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12. August 2009, 19:36 Uhr

Rettet die deutsche Late-Night!

Lustlose Gastgeber ohne Profil, müde Gags, schlecht vorbereitete Gäste - die deutsche Late-Night ist in einem desaströsen Zustand und reicht nicht an amerikanische Vorbilder heran. Das kann auch Pocher nicht retten. Eine Abrechnung von Thomas Koschwitz.

Thomas Koschwitz, Late-Night-Show, Harald Schmidt, Olli Pocher, Anke Engelke, Kerner

Hätte noch mal Lust auf die Königsdisziplin Late-Talk: Thomas Koschwitz© Telemedia GmbH

Die Geschichte der deutschen Late-Night ist voller Missverständnisse ... Geht nicht so ein Werbespot los? Egal! Den ganzen Mist mit dem Abschreiben kennen wir eigentlich aus der Schule. Du hast exakt dasselbe auf dem Papier stehen wie dein Nachbar, und dann kommt der Lehrer und will an der Tafel deinen Lösungsansatz kennenlernen. Zum Heulen.

Genauso ist es mit der deutschen Late-Night. Die Deutschen haben abgeschrieben. Es wird kolportiert, Jörg Grabosch, inzwischen Produzenten-Millionär und ganz eindeutig der Messias der deutschen Late-Night, habe bäuchlings mit einem befreundeten Regisseur vor dem Videorekorder gelegen, um sekundengenau den Ablauf der "David Lettermann Show" zu rekonstruieren. Heraus kamen diverse Figuren, die so aussahen wie Harald Schmidt oder Thomas Koschwitz, die sich aber bewegten und agierten, als seien sie David Lettermann, gefangen im falschen Körper.

Um im Bild zu bleiben: Der Lehrer fragt den Abschreiber: "Warum hat denn eine Late-Night-Show einen Schreibtisch und immer die Skyline und einen roten Fußboden und eine Band?" Und dann steht man da als Abschreiber. Tja, wegen der Stimmung. Und damit die Gags mit einem Tusch untermalt werden - überhaupt, die Gags: Wie kommt es, dass solche Flitzpiepen wie Niels Ruf, statt vom Pförtner einer Fernsehstation aufgehalten zu werden, tatsächlich vor eine Kamera dürfen, um dort erniedrigenden Mist, selbstherrliche Fragen an sich selbst und müde Lacher zu erzeugen? Weil man in Deutschland glaubt, gute Comedy habe zunächst mal mit dem Verarschen von anderen Menschen zu tun.

Das "Grillen" von Promis

Ich glaube, das ist ein Missverständnis. In Amerika kennt man zwar das "Grillen": Ein Promi oder ein Jubilar wird nach Strich und Faden auf den Arm genommen. Peinliche Geschichten werden rausgekramt, man hat viele Lacher auf seine Kosten auszuhalten, aber all das vergisst nie den Respekt vor der zu "grillenden" Person. Wie überhaupt die Amerikaner immer erst die Leistung eines Menschen bewundern und beklatschen. Keine typisch deutsche Eigenschaft. Wenn in Deutschland in einer Talkshow Gäste sitzen, dann sind sie meist ergriffen von der eigenen Wichtigkeit, oder sie haben was zu verkaufen.

In Amerika ist das oberste Prinzip der Late-Night-Show immer zu unterhalten, mit allen Mitteln: der Stand-up-Comedy, den Gästen, der Live-Musik. Selbst das traurigste Thema sollte den heiteren Moment haben. Was dazu führt, dass die amerikanische Jugend Late-Night-Shows als Nachrichtenersatz nimmt. Als New York vom Anschlag am 11. September 2001 gebeutelt war, sendete David Lettermann zunächst nicht, um sich dann ein paar Tage später mit Rudolph Giuliani, dem damaligen New Yorker Bürgermeister, wieder zu melden. Es wurde geweint und gelacht in dieser Show. Sie war das, worauf die Fernsehfans gewartet hatten: ein Lichtblick.

Und der Lehrer fragt gnadenlos weiter: "Warum ist die Show eigentlich täglich?" Tja, liebe ARD-Planer, weil Harald Schmidt und seine amerikanischen Vorbilder nur dann wirklich funktionieren können, wenn sie wie der Arbeitstag eines jeden Menschen organisiert sind. So 'ne Show ist wie ein Möbel: Wenn man sich reinsetzen will, sollte man es sofort finden. David Lettermann sendet immer um punkt 23.55 Uhr. Johnny Carson genauso. Bei der "Tagesschau" klappt es doch auch. Nur die "Harald Schmidt Show" wurde dauernd verschoben, mal kam die Sendung früher, mal später, auch bei Sat1 schon.

Lesen Sie weiter auf Seite 2: Koschwitz' Abrechnung mit Kerner, Pocher, Ruf und Raab...

Zur Person Thomas Koschwitz, 53, begann seine Karriere als Nachrichtensprecher beim Hessischen Rundfunk. 1994 trat er die Nachfolge von Thomas Gottschalk in dessen Late-Night-Show auf RTL an. 1996 wechselte er zu Sat1 ("Jetzt sind Sie dran", "Hast Du Worte?"). 2000 kehrte er mit dem Late-Talk "Koschwitz" auf N24 zurück. Nach einem Schlaganfall 2002 musste er beruflich kürzer treten. Heute arbeitet er wieder als Radiomoderator beim Berliner Rundfunk

Seite 1: Rettet die deutsche Late-Night!
Seite 2: Gastgeber muss 'ne Type sein
 
 
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