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30. Mai 2008, 11:48 Uhr

"Ich bin nicht wie Hitler"

Sido, Aushängeschild des Berliner Rap-Labels Aggro, darf alles, sogar Frauenkleider tragen. "Ich&meine Maske" heißt sein drittes Album. Der Staatsfeind mit dem Herzchen überm i hat stern.de seine Welt erklärt. Darin trifft Goethe auf Hitler und Charlotte Roche - und die Sonne scheint übrigens blau. Von Sophie Albers

"Goethe war ab und zu auch ein bisschen dirty"© Henning Kaiser/DDP

Der "Arschficksong" und die glänzende Totenkopfmaske haben ihn berühmt und zum Elternschreck gemacht. Als der Berliner Rapper Sido vor drei Jahren das Chrom vom Gesicht nahm, kam ein freundliches Gesicht mit Bänkerbrille zum Vorschein. Im Video "Augen auf" zur ersten Single seines neuen Albums "Ich&meine Maske" rappt der Star des Labels Aggro Berlin über verantwortungsvolle Kindeserziehung und trägt Frauenkleider. Sido ist derzeit der kreativste und unterhaltsamste Künstler im deutschen Rapgeschäft - und er interessiert sich für Feminismus.

Das erste Album hieß "Maske", das zweite "Ich" und das dritte nun "Ich&meine Maske". Ist Sido jetzt vollständig?

Ich bin jetzt vollständig angekommen in der deutschen Musikszene. Ich bin nun nicht nur ein Teil der HipHop-Szene, sondern der ganzen deutschen Musikszene.

Die Schizophrenie ist aufgelöst?

Das ist ja nicht wirklich 'ne Schizophrenie. Ich hab' damals ganz gerne mal erzählt, dass es da so was gibt wie ein zweites Ich.

Auf dem neuen Album gibt es einen Song über das Eigenleben der Maske.

Da redet die Maske mit mir. Aber der Typ, der mit euch redet, bin immer ich. Ihr hört' sie nicht reden.

Muss Sido eigentlich noch kämpfen? Die Widerstände gegen den Asphalt-Rap sind gewaltig geschrumpft.

Das einzige Mal, wo ich überhaupt gekämpft hab', war beim zweiten Album. Da war ich nicht frei von allem. Da wollte ich mir was beweisen, wollte es besser machen, wollte krass sein, den Erfolg wiederholen und halten. Ich wollte den Leuten zeigen, dass ich keine Eintagsfliege bin. Jetzt, beim dritten Album, war ich völlig frei von allem! Es ist mir egal, ob es sich verkauft oder nicht. Das kann mir im Grunde auch egal sein, finanziell. Erstmal. Außerdem kann ich mit meinem Namen mittlerweile auch was anderes als Musik machen.

Zum Beispiel?

Ich hab' mit meinen Entertainerqualitäten überzeugt, man hat mich den Cometen moderieren lassen, Ende des Jahres drehe ich 'nen Kinofilm [Rapper-Geschichte, produziert von Oliver Berben, Anm. Red.]

Der berüchtigte "Arschficksong" ist vier Jahre her, der Weg bis zum aktuellen Titel "Augen auf" war ein sehr langer. War der erste Song nötig, um die Aufmerksamkeit für den neuen zu bekommen?

Darüber hab' ich mir damals und heute keinen Kopf gemacht. Der "Arschficksong" ist zu einer Zeit entstanden, wo es mir nicht gut ging. Es ging mir scheiße, ich hätte morgen tot sein können, ich hatte keine Perspektive, ich wusste nicht, wohin mit meinem Leben, wie wird es enden, keine Ahnung. Ich hatte nichts. Deswegen hat sich der Song auch entsprechend angehört. Darin geht es nicht um meine sexuellen Vorlieben. Das ist einfach reines Punkertum. Ich wollte den Leuten, die sagen: Du redest ja nur über Sex und benutzt Fäkalsprache, du redest nur über Ärsche und Ficken, den Soundtrack zu ihrem Gequatsche liefern. Hier habt ihr den Song, jetzt könnt ihr sagen, ich rede nur darüber. Gegen den Strom schwimmen, obwohl es ja eigentlich mit dem Strom schwimmen war. Dabei ist der Song an sich schon ziemlich gegen den Strom schwimmen. Eigentlich voll schlau von mir. [lacht] Aber wie gesagt: Damals war mir alles scheißegal. Der war zum Schockieren. Mittlerweile hat sich mein Leben gewandelt. Ich hab' was, wozu es sich zu leben lohnt. Ich weiß jetzt, dass es besser ist, krankenversichert zu sein, dass es besser ist, einen Ausweis zu haben, gemeldet zu sein in Deutschland. Es gibt einfach Sachen, um die ich mich kümmern muss, Pflichten. Deswegen klingt das wahrscheinlich alles ein bisschen vernünftiger als damals, weil ich jetzt vernünftig sein muss.

Ihre Biografie heißt "Gib mir mein Lied zurück"...

Das Buch heißt so, weil sie einen Song von mir verbieten wollten, und ich bin vor Gericht dagegen vorgegangen, um Deutschland davon zu überzeugen, dass das nicht stimmt, was die da erzählen. Hat nicht funktioniert. Aber ich hab's versucht. Aber um das noch mal klar zu stellen: Von mir ist bisher nur ein Song auf dem Index gelandet. Darauf bin ich stolz. Ich wäre auch stolz, wenn's keiner wäre.

Ist eine Indizierung also keine Auszeichnung? Es heißt doch, dass man erfolgreich gegen die Regeln verstoßen hat, und das bringt Aufmerksamkeit.

Es ist nicht meine Intention, gegen Regeln zu verstoßen. Wenn ich etwas sage, das die Leute verärgert, dann habe ich das nicht extra gesagt - außer beim "Arschficksong". Da sage ich auch jedes Mal, das es so ist.

Auf dem neuen Album heißt es unter anderem: "Deutschland kann nicht ohne mich". Können Sie nicht ohne Deutschland?

Ich könnte wahrscheinlich auch ohne Deutschland. Ich weiß es nicht. Viele Leute denken doch darüber nach, mal irgendwo im Ausland zu wohnen, aber ich könnte es mir gar nicht richtig vorstellen. Wo denn? Spanien? [Lacht] Das ist nix für mich. Ich fühl' mich hier schon wohl. Hier hab' ich meine Gepflogenheiten, und hier weiß ich, woran ich bin. Ich meine, ich merke ja jetzt schon Unterschiede: Ich wohne in einer anderen Gegend, nicht mal eine wirklich bessere Gegend, aber es ist kein Hochhausviertel mehr, nicht ghettomäßig. Untere Mittelklasse wohne ich jetzt. Also die Gegend, meine Wohnung ist natürlich was Besonderes.

Ist es das einst anvisierte Penthouse?

Genau, oben auf dem Dach mit Terrasse und dem ganzen Scheiß. Aber eben in einer immer noch nicht ganz guten Gegend. Trotzdem merke ich, wie ich da nicht so mit den Leuten klar komme. Im Viertel fühl' ich mich wohl, egal wie dreckig, wie gemein, vielleicht auch manchmal hinterhältig und nichts gönnend die Leute da sind. Aber ich weiß, woran ich bin. Ich kann mit den Leuten aus der neuen Gegend nicht richtig umgehen und die auch nicht mit mir.

Woran merken Sie das?

Ich komme unten in den Fahrstuhl rein, und die Leute steigen aus und gucken auf den Boden. Ich sag' freundlich hallo, die laufen an mir vorbei. Ich ruf' noch hinterher hallo, und die laufen weg. In dem Moment merkst du, dass da was nicht stimmt. Wenn im Viertel jemand rauskommt, und ich sag' hallo, und der will mit mir nicht reden oder nichts mit mir zu tun haben, dann sagt er "Halt die Schnauze". Aber bei denen weiß ich einfach nicht, woran ich bin, was das bedeutet, dieses auf den Boden gucken.

Wie lange wohnen Sie da schon?

Zwei Jahre. Und ich hab' noch keine Leute kennen gelernt außer meine direkten Nachbarn, wo meine Freundin auch mal hingehen und nach einem Ei fragen kann. Ansonsten kenne ich keinen bei mir im Haus. Keinen.

Überlegen Sie, ins Märkische Viertel zurück zu ziehen?

Ich würde locker zurückziehen, ich bin auch sehr oft da, aber es geht nicht. Das ist wie ein kleines Dorf. Jeder weiß in zwei Minuten, wo ich wohne, und das spricht sich dann auch in ganz Deutschland rum. Damals sind wirklich Schulbusse voll mit Kindern vorbei gefahren, haben Zwischenstopp gemacht bei mir vorm Block, haben gewartet, bis ich morgens runterkomme, mein Treppenhaus vollgeschmiert, die Wohnungstür vollgeschrieben mit Telefonnummern und Nachrichten. Es war verrückt, es ging nicht mehr. Deswegen musste ich da wegziehen.

Haben Sie Angst, den Block - als soziale Herkunft und Markenzeichen, die Sie berühmt gemacht haben - in sich zu verlieren?

Den verlier' ich nicht. In meinem Leben war es doch mein größter Traum, da weg zu kommen, raus aus der Scheiße und ein anderes Leben haben. Im Grunde hätte ich nichts dagegen, aber ich weiß, dass es ein wichtiger Teil in meinem Leben ist, und ich werde ihn sowieso nie vergessen. Der hat mich geprägt. Der macht, dass ich mit solchen Leuten, die jetzt meine Nachbarn sind, nicht klar komme.

Und Sie verdienen ja auch Ihr Geld mit dem Block.

Na ja, jetzt immer weniger.

Aber Sie müssen doch Sido gerecht werden.

Nee, muss ich nicht, warum sollte ich. Ich mach' einfach Musik.

Der Junge vom Block 2004 war das Jahr des Paul Würdig, wie Sido angeblich mit bürgerlichem Namen heißt. "Mein Block" brachte ihm musikalische Anerkennung, der "Arschficksong" karrierefördernde Aufregung. Seitdem ist der Rapper das Aushängeschild des berühmt-berüchtigten Labels Aggro Berlin. Vor allem nachdem sein einstiger Kollege Bushido eigener Wege ging und sich nun vollends aufs Gangstatum konzentriert, bietet Sido die verspielte Variante des Verbalpogos. Mit anhaltendem Erfolg.

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KOMMENTARE (10 von 12)
 
