. .
TV und Fernsehen
Schlagzeilen Themen Mobil iPad Blogs Investigativ Hefte
 
Fotocommunity
Fotocommunity

Treffpunkt für ambitionierte Amateurfotografie. Bilder hochladen und bewerten, sich mit anderen Austauschen. mehr...

Weblogs bei stern.de
Weblogs bei stern.de

Die Online-Tagebücher bei stern.de: Freie Autoren schreiben hier persönlich, direkt und eigenständig. mehr...

Information und Unterhaltung mit Steffen Hallaschka
sternTV - Information und Unterhaltung mit Steffen Hallaschka

Vertiefende Informationen zu der aktuellen und den vergangenen Sendungen von sternTV. mehr...

stern Investigativ
stern Investigativ

Das Recherche-Team des stern. Erfahren Sie mehr über die Recherchespezialisten und ihre Enthüllungen von Terrorismus bis Wettmanipulation. mehr...

 
6. Oktober 2008, 16:41 Uhr

Öffentlich-schwächlicher Rundfunk

Das "schwarze Schaf" ist abgeurteilt. Was aber heißt das für die Herde? Der ehemaliger Sportchef Jürgen Emig war bestechlich und untreu - sollte dies für den Hessischen Rundfunk und die anderen, ähnlich organisierten Sender nicht ein paar Konsequenzen haben? Von Bernd Gäbler

 

Jürgen Emig wurde verurteilt, der HR kam ungeschoren davon© DPA

Hart, aber fair. Zwei Jahre und acht Monate Haft für Jürgen Emig. Dieses Urteil ist hart, aber gerecht. Mit bedeutender krimineller Energie hat der ehemalige Sportchef des Hessischen Rundfunks das eigene Portemonnaie in den von ihm selbst organisierten Geldstrom gehalten. Er floss von Sport-Sponsoren in Richtung seines Senders. Er war stets ein exponierter Vertreter des öffentlich-rechtlichen Journalismus - jetzt ist der Fall tief. Ein "System HR" habe er nicht erkennen können, erläuterte der Richter Christopher Ehrhard, allerdings hätte der Sender seinen Sport-Abteilungsleiter besser kontrollieren können und müssen. Der Sender selbst ist glimpflich davongekommen. Auf ihm liegt ein Schatten, aber nichts bleibt an ihm haften. Seine Repräsentanten haben die Auftritte vor Gericht einigermaßen souverän bewältigt. Wirklich? Gibt es keinen Grund zur Sorge? Können jetzt die Champagnerkorken zur Feier des 60. HR-Geburtstags fröhlich knallen? Kann die Karawane einfach weiterziehen? Oder gibt es nicht - bei allem Unterschied zwischen der faulen Frucht und dem Boden, auf dem sie gedieh - genügend Anlass für Einkehr, ja zur Umkehr?

Ärmliche Auftritte vor Gericht

Wäre das Gericht eine Bühne, wir hätten einen offenkundigen Gauner im ein grellen Spot-Light gesehen. Nicht die ganze Bühne wurde ausgeleuchtet. Es gab Auftritte, die waren absurd, andere waren traurig. Da gab es einen "Controller", der die Machenschaften der von Jürgen Emig verdeckt betriebenen Agentur untersuchen sollte. Also fragte er den offiziellen Geschäftsführer, Emigs Kompagnon Harald Frahm, der jetzt auf Bewährung mitverurteilt wurde, ob er denn ein Strohmann sei, was dieser verneint habe. Im Prozess sagte Frahm allerdings, ganz im Gegenteil habe er dem Controller gegenüber offengelegt, wie sehr er nur ein ausführender Helfer von Emig sei. Verträge ließ sich der Controller nicht zeigen.

