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Zero shades of grey - warum ich Facebook kaum noch ertragen kann

Die sympathisch-dümmliche Meldestelle für Müsli- und Katzenfotos ist zum schwarzen Brett für extreme Positionen geworden: Facebook macht immer weniger Spaß. 

Eine Kolumne von Micky Beisenherz

Micky Beisenherz über Facebook

Polizeigewalt oder linke Extremisten? Auf Facebook wird meist keine andere Meinung zugelassen.

"Lieber Andi*. Ich mag Dich. Damit das so bleibt, werde ich Dich jetzt bei löschen."

Was etwas drastisch klingt, war die einzig richtige Maßnahme, um sich künftig auf dem Fußballfeld oder Bierstand noch respektvoll begegnen zu können. Andi kenne und mag ich seit ungefähr 25 Jahren und der analoge Teil davon war gut.

Dann irgendwann kam die unvermeidliche digitale Anfreundung und damit verbundene Neuordnung der Verhältnisse. Man konnte richtig sehen, wie ein normaler Account voll gut gelaunter Belanglosigkeiten zusehends verdankemerkelte.

Der Ton wurde schärfer, ein Wutposting jagte das andere, alles wurde monothematischer - und natürlich monokausaler. Die Verpanzerung einer Meinung vor meinen Augen. "Lemminge", "Schafe", die unvermeidlichen "Gutmenschen" vs. die Aufgeklärten, System(medien)kritischen. Es war ermüdend.

Es ist ja leider immer wieder so, dass der virtuelle Anschluss an eine Person, die man schon seit Jahren flüchtig kennt, sich mitunter anfühlt wie diese Szenen, wenn der in einem Hollywood-Thriller in den Wohnraum eines Suspects eindringt und unterlegt von dramatischer Musik das ganze Ausmaß der psychischen Verheerung sieht.

War das aber früher nur punktuell so, scheint es mir mittlerweile die Regel zu sein. Die sympathisch-dümmliche Meldestelle für - und Katzenfotos ist zum schwarzen Brett für extreme Positionen geworden. Eine Mischung aus Swingerclub, Terrorzelle und Scherbengericht.

Facebook verkommt zum Hort der Meinungsextremisten

Ein globales Dixiklo, das Meinungsextremisten immer dann grölend umkippen, wenn gerade einer drinsitzt, der es wagt eine andere Position zu besetzen. Hier wird sich verlässlich den Realitäten der Welt verweigert. Die ist bekanntermaßen nicht immer und überall schön- aber das in vielen Schattierungen von grau.

Noch jetzt, drei Wochen nach , fliegen mir die Postings wie Kugeln um die Ohren. Die Beiträge sollen wechselweise belegen, dass Polizisten alles Schweine sind oder Linke ein gewaltbereiter Haufen Terroristen. Niemand scheint auch nur auf den Gedanken zu kommen, dass womöglich auch einfach beides möglich ist. Und beides auch gleichermaßen nicht.

Es scheint undenkbar, dass bei hunderttausenden Menschen, die in einer Stadt aufeinander treffen, sehr, sehr unterschiedliche Facetten menschlichen Handels zu registrieren sind. Oder, um das grundlegende Problem der Menschheit mal zusammenzufassen: Es gibt solche und solche.

Der Mensch sehnt sich nach absoluter Wahrheit. Nach der einen Erklärung für die Welt. Deshalb gibt es Gott, den FC Bayern München oder den Kopp Verlag. Es ist unbefriedigend, erkennen zu müssen, dass die Zusammenhänge der Welt komplex und undurchdringlich sind. Aber müssen wir Meinungsmonopolisten deshalb die Köpfe einschlagen?

Es ist durchaus möglich, viele Polizisten für gewaltbereite Idioten zu halten und manche Demonstranten, nun ja, auch. Ebenso kann ich die unverhohlene Sympathie der Linksautonomen für die (mitunter linksmotivierte) Gewalt in der Schanze abstoßend dumm finden und es dennoch gut finden, wie sich viele Händler in Hamburg mit der Roten Flora solidarisieren.

Dass der hektische Vorschlag, diese abzureißen oder in einen Kindergarten, Starbucks oder Autohaus umzuwandeln auf ein heftig positives Echo stieß, passt in eine Zeit, die nur noch zu bestehen scheint aus Hysterie, Symbolik, Aktionismus.

Andere Meinungen werden mit Gebrüll niedergemacht

Ja, man darf in Deutschland alles sagen. Das ist eine Tatsache. Und das ist auch gut so. Dennoch muss einem bewusst sein, dass bereits die zaghafte Formulierung eines (anderen) Empfindens heftigstes Gebrüll mit unverhohlenem Vernichtungswillen nach sich ziehen kann.

Kann ich für Merkels Kurs in der Flüchtlingspolitik sein und dennoch verstehen, warum sich Menschen deshalb unwohl fühlen? Kann ich. Überlege ich mir ernsthaft, ob ich das öffentlich so schreiben sollte - sehr wohl. Der scharlachrote Buchstabe ist heute ein blaues F.

Ein "Spiegel"-Journalist berichtet von seiner Zeit als Schöffe im Gericht Berlin Moabit, und noch bevor er beginnt, lediglich das zu berichten, was er dort gesehen und erlebt hat, also seinen primären Job als Reporter erledigt, schickt er in vorauseilender Gesinnungsversicherung vorweg, dass er keinesfalls mit der AfD sympathisiert. Und da wundern wir uns, dass man die Presse zusehends kritisch beäugt. (Von der aktuellen "Spiegel"-Bestsellerliste mal ganz zu schweigen.)

Und ja, ich nehme mich da nicht aus. Zu verlockend ist es, mit dem Finger auf andere zu zeigen. Zu verführerisch die Kraft, mit ein paar Zeilen ein kollektives "Packt ihn!" loszutreten. Allein, es bringt uns keinen Zentimeter voran.

Ermüdend - das ist es, was es ist. Es macht immer weniger Spaß hier. Und es erschreckt mich mitunter, wie einfältig wir sind. Ein Stierkämpfer wird vom Bullen aufgespießt und getötet. Eine Woge von "geschieht dem Recht" schwappt durchs Netz. Dieselben Leute brüllen "Karma", während sie ihr Wiesenhof-Würstchen auf dem Grill wenden.

Nicht mal Phil Collins geht

Ja, glauben wir denn ernsthaft, irgendeiner kommt sauber aus der Nummer hier raus! Keiner von uns! Trotzdem arbeiten wir mit einem Furor daran, zu belegen, dass wir auf der richtigen Seite stehen. Eine allgemeine Nervosität, die längst wie ein Flächenbrand vom Politischen auf alle anderen Bereiche übergegriffen hat.

Mittlerweile kann ich noch nicht mal mehr einen zutiefst menschlichen und wohlmeinenden Text über ein Phil-Collins-Konzert verlinken, ohne dass Minuten später bereits der Bürgerkrieg in den Kommentarleisten tobt. Volkssport Extremismus.

Zwei, drei meiner besten Freunde sind nicht bei Facebook. Wie gut das ist, wird mir mehr und mehr bewusst. Womöglich wären wir gar nicht mehr befreundet.

 

(*Name vermutlich geändert)

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