Wie funktioniert eine TV-Talkshow? Wieso sieht man immer die gleichen Gäste? Unser Kolumnist Bernd Gäbler hat dazu eine Studie verfasst. Auf stern.de stellt er die wichtigsten Erkenntnisse vor.

Sie alle wollen künftig im Ersten talken: Frank Plasberg, Sandra Maischberger, Günther Jauch, Anne Will und Reinhold Beckmann (v.l.)© ARD/Marco Grob
Das wichtigste Resultat der Studie
Wenige lesen 147 Seiten. Selbst wenn man das Kapitel zur Talkshow-Geschichte weglässt, ist solch eine Broschüre viel Holz. Also lautet die wichtigste Anforderung an einen Autor nicht, so ein Stück zu schreiben, sondern es hinterher zügig zu interpretieren.
Das wichtigste ist: Das Fernsehen schafft die Illusion, eine Talkshow sei ein abgefilmtes Gespräch, das in unsere Wohnzimmer übertragen wird. Ein normales menschliches Gespräch dient dem geistigen Austausch, der wechselseitigen Information und Bereicherung, dem Austausch von Argumenten. Man überzeugt und lässt sich überzeugen, wägt ab, übernimmt eventuelle Teile einer anderen Meinung. Das Ziel ist, durch Interaktion gemeinsam klüger zu werden als jeder Gesprächsteilnehmer alleine schon ist.
Die Talkshow sieht aus wie ein Gespräch, ist aber etwas anderes. Es ist ein nur zum Zwecke des Übertragenwerdens im Fernsehen zustande kommende Runde. Jedes Wort, jede Geste zielt gar nicht primär auf den anderen Gesprächsteilnehmer, sondern immer auf die Zuschauer. Die nicht anwesenden Dritten sind immer der Bezugspunkt. Statt Dialog herrscht eine trialogische Struktur. Die Talkshow ist eine Bühne, auf der ein Gespräch vorgeