Die hohe Kunst der Vorführung

17. Januar 2011, 13:55 Uhr

Nicht allein das Geschehen selbst, die menschliche Versuchsanordnung, kann den Erfolg des RTL-"Dschungelcamps" erklären. Wichtig ist die Machart: das Handwerk der Vorführung. Von Bernd Gäbler

Dschungelcamp, "Ich bin ein Star", Rainer Langhans, Sarah Knappik, Quote

Im Dschungelcamp werden einzelnen Kandidaten wohldosiert artgerecht aufgezogene eklige Tierchen zugeführt - nicht alle können damit umgehen©

Ich bin ein Star" - die Teilnehmer am RTL-Dschungelcamp sind es nicht. "Holt mich hier raus" - die Teilnehmer am RTL-Dschungelcamp wollen unbedingt drin bleiben, obwohl nebenan ein Luxushotel lockt. Der Dschungel ist undurchdringlich - das Dschungelcamp eine fernsehgerechte Parkanlage. Im Dschungel lauern wilde Tiere - im Dschungelcamp werden einzelnen Kandidaten wohldosiert artgerecht aufgezogene eklige Tierchen zugeführt. Der Dschungel ist gefährlich - das Dschungelcamp ist ein sicherer Ort. Es ist weniger eine Inszenierung des Dschungels als dessen Karikatur. Darin hausen einige Menschen, die in der Hierarchie der Aufmerksamkeitsökonomie nachrangig platziert sind und uns Zuschauern herzlich gleichgültig sein könnten. Aber das Gegenteil ist hier der Fall. 7,28 Millionen Menschen haben durchschnittlich den Start der neuen Staffel gesehen. Auch wenn das Zuschauerinteresse an den nächsten beiden Tagen leicht zurück ging: Das ist ein Erfolg. Er bedarf der Erklärung.

Und weil der Mensch ein Mensch ist ...

Wenn es draußen scheppert, stürzen wir ans Fenster. Der Autounfall interessiert uns. Wenn einer auf der Bananenschale ausrutscht, lachen wir. Wenn uns "elf komische Vögel" (Dirk Bach) in einer kruden Versuchsanordnung vorgeführt werden, schauen wir hin. In dieser Gruppe ist zu erwarten, dass es scheppert. Menschliche Zusammenstöße werden nicht ausbleiben. Der Mensch ist nicht neugierig, weil er gut ist. Auch nicht, weil er das Neue liebt, sondern weil er gierig ist. Er kann sich sogar daran delektieren, seinesgleichen beim Leiden zuzusehen - erst recht, wenn es freiwillig geschieht, wohldotiert ist und das Spektakel immer Spiel bleibt. Der eigene langweilige Alltag erscheint so als tröstlich normal, die anderen, die uns da vorgeführt werden, sind die Spinner. Sie sind selber Schuld.

Die Kunst der Vorführung

Mindestens die halbe Miete (sprich: Quote) der Sendung resultiert aus dem "Wie" dieser Vorführung. Der Grundplot ist simpel: Es bedarf der Selbstüberwindung eines Einzelnen ("Dschungelprüfung"), um das Kollektiv zu ernähren. Das Individuum muss sich bewähren. Dazu gibt es eine Auswahl, die das Publikum steuert. Es kann sich Bosheiten ausdenken. Es besteht keine Gefahr, aber Ekel muss überwunden werden. Früher standen Teilnehmer im Fokus, die dabei quietschten und kreischten. Daniel Küblböck oder Ross Anthony waren so. Seit Desirée Nick können die Zuschauer beobachten, dass es selbst bei den blödsinnigsten Prüfungen so etwas gibt wie einen würdevollen Stoizismus. Vor allem die älteren Teilnehmer (diesmal Rainer Langhans und Matthieu Carrière) beherrschen das. Ansonsten wird das Tagesgeschehen zusammengefasst. Die Gruppe ist heterogen. So soll Dynamik entstehen. Obwohl eigentlich nicht viel geschieht, geht es Schlag auf Schlag. Stets in kleinen Kapiteln. Immer ist was los. Die Musik ist drängend. Pathos wird nicht gescheut. "Angst", "Hoffnung", "Mut", "Ehre" - darum soll es angeblich gehen. Mit kleineren Begriffen gibt sich kein Einspielfilmchen ab.