Bis zur Verschriftlichung seines ersten mündlichen Bericht verstrich ein Jahr, weil er so viel Wichtigeres zu tun hatte, zum Beispiel das Regionalstudio Kassel einrichten musste. Werner Damm, Sportreporter und später Stellvertreter Emigs beklagte sich, wie schlecht dieser seine Mitarbeiter behandelt habe. Allerdings habe er sich gefügt, wenn er den Alt-Radstar Rudi Altig unbedingt in einem Kaufhaus habe interviewen müssen. Aufmüpfig sei er nie geworden, er habe ja im HR bleiben wollen. Was für eine traurige Aussage. Wie oft predigen die öffentlich-rechtlichen Großkommentatoren Mut und Zivilcourage, die nach innen aber offenbar nicht gefragt sind.

Wer prüft denn das Programm?

Eine Sekretärin war es, die den Fernsehdirektor auf Emigs Geschäfte aufmerksam machte; immer käme nur die Agentur SMP (das war Emigs under-cover-Firma) zum Zuge. Es gab keinerlei Reaktion. Recht souverän bewältigten die Intendanten, Klaus Berg, der ehemalige, und Helmut Reitze, der aktuelle, ihre Zeugenaussagen - aber was sagten sie? Für Sport habe er sich ohnehin nie interessiert, erklärte Berg schlankweg. Ungefähr eben so gut hätte er sagen können: fürs Fernsehen habe er sich so recht nie interessiert.

Und Helmut Reitze? Kaum guckte er einmal das Programm an, da merkt er gleich: Auf vier Minuten Eishockey gab es eine Minute Gewinnspiel. Da konnte doch was nicht stimmen! Recht hat er. Fragt sich nur, warum er nicht früher ins Programm schaute. Alles, was Emig programmbezogen machte - mit dieser Aussage zu seiner Verteidigung hat Emig ja recht -, war öffentlich. Da gab es einmal ein durch und durch Opel-freundliches Auto-Magazin; ein Football-Magazin allein zugunsten der Frankfurt Galaxy; die Werbetafeln bei Start, Ziel und Bergwertung des Radrennens "Rund um den Henniger Turm" waren nicht zu übersehen; ebenso wenig die Geschäfte mit dem "Hessen-Lotto", die jährlich wiederkehrende Versicherung des Sportchefs in den Etat-Verhandlungen, er werde das schon hinbiegen, auch wenn das Budget auf dem Papier bereits Ende des Frühjahrs erschöpft sei; die Belobigungen gegenüber anderen Abteilungsleitern, an Emig sollten sie sich mal ein Beispiel nehmen.

Dabei pfiffen es die Spatzen von den Dächern und in Hessen wusste es zumindest jeder führende Sportveranstalter: Wer immer ein Reit- oder Tanzturnier ausrichtete, musste zahlen, wenn er damit ins Fernsehen wollte. Über Jahre hat die Kontrolle komplett versagt. Dabei geht es nicht allein um besseres Verwaltungshandeln oder die Gremien, sondern es geht um den Geist, der in den Anstalten herrscht. Zielt er auf Offenheit, Transparenz, Selbstkritik und Dialog nach außen oder sind hier Duckmäuser am Werk, die sich verfolgt fühlen, allenfalls ängstlich tuscheln und sich abschotten gegen die Einsicht von draußen?

Käuflicher Journalismus

Emig hat viele Sponsorengelder organisiert. Wahrscheinlich hat er sich im Laufe der Zeit gedacht, dass er da doch selber auch etwas von haben müsse. Besorgt er 60.000 und gibt dem HR davon 40.000, dann haben doch beide was davon. Jedenfalls mehr als wenn er nix besorgt. Das sind die "Beistellungen". Noch heute weist der HR, der sie abgeschafft haben will, in jeder Pressemitteilung darauf hin, dass "Beistellungen" ja eigentlich ganz legal sind. Wer wollte auch etwas dagegen haben, wenn ein Hersteller ein paar Autos kostenlos zur Verfügung stellt und dafür im Abspann dankend erwähnt wird? Die öffentlich-rechtlichen Sender verweisen auf legales "Sponsoring", reden allenfalls von "Grauzonen", wenn in "Wetten, dass..?" einmal wieder ganz unmotiviert Mercedes-Limousinen oder Handys vorgezeigt werden; wenn im Auto-Service des Saarländischen Rundfunks (da, wo ARD-Chef Fritz Raff zu Hause ist) vor gefährlichen "Billig-Schlappen" aus China gewarnt wird und dabei wie zufällig das Michelin-Männchen ins Bild kommt. Und so weiter und so heiter. Gerade Sportübertragungen haben oft nichts mit der Relevanz eines Ereignisses zu tun, sondern allein mit Geld, das für Werbung bezahlt wird.

Die Werber aber begnügen sich nicht mit Ungefährem. Bis auf die Sekunde genau wird festgelegt, wann und wie ein Marken-Logo ins Bild zu kommen hat. Darüber gibt es Verträge und Menschen, die sie schließen. Nur keine hinreichende Kontrolle. Ich behaupte aber, dass jeder einigermaßen journalistisch Geschulte zu erkennen vermag: wird dieser Produktname oder jene Aussage gesendet, weil dies sinnvoll und notwendig ist oder führt hier die Werbung Regie? Die Trennung von Werbung und redaktionellem Inhalt ist ein allgemeiner journalistischer Grundsatz. Der Sportchef Jürgen Emig hat sich in einem System schmieren lassen, das geschaffen wurde, um Unabhängigkeit zu garantieren. Käuflicher Journalismus ist kein Kavaliersdelikt.

Sie sollen ernst nehmen, wofür wir sie bezahlen

Es ist auch keineswegs alles zu tun geboten, was nicht explizit verboten ist. Nicht nur das Recht gilt hier, sondern auch das moralische Beispiel. Aus dem Fall Emig, der in seiner konkreten Ausprägung gewiss ein Einzelfall ist, haben alle, die den Auftrag "öffentlich-rechtlich" ernst nehmen, nicht nur Konsequenzen zu ziehen bezüglich der Kontrolle, der Aufsicht oder des inneren Beschwerdemanagements. Die Revitalisierung des Gedankens vom Senden in gesellschaftlichem Auftrag ist auch keine Frage der Übertragungswege (mehr Internet) - sondern es geht um den Geist und das Herz, die Verfassung nach innen und die Offenheit nach außen bei den gebührenfinanzierten Institutionen.

Zur Person

Zur Person Bernd Gäbler, geboren 1953 in Velbert/Rheinland, ist Publizist und Dozent für Journalistik. Er studierte Soziologie, Politologie, Geschichte und Pädagogik in Marburg. Bis 1997 arbeitete er beim WDR (u.a. "ZAK"), beim Hessischen Rundfunk ("Dienstags – das starke Stück der Woche"), bei Vox ("Sports-TV"), bei Sat1 ("Schreinemakers live", "No Sports"), beim ARD-Presseclub und in der Fernseh-Chefredaktion des Hessischen Rundfunks. Bis zur Einstellung des Magazins leitete er das Medienressort der "Woche". Von 2001 bis Ende 2004 fungierte er als Geschäftsführer des Adolf-Grimme-Instituts in Marl.

Von Bernd Gäbler
 
 
KOMMENTARE (5 von 5)
 
