„Deutschland, stabil?“
So verändert Mobbing das Leben von Betroffenen noch Jahre später

  • von Valerie Dörner und Christopher Wittich
Deutschland Stabil RTL Mobbing
Kim, 34, und Katrin, 30, sind Schwestern und haben beide Mobbing-Erfahrungen in der Schule machen müssen
© RTL

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Mobbing ist ein weitverbreitetes Problem an deutschen Schulen. In dieser neuen RTL-Reportage erzählen zwei Betroffene und ein Lehrer, welche Folgen es haben kann. 

„Die haben mir so einzelne Centstücke hingeworfen und gesagt: ‚Hier, damit du dir mal einen Schönheitschirurgen leisten kannst.‘“ Katrin ist heute 30 und freie Journalistin. Wir treffen sie zusammen mit ihrer Schwester Kim (34), die mittlerweile als Lehrerin arbeitet, in einem Wildpark in Nunkirchen im Saarland. Sie sind in der Gegend aufgewachsen – idyllischer könnte ein Drehort kaum sein. Doch die Umgebung steht in Kontrast zum Gesprächsthema, denn die Schwestern wurden beide als Jugendliche von ihren Mitschülerinnen und Mitschülern gemobbt.

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Mobbing ist an vielen Schulen ein Problem

Damit sind sie nicht allein. 30 Prozent aller Jugendlichen in Deutschland erleben mindestens einmal im Monat eine Form von Mobbing. Das hat die Befragung von Schülerinnen und Schülern für das „Deutsche Schulbarometer 2025/2026“ im Auftrag der Robert Bosch Stiftung ergeben. 

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Kim, 34, wurde in der Schule jahrelang gemobbt. Als Förderschullehrerin setzt sie sich heute dafür ein, dass kein Kind unter anderen Kindern leiden muss
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Kim und Katrin sprechen im Interview beide sehr gefasst über ihre Vergangenheit – bis das Gespräch auf einen Moment zusteuert, an den sich Katrin bis heute erinnert: „Ich kann über diese Stelle nicht reden, ohne Tränen zu kriegen“, sagt sie. Sie sei damals zum Sportunterricht in die Halle gekommen. „Die Klasse war eh schon immer gespalten in cool und uncool. Die Coolen saßen in der einen Ecke und die vermeintlich Uncooleren […] saßen in der anderen Ecke. Und dann habe ich mich da hingesetzt. Und die sind kollektiv aufgestanden und zu den anderen gegangen. Und dann waren in dieser Halle rechts alle und links ich, ganz alleine.“ Sie habe sich noch nie in ihrem Leben so einsam gefühlt. „Das war der letzte Tag, an dem ich in der Schule war.“  

Bei beiden Schwestern zieht sich das Mobbing über Jahre hin. Katrin wechselt nach diesem Tag auf ein Sportgymnasium, doch für Kim endet die Situation erst mit dem Abitur. „Wir wollten diese Mobber damals nicht gewinnen lassen. Und gewinnen wäre gewesen, wenn ich die Schule gewechselt hätte. Nach dem Motto: Ich gehe nicht, weil andere das gerne hätten, weil andere mich rausmobben wollen. Rückblickend würde ich sagen, es war ein Fehler“, erzählt Kim. 

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Katrin, 30, hat wegen Mobbings sogar die Schule gewechselt – eine Entscheidung, die sie nie bereut hat
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Betroffene von Mobbing spüren Folgen oft jahrelang

Die Schwestern haben ihre Erfahrungen mit therapeutischer Hilfe aufgearbeitet, doch wie viele Betroffene spüren die beiden die Folgen trotzdem bis heute – Jahre danach. Kim erzählt uns, dass sie sich durch die Erfahrung sehr verändert habe: „Ich bin nicht mehr extrovertiert, ich bin eher zurückhaltend. Ich kann schlecht Nein sagen. Ich versuche, nichts zu tun, was andere gegen mich aufbringen könnte. „Das sind, glaube ich, so Dinge, die ich einfach aus der Zeit zurückbehalten habe.“

Und die Schule ist nicht der einzige Ort, an dem Mobbing stattfindet. Auch am Arbeitsplatz oder im Sportverein gibt es das Problem – und im virtuellen Raum. Ein Drittel der Deutschen hat schon mal Cybermobbing beobachtet, 14 Prozent waren sogar selbst schon mal betroffen, wie das „Bündnis gegen Cybermobbing“ in einer 2025 veröffentlichten Studie zu dem Phänomen berichtet. Die Folgen, genau wie beim klassischen Mobbing: psychische Belastungen wie Angstzustände, Persönlichkeitsveränderungen und Depressionen.