najaundso (02.06.2008, 12:02 Uhr)
bR4iNST0RM (oder nomes est omen)
"Dass Sie hier nicht mehr im Themenbereich des Artikels sind "
interessant, dass sie wieder keine Antwort geben können, was denn ihr Niveau ist.
übringens möcht ich mal gern wissen was Leute mit Anstand sind.
Tja is doof wenn jemand die hohlen Floskeln, mit denen man täglich sein Bildungsbürgertum zur schau stellen möchte, hinterfragt.
erklären sie doch mal anhand von Beispielen was ihnen am Interview mit Sido missfällt. Konkrete Zitate wären dabei hilfreich, ähm und natürlich bitte OHNE hohle Phrasen.
Franzi001 (02.06.2008, 11:23 Uhr)
nackte Gartenzwerge
Ach leute, die meisten von euch haben definitiv nicht verstanden, worum es geht. lebt weiter in eurer pseudo-intellektuellen, pseudo-gebildeten und pseudo-schönen Welt, baut eure Schranken im Hirn schön weiter aus, pflegt sie, kultiviert sie, züchtet sie, reißt die Wurzeln von Unangenehmem, die unter euren Gartenzwergen sprießen aus, damit ja nichts die schöne heile Welt beschädigt.
Über andere schimpfen, sie herabwürdigen, niveaulos und ungebildet finden ist ziemlich leicht. Man muss sich selbst nicht be- und hinterfragen. Und vorallem auch nicht nachdenken. Man hängt sich lieber ein Bild eines kleinen nackten Mädchens ins Zimmer, oder heutzutage: lässt seine Frau das Heimchen am Herd spielen, geht in den Puff, guckt Pornoseiten im Internet an. Aber nicht vergessen: den Browser löschen, damit niemand erfährt wo ihr wart!
bR4iNST0RM (02.06.2008, 11:00 Uhr)
Oh weh...
Najaundso, Sie haben, wie es scheint, sehr große Probleme mit der Welt und wollen unbedingt Niveau und den Grund für das Sinnbild der 9te Klasse erklärt bekommen. Dass Sie hier nicht mehr im Themenbereich des Artikels sind und sich diese Informationen locker aus dem Internet holen können, soll hier nur eine Tip sein. Versuchen Sie doch einfach zu begreifen, dass nicht alle den Herrn Gangstaraper Sido abkönnen. Die Gründe hierfür sind für Menschen mit Anstand offensichtlich. Und die Elite die Sie meinen würde ich vom Gehalt her zu gerne sein, aber vom Leben her nicht! Da muss ich Ihnen recht geben, denn ich lebe lieber ein „normales“ Leben!
najaundso (31.05.2008, 15:07 Uhr)
alex64
da du dich mit niveau auskennst und ja zur elite gehörst kannst du doch bestimmt niveau auch definieren.
ich bin sehr gespannt.
und leider muss ich dir sagen ich möchte nicht zur elite gehören, denn dann müsst ich aufhören mensch zu sein und das ist mir dann doch zu wieder.
übrigens hoff ich doch du hast dich zum thema sido auch vielseitig und unvoreingenommen informiert, weil ansonsten würdest du als elitäres musterexemplar doch "dummschwätzen" und das wäre dann ja wieder kein niveau. stimmts?
jaja ist halt immer wieder schwer den fremdgesetzten regeln der bildungselite zu genügen.
viel spaß noch bei deinem erlernten elitendasein.
Countryjoe (31.05.2008, 10:41 Uhr)
Unglaublich!
Wie kann man einem so offenkundigen Gewaltverherrlicher noch ein Podium bieten, wo er sein krudes Gedankengut absondern kann?
Leute dieses Schlages sind der Niedergang von Kultur und Ordnung. Die Folgen der Hassparolen liegen zusammengetreten in den Intensivstationen.
Alex64 (30.05.2008, 21:37 Uhr)
???
" ...dass leute die mit niveau argumentieren sich einfach nur selbst erhöhen möchten?"
Kann man auch ohne Niveau argumentieren? Ich glaube nicht - das nennt sich dann "dummschwätzen".
So wie im Interview. Zumindest ICH weiss, was brainstorm meint.
"...schade, schade das dies unser elite ist."
Schade, schade das manche gerne dazugehören würden und es nicht schaffen...
Ford.Prefect (30.05.2008, 18:50 Uhr)
SIDO, zieh die Maske wieder an!
Das sagt doch schon alles:
"Gegen den Strom schwimmen, obwohl es ja eigentlich mit dem Strom schwimmen war. Dabei ist der Song an sich schon ziemlich gegen den Strom schwimmen. Eigentlich voll schlau von mir."
SIDOlin intelligenzfrei im Stern.de-Interview.
bR4iNST0RM (30.05.2008, 17:41 Uhr)
Ansichtsache oder Mainstreamzwang?
Gewiss! Angst um den guten Geschmack und, sicher, der ist Ansichtsache! Warum das Niveau bei dem Herrn „Gangstaraper“ in der neunten Klasse zu finden ist, sollten Sie seine „Freundin“ fragen.
Zu der von Ihnen aufgestellten Sozialstudie… Rrrrrichtig!
CeeTo (30.05.2008, 17:17 Uhr)
-.-
So siehts aus. Nicht verkehrt das Interview.
najaundso (30.05.2008, 17:09 Uhr)
warum so ein häss?
ich versteh nicht was an diesem interview das idiotische ist. kann es sein, dass hier jemand vergessen hat sich eine eigene meinung zu bilden bevor er redet?
und herr brainstorm, ist ihnen schon enimal aufgefallen, dass leute die mit niveau argumentieren sich einfach nur selbst erhöhen möchten? wo liegt denn dein niveau und warum ist das von sido in der 9. klasse zu finden? hast du einfach angst, dass dein urteil über sido nicht mehr so funktioniert, dass du ihn nun diffarmieren musst?
sehr interessante sozialstudie der möchtegernintellektuellen.
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