Warum die Quote nicht alles ist

26. März 2013, 18:24 Uhr

Es ist zum Heulen. Fast jeder meckert über das Fernsehprogramm - und wenn es etwas Tolles gibt, schaltet keiner ein, wie bei "Zeit der Helden". Für Arte hat sich die Echtzeit-Serie trotzdem gelohnt. Ein Kommentar von Carsten Heidböhmer

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Arte und SWR zeigen in der Echtzeit-Serie "Zeit der Helden" fünf Tage lang das ganz normale Leben. Ein faszinierendes Experiment - das leider kaum einer sehen will.©

Seit in Deutschland das Privatfernsehen eingeführt worden ist und mit ARD und ZDF um die Zuschauergunst ringt, steckt der öffentlich-rechtliche Rundfunk in einem unauflöslichen Dilemma: Gibt er zu sehr dem Geschmack des breiten Publikums nach, bemängeln die Kritiker Niveaulosigkeit. Setzen die Sender dagegen auf anspruchsvolle Inhalte, zeigen ihnen die Zuschauer oft die kalte Schulter. Auch wenn eine geringe Einschaltquote für öffentlich-rechtliche Sender im Prinzip kein Problem darstellt, weil die Finanzierung unabhängig von Werbeeinnahmen gewährleistet ist, so entsteht doch langfristig ein Problem: Wenn alle zahlen, aber kaum einer guckt, ist die Legitimation der Rundfunkabgabe nicht mehr gewährleistet.

Qualität und Quote - so die immer wieder gemachte Erfahrung - lassen sich eben nur selten in Einklang bringen. Und bislang entscheiden sich die Öffentlich-Rechtlichen vor allem in der Prime-Time für den Grundsatz: Quote bringt Legitimation.

Komplexe Fragen brauchen komplexe Antworten

Dass es auch anders geht, beweist Christoph Hauser, Fernsehdirektor des SWR. In seiner Zeit als Programmdirektor des Kulturkanals Arte hat er ein Projekt entwickelt, das in dieser Woche auf den beiden Kanälen ausgestrahlt wird: die Themenwoche "40+. Fünf Tage Midlife und andere Katastrophen". Das Herzstück dieser Themenwoche bildet die neunteilige Serie "Zeit der Helden". Ein spannendes TV-Experiment, das in Echtzeit abläuft und zwischen den Folgen auch im Internet verlängert wird.

Die Idee zu der Themenwoche kam Hauser, als er im "Focus" eine Geschichte zum Thema Midlife-Crisis las. Für die Umsetzung konnte er einige der renommiertesten Fernsehschaffenden Deutschlands gewinnen. Den Regisseur Kai Wessel, die Drehbuchautoren Beate Langmaack und Daniel Nocke, daneben einige der präzisesten Schauspieler des Landes. Dass er dafür gleich eine ganze Woche freiräumte, ist zunächst einmal ungewöhnlich. Doch Hauser hat eine plausible Erklärung: "Komplexe Fragen brauchen komplexe Antworten", sagte er stern.de.

"Legitimation entsteht durch Innovation"

Am Montagabend startete nun "Zeit der Helden" - und wurde vom Publikum weitestgehend ignoriert. Obwohl die Kritiker landauf, landab jubelten, wollte kaum jemand einschalten. Auf Arte sahen die erste Folge um 20.15 Uhr nur 160.000 Zuschauer, im SWR saßen 210.000 Menschen vor dem Bildschirm. Mit Marktanteilen von 0,5 Prozent bzw. 0,6 Prozent lagen sie damit klar unter dem Senderdurchschnitt, der bei Arte 0,8 Prozent und beim SWR sogar 1,7 Prozent beträgt. Die Werte für die zweite Folge waren mit 160.000 (Arte) und 190.000 (SWR) auch nicht erfreulicher.

Muss das Projekt damit als gescheitert gelten? Ist Erfolg wirklich nur an der Quote messbar? Über die Motivation, ein Experiment wie "Zeit der Helden" zu wagen - auch auf die Gefahr hin, Stammzuschauer zu verprellen -, sagte Hauser stern.de im Vorfeld: "Legitimation entsteht durch Innovation."

Ein Satz, den man derzeit im deutschen Fernsehen viel zu selten hört, wo man den Eindruck hat, alle Senderverantwortlichen schielten bang auf die Quote und vergäßen dabei, gutes, spannendes und mitreißendes Fernsehen zu machen. Natürlich kann es sich kein Sender dauerhaft leisten, die Zuschauer komplett zu vernachlässigen. Doch ein Leuchtturm-Projekt wie "Zeit der Helden" sollte sich jede Anstalt von Zeit zu Zeit gönnen. Damit sich alle Beteiligten vergewissern können, weshalb sie ihren Beruf einmal gewählt haben. Nicht etwa, um möglichst hohe Quoten abzuliefern - sondern aus Begeisterung an guten Inhalten. Arte und SWR werden in dieser Woche ihrem Programmauftrag gerecht.

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