Lehrer berichtet: Social Media hat das Problem mit Mobbing verschärft

Oft gebe es Online- und Offline-Mobbing sogar zusammen, erzählt uns der Lehrer „Herr Reff“, den wir in seinem Klassenraum in Berlin treffen. „Wir gehen respektvoll miteinander um“, ist als Klassenregel Nr. 1 ganz oben auf einem Plakat hinter seinem Lehrerpult zu lesen. Und das lebt er vor: In seinem Job an einer Berliner Oberschule und als Influencer auf Social Media setzt sich der 42-Jährige sowohl offline als auch online gegen Mobbing und Respektlosigkeit ein. “Herr Reff” ist ein Pseudonym, unter dem er im Internet auftritt – auch, um sich selbst zu schützen.

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„Herr Reff“ (Pseudonym) ist Lehrer für Ethik, Politik und Geografie an einer Berliner Oberschule
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An ihm pralle zwar vieles ab, doch auch er kenne Hasskommentare von seinen Profilen, denen zusammen Hunderttausende Menschen folgen. Anonyme Beleidigungen seien allerdings nicht das einzige Problem. Das Internet und Social Media hätten auch das Mobbing in der Schule schlimmer gemacht, sagt Herr Reff. „Da schreiben sich die Kinder dann abends: ‚Guck mal, wie sie heute angezogen war‘“ – und die anderen Kinder zögen oft aus Gruppenzwang mit. „Und auf einmal sind da die vier Mädchen, die mit dem fünften befreundet waren, und am nächsten Tag reden die nicht mehr miteinander. Das passiert dann zu Hause am Handy, ohne dass die Opfer das mitbekommen.“

Ganz verhindern kann der Lehrer für Ethik und Geografie Mobbing nicht – aber richtig darauf reagieren. Wichtig dabei sei ein feines Gespür. „Meist ist das so, dass die Kids dann ruhig werden, ruhiger als sonst. Dann merkt man, irgendwas stimmt da nicht.“ Obwohl er Vertrauenslehrer ist, würden die wenigsten Kinder von allein auf ihn zukommen, erzählt Herr Reff. Deshalb spreche er in einem ruhigen Moment die betroffenen Kinder direkt an: „Lass die Kinder reden. Das ist wichtiger, als wenn ich ihnen etwas erzähle. Man muss einfach zuhören.“ 

Auf der anderen Seite ermutigt er Betroffene, sich zu trauen, über das Mobbing zu sprechen. Denn das sei das Wichtigste im Kampf gegen Mobbing: „Den Mund öffnen, die Stimme erheben.“ Für sich selbst und für andere. 

Hilfe bei Mobbing annehmen ist kein Zeichen von Schwäche

Und das wünscht sich auch Katrin. Im besten Fall solle man nicht nur nicht mobben, sondern sich aktiv für Schwächere in der Gesellschaft stark machen. „Man kann immer einen Schritt auf jemanden zugehen und fragen: ‚Hey, brauchst du vielleicht Unterstützung?‘“ Betroffenen rät sie, sich Hilfe zu holen – bei Eltern, Lehrern, Beratungsstellen. „Man muss da nicht alleine durch und man kommt wahrscheinlich auch nicht ganz alleine da durch“, sagt sie.

Mobbing hat viele Gesichter und beschäftigt alle Beteiligten oft über Jahre. Das zeigt die Reportage der RTL-Reihe "Deutschland, stabil?". Im Video sprechen Katrin, Kim und Herr Reff ausführlich über ihre Erfahrungen mit dem Thema und ihre Wünsche an die Gesellschaft. 

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Stacey, 24, hat in der Grundschule andere Kinder gemobbt – aus Selbstschutz, wie sie heute sagt
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Außerdem kommt Stacey zu Wort – sie hat als junges Mädchen in der Grundschule selbst andere gemobbt und teilt ihre Erfahrungen aus der Sicht einer Täterin. 

Du bist von Mobbing betroffen und weißt nicht weiter? Hier findest du Hilfe:

Nummer gegen Kummer: Kinder‑ und Jugendtelefon 116 111 (Mo–Sa), Elterntelefon 0800 1110 550

Juuuport e.V. (bei Cybermobbing): https://www.juuuport.de/hilfe/beratung#c237

Hinweis der Redaktion: Der stern gehört zu RTL Deutschland.