gaga007 (09.10.2008, 11:20 Uhr)
Was wird sich ändern ?
Die Tatsache, dass die ARD und auch das ZDF keine Konsequenzen aus den Dopingvorfällen im Radsport ziehen und weiterhin übertragen, kann doch nur den Verdacht aufkommen lassen, dass die Verantwortlichen der Sender alle ihren " Be(i)trag " bekommen ... ?!
Eisenbaer (07.10.2008, 22:57 Uhr)
"Sollte", ja bestimmt...
...allein mir fehlt der Glaube an die Kraft der Erneuerung innerhalb der öffentlich rechtlichen "Anstalten". Dort wird dem Götzen der Routine gehudilgt; dort gilt das Mantra:
"Das haben wir immer schon so gemacht und das ist deshalb gut."
"Das haben wir immer schon so gemacht und das ist deshalb gut."
"Das haben wir immer schon so gemacht und das ist deshalb gut."
"Das haben wir immer schon so gemacht und das ist deshalb gut."
"Das haben wir immer schon so gemacht und das ist deshalb gut."
...
to be continued
AchazIII. (07.10.2008, 10:31 Uhr)
Emig ist nur einer von vielen ÖR-Ungereimtheiten
Ich ging immer noch davon aus, dass das ÖR-TV sich gegenüber den privaten wie RTL oder DSF den Anspruch erhebt, seriöser und qualitativ besseres Programm machen bzw. machen zu wollen. Nicht zuletzt deshalb kassiert er Zwangsgebühren. Es ist aber leider nicht so.
Wenn man letzten Samstang sich nur 10 Minuten sich diese unsägliche Gottschalk-Show antut, kommt wie bestellt eine AUDI-Werbung, in dem Herr G. sich auffällig lobend über dieses Auto auslässt. Das kann kein Zufall sein. Oder diese beknackte Samstags-Sportschau oder besser Auto-/Biershow. Das soll seriöse ÖR-TV sein? Oder die Tour de France-Übertragungen usw.
Und alle Akteuere sollen wirklich so sauber sein? Kaum vorstellbar. Der Emigs, Mohrens dürfte es noch mehrere geben.
Man wünscht sich die Programme aus den 60er zurück, als ARD/ZDF erst um 16.00 Uhr begannen und um 23.00 Uhr war Schluss. Heute gibt es ein Rundum-Programm, das finanziert werden muss - und dazu braucht man Werbung.
Warum geht man dahin nicht zurück? Ein, wohlgemerkt, ein ÖR-Programm, das sich auf seriöse Themen beschränkt al la PHÖNIX und den teuren Klamauk den Privaten überlässt. Wer sich DSF anschaut, hat eine andere Erwartungshaltung als ein ARD-Seher.
Oder die andere Alternative: Die Werbung freigeben, aber dann bitteschön die Zwangsgebühren abschaffen.
walhalla (07.10.2008, 09:56 Uhr)
Es heulen die Hunde
schreibt Schubert in seiner
"Winterreise". Das der Mensch schwach ist, war z. B. Teil einer Geschichte, die hieß Hitlertagebücher. Macht nix, die Schuldigen sind lebenslänglich weg gesperrt. Oder dürfen Sie ab und zu im Stern schreiben?
peternicki (07.10.2008, 09:00 Uhr)
ARD - ZDF
Ein weiterer Beweis dafür; die ÖR
sind von A > Z korrupt.
Die Medienkolumne

Bernd Gäbler kommentiert regelmäßig die aktuellen Ereignisse aus der Medienwelt

WEITERE ARTIKEL DER KOLUMNE
MEHR ZUM ARTIKEL
Emig-Urteil Der Sender stand im Mittelpunkt

Der ehemalige Sportchef des Hessischen Rundfunk, Jürgen Emig, ist zu fast drei Jahren Haft verurteilt worden, weil er in die eigene Tasche gewirtschaft hat. Sein Prozess war aber auch aus einem anderen Grund interessant: Er ermöglichte einen seltenen Einblick in die Strukturen der ARD. mehr...

Früherer HR-Sportchef Emig muss fast drei Jahre ins Gefängnis

Das Frankfurter Landgericht hat den Ex-Sportchef des Hessischen Rundfunks, Jürgen Emig, zu zwei Jahren und acht Monaten Haft verurteilt. Der ARD-Mann habe sich der Untreue und Bestechlichkeit schuldig gemacht, erklärten die Richter. Emig hatte eine halbe Million Euro aus Schmiergeldern und Schleichwerbung abgezweigt. mehr...

Die Medienkolumne Der "Fall Emig" - auch ein Fall ARD?

In dieser Woche wird der Prozess gegen den ehemaligen Sportchef des Hessischen Rundfunks, Jürgen Emig, fortgesetzt. Der Fall um Bestechung und Untreue ist nicht nur von regionaler Bedeutung. Denn es gibt Indizien dafür, dass der Fall nicht nur den HR, sondern auch die ARD betreffen könnte. mehr...

MEHR ZUM THEMA
powered by wefind WeFind