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31. Oktober 2010, 22:00 Uhr

Die letzte Keule

Zuerst sind da nur verschiedene Wege, seine Kinder zu erziehen. Einer davon aber entpuppt sich als fürchterlicher Irrweg. In der "Tatort"-Folge "Der letzte Patient" taucht Charlotte Lindholm in das Elend Kindesmissbrauch ein - eine äußerst mühselige und zähe Reise. Von Niels Kruse

Tatort, Krimi, Hannover, Charlotte Lindholm, Maria Furtwängler, Martin Felser, Kindesmissbrauch, Polizei, LKA, Kripo, Ermittlerin, Kommissarin

Die Kommissarin und die Pflegefamilie: Das eigene Kind als Sexspielzeug vermietet© Marc Meyerbröker/NDR

Kommissarin Anja Dambeck (Christina Große) ist eine dieser Kampfmütter, deren Erziehung darin besteht, die Tage ihrer Kinder mit Koch- und Sprachkursen, Geigenunterricht und anderem Gefördere zuzuballern. Kommissarin Charlotte Lindholm (Maria Furtwängler) dagegen vergisst schon mal, ihren Sohn aus dem Kindergarten abzuholen. Im Vergleich zu den Abgründen, die sich im "Tatort" "Der letzte Patient" öffnen, aber muten solche elterlichen Schussligkeiten wie Lappalien an.

Eigentlich beginnt der 17. Fall von LKA-Beamtin Lindholm in der ausgebrannten Arztpraxis von Silke Tannenberg (Cristin König). Alles deutet auf Brandstiftung hin, nichts auf einen Raub. Die Ärztin starb, wie sich später herausstellt, schon vor der Feuersbrunst. Doch warum? Und wie? In ihrer Wohnung stapeln sich Video-Tagebücher und auf ihnen ist eine einsame Medizinerin zu sehen, die auf der Suche nach einem Mann ist. Die Bänder sind nach den Anfangsbuchstaben der Namen ihrer Liebhaber sortiert, unter ihnen ist auch Lindholms Vorgesetzter Stefan Bitomsky (Torsten Michaelis). Weil der offenbar seine Frau mit dem Opfer betrogen hat, bittet er Lindholm diskret, den Fall zusammen mit Kommissarin Dambeck zu lösen.

Ein Geheimnis, das nicht weiterhilft

Über die Videos stößt das Ermittlerduo schnell auf Jörg Sallwitz (Jan Messutat). Der hat offenbar ein Geheimnis, aber keines, das den beiden Frauen so schnell weiterhilft. Durch Zufall lernt Lindholm am Tatort den verwirrten Jungen Tim König (sehr überzeugend: Joel Basman) kennen - und damit den Schlüssel zur Lösung des ganzen Schlamassels. Und Schlamassel ist noch milde ausgedrückt angesichts des Elends, in das die beiden Polizistinnen mehr und mehr eintauchen.

Denn mit dem Jungen stimmt etwas nicht. Er wächst bei Pflegeeltern auf, ist lernbehindert und geht putzen. Unter anderem bei Jörg Sallwitz. Als Tim plötzlich tot auf einer Müllhalde gefunden wird, gerät der in den Kreis der Verdächtigen. Es stellt allerdings sich heraus, dass der Teenager nicht so sehr für seine Reinigungskünste bezahlt wurde, sondern vor allem für seinen jugendlichen Körper: Systematisch wird Tim von seinem zuständigen Betreuer beim Jugendamt und von seinen eigenen Pflegeeltern als Sexspielzeug vermietet. Ärztin Silke Tannenberg wird dabei nur zufällig zum Opfer, nachdem sie die vielen Wunden und Verletzungen auf dem Körper des Jungen entdeckt hat.

Regisseur Friedemann Fromm (ARD-Serie Weißensee) tut sich schwer, zu seinem eigentlichen Thema zu kommen, dem Kindesmissbrauch. Beinahe entspannt lässt er zu Beginn mit Hilfe von Übermutter Anja Dambeck, Nebenbei-Mutter Charlotte Lindholm und Tims Pflegeeltern die verschiedenen Facetten elterlicher Fürsorge aufeinanderprallen. Während Anja Dambeck stolz auf ihre Tochter blickt, die im Spanischkurs gleich noch landestypisch kochen lernt, quält sich Charlotte Lindholm mit einem schlechten Gewissen gegenüber ihrem vierjährigen Sohn herum und Pflegefamilie König ist einfach nur froh, wenn die Kinder einen Ausbildungsplatz bekommen.

Konstruiert, umständlich, langatmig

Das eigentliche Drama aber entfaltet sich erst sehr spät, sehr zäh - und wirkt zudem konstruiert. Es mag sein, das Behinderte in Wirklichkeit Opfer von sexuellen Übergriffen werden, aber einen Fall wie der des jungen Tim ist für den Durchschnittszuschauer kaum nachvollziehbar. Überhaupt sind die Figuren allesamt arg einsam und problembeladen geraten. Selbst Charlotte Lindholm wird von ihrem treusorgenden Mitbewohner und Freund Martin Felser (Ingo Naujok) verlassen und kann ihren Sohn ausnahmsweise einmal nicht wie lästiges Kleidungsstück abgeben.

Im nächsten Tatort aus der niedersächsischen Landeshauptstadt, der ab dem 9. November gedreht wird, muss Charlotte Lindholm einen Mord an einem Bundesliga-Profi von Hannover 96 aufklären. Das Milieu mag den meisten Menschen zwar ebenfalls nicht vertraut sein, bietet aber zum Glück nicht so viele Möglichkeiten, schwere Moralkeulen zu schwingen wie "Der letzte Patient".

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Von Niels Kruse
 
 
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