse Edward (Robert Pattinson) in ihr Leben, das von nun an etwas aufregender sein wird. Denn Edward ist ein Vampir. Wenn auch einer mit Highschool-Kantinenkarte und Begabung für Baseball anstatt der handelsüblichen untoten Erotik ...

Von Sophie Albers
 
 
KOMMENTARE (10 von 27)
 
Malt (16.01.2009, 15:54 Uhr)
@eire98
Wenn sie meinens es wäre Blödsinn, dann ist das Ihre Meinung... mir liegt ja fern, Ihnen meine Aufdrängen zu wollen... aber der Zusammenhang zwischen Vampir (blutsaugendes Monster mit Affinität zu jungen Mädchen, welches ja eigentlich garnicht so böse ist respektive der ja eigentlich nichst dafür kann, dass er böse ist) und Sexualstraftäter (Monster, mit Affinität meist zu jungen Mädchen welches ja eigentlich garnicht so böse ist respektive der ja eigentlich nichst dafür kann, dass er böse ist) lässt sich meiner ansicht nach durchaus herstellen.
Sanjoaquin (16.01.2009, 15:01 Uhr)
@ Gormiti
Meine Tochter kann Ihnen ruhig leid tun, sie wird das verkraften, aber im Gegensatz zu Ihnen kennt sie schon mit 11 Jahren den Unterschied zwischen dass und das.
eire98 (16.01.2009, 14:53 Uhr)
Vampire
und Sexualstraftäter in einen Topf zu werfen, auf so einen Blödsinn muß man erst mal kommen, alle Achtung. Falls Sie es noch nicht bemerkt haben sollten: Sexualstraftaten sind furchtbare, traurige Realität, Vampie gibt es in mehr oder weniger guten Filmen, in diesem Fall wohl eher weniger.
Filme wie dieser oder HSM spiegeln sehr schön den Geist des evangelikalen fundamentalistischen Glaubens der Bush-Ära wieder, in der Sexualität Teufelszeug ist, in erster Linie der Fortpflanzung dient und vor der Ehe läuft sowieso nix.
Disney trägt diese Einstellung nur allzu gerne in die Welt hinaus, läßt sich ja auch jede Menge Kohle mit der neuen Prüderie machen.
Im übrigen bringt sich Twilight durch die Weichspülerei um einen wichtigen Aspekt, die das Vampir-Thema bisher fast immer ausgezeichnet hat: Die Symbolhaftigkeit in Bezug auf die Sexualität, man denke z.B nur an Coppolas Dracula, welcher vor sexueller Symbolik nur so strotzt. Aber dafür ist in der schönen neuen "sauberen" Welt die hier kolportiert wird natürlich kein Platz. Der Film wird dadurch in doppelter Hinsicht blutleer...
STR_EDDS (16.01.2009, 14:19 Uhr)
Normal?
@Josh67: Nein. Die Menschheit ist nicht mehr oder weniger verblödet als noch vor 30 Jahren. Und das ist auch gut so.
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Die aktuelle Jugendkultur ist so vielschichtig, dass sich ertragsorientierte Marketingleute darin versuchen, einen möglichst gemeinsamen Nenner zu finden. Derzeit ist das eben alles, was ungefähr dem wabernden Emo-Trend entspricht. Da passen Hannah & Co. gut hinein.
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Was Sido und Bushido heute sind, waren "damals" die Toten Hosen, Ärzte, The Smiths, The Cure, etc. Nichts anderes als eine Flucht und ein Ventil um mit dem pupertären Chaos klar zu kommen. Viele Kommentatoren vergessen wohl zu leicht ihre eigene, verworrene Zeit. Dass daraus automatisch Todessüchtige (Hörer von Cure/Smiths) oder Rüpel (Sido/Bushido) werden ist Mumpitz. Letztendlich sind es die Eltern, welche den Nachwuchs prägen. Sie tragen die Vernatwortung und diese können sie auch nicht auf irgendwelche Trends abwälzen.
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Als ehemals "langhaariger Backsteinwerfer" (O-Ton Direx) mit bis heute anhaltender Metal/Rock-Vorliebe bin ich auch Ehemann, Unternehmer und sozial denkender Mensch geworden. Das habe ich aber keinesfalls meinen bevorzugten Musikgruppen oder meinem damaligen Umgang zu verdanken. Das haben meine Eltern zustande gebracht. So einfach ist das manchmal.
Josh67 (16.01.2009, 13:27 Uhr)
Normal?
Wie wäre es mal mit der "Normalität", statt mit extremen?
Gibt es immer nur entweder oder?
Die Menschheit ist krank und völlig verblödet!!!
Malt (16.01.2009, 12:18 Uhr)
@Bohne
Und das trotz Tippfehler ;-)
b0hne (16.01.2009, 12:11 Uhr)
@Malt
Der letzte Absatz ist so bisher das Beste was ich hier je gelesen hab!
Malt (16.01.2009, 12:06 Uhr)
@Necros
Gute Kommentar.
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Frage: Warum werden Vampire eigentlich immer harmloser und romantischer?
Wenn man böswillig sein möchte, könnte man glatt denken, dass dadurch eine "Akzeptanz des Bösen" erzeugt werden soll. So nach dem Motto: "Ach, schaut her, Vampire, Politiker und Sexualstraftäter sind eigentlich garnicht wirklich böse... die sind doch alle eigentlich nur Opfer der Umstände..."... von wegen schwere Kindheit und so... ;-)
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Meiner Ansicht nach ist diese "Kitschwelle" nicht anders zu interpretieren als die Sehnsucht der postkriegs Deutschen nach Heimatfilm, Idyll und heile Welt. Wenn die Zeiten schlecht sind und Perspektiven fehlen, dann flüchtet sich der Mensch halt gerne in sowas... ist doch nichst Neues!
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Davon mal abgesehen finde ich am kritischsten weder Fime, ncoh "Gangster-Rap" noch Computerspiele, sondern dass ein sehr, sehr großer Teil der Jugendlichen heutzutage förmlich zu kritiklosen Konsumenten erzogen wird.
OnceKnown (16.01.2009, 11:13 Uhr)
@gormiti
"Prüderie und christlicher Gehorsam. Ein Grund mehr seine Kinder von der Kirche fernzuhalten."
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Gut, dass Sie bereits jetzt für Ihre Kinder erkannt haben was richtig und was falsch ist und Sie schon mal richtig schön nach Ihrem Ebenbild formen. Dann haben Ihre Kinder ja jede Freiheit und genug Wissen um zu wählen.
gormiti (16.01.2009, 11:08 Uhr)
Fuß in der Tür
bei Disney müsste esdoch schon klingeln?
Sieht keiner das das nur wieder US Masche und ihre Prüderie ist? Oh eine nackte Frau, schnell haltet euch die Augen zu, sonst bekommt ihr Wirbelsäulenverkrümmung! Das passt doch nur zu gut in den deutschen Möchtegernbubdesstaat.
Prüderie und christlicher Gehorsam. Ein Grund mehr seine Kinder von der Kirche fernzuhalten.
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