Die Moderatoren setzen noch eins drauf und erwarten: "Tragik, Panik, Erotik". Tatsächlich badet einmal einer nackt und streiten sich zwei um einen Palmenbüschel. Die Protagonisten werden eindeutig attributiert: Indira ist Sex; Sarah doof; Matthieu intellektuell, Eva "welkes Fleisch"; Katy verarmte Lesbe und Rainer darf kompliziert in die Kamera stammeln, ihm ging es um "verschärfte Kommune-Erfahrungsmöglichkeiten". Die Musik unterstreicht die Typologie. "I need a Dollar" läuft zu Katy Karrenbauer; Rainer Langhans wird mit "When I was Young" unterlegt. Der Zuschauer ist schlauer. Er weiß: Allen geht es ums Geld. Alle haben es nötig. Die komprimierte Zusammenfassung suggeriert ein dichtes Geschehen. Sie ist immer auch kompromittierend.

Die Moderation: auf ironischer Schein-Distanz

Zum Reiz des Dschungelcamps tragen vor allem die Moderatoren bei. Menschen werden in Extremsituationen gestellt, dann wird vorgeführt, wie sie reagieren. Im Theater wäre das ein "Lehrstück". Bertolt Brecht hat solche geschaffen. Chöre, Spruchbänder, Kommentare sorgten für Distanz. Der Modellcharakter der Theaterhandlung sollte so unterstrichen werden. Die Absicht ist: den Zuschauer nicht besinnungslos zu bannen, sondern zur Reflexion der eigenen Rolle anzuhalten. Auch im "Dschungelcamp" gehen die Moderatoren Sonja Zietlow und Dirk Bach ständig in boshafte Distanz zum Geschehen. Sie reimen und ulken. Sie machen sich lustig über die Protagonisten. Ihre Moderationen sagen uns ständig: "Achtung, das hier ist ein völlig absurdes Spektakel." Das Outfit unterstreicht das. Dirk Bach sieht aus wie die Comic-Version eines Großwildjägers.

Die Moderationen sagen aber nicht: "Haltet inne und denkt über das nach, was Euch da geboten wird", sondern: "Weil es ein absurdes Spiel ist, sind wir erst recht nicht zimperlich, hauen drauf, ergehen uns in verbalen Demütigungen, an denen Ihr Euch ohne Schuld und Scham erfreuen dürft." Was als Ironie erscheint, ist tatsächlich eine Verdoppelung der spielerischen Demütigungen - sozusagen ein umgedrehter Brecht. Der Zuschauer kann erst recht feixend mitspielen. So wie überliefert ist, dass die Macher von "Dallas" Karl Marx kannten, haben die Designer des Dschungelcamps womöglich ihren Brecht intus.

Ist das Dschungelcamp also ein Beleg für die große Kunst der Verführung in der aktuellen Spaßgesellschaft? Das wäre zu viel der Ehre. Aber das dichte filmische Komprimieren; die permanenten Musikakzente; Tonlage, Reime und Inhalte des Moderatoren-Ulks sind sehr gekonnt: nicht die hohe Kunst der Verführung, aber das Spitzen-Handwerk des Vorführens.

Zur Person Bernd Gäbler, geboren 1953 in Velbert/Rheinland, ist Publizist und Dozent für Journalistik. Er studierte Soziologie, Politologie, Geschichte und Pädagogik in Marburg. Bis 1997 arbeitete er beim WDR (u.a. "ZAK"), beim Hessischen Rundfunk ("Dienstags - das starke Stück der Woche"), bei Vox ("Sports-TV"), bei Sat.1 ("Schreinemakers live", "No Sports"), beim ARD-Presseclub und in der Fernseh-Chefredaktion des Hessischen Rundfunks. Bis zur Einstellung des Magazins leitete er das Medienressort der "Woche". Von 2001 bis Ende 2004 fungierte er als Geschäftsführer des Adolf-Grimme-Instituts in Marl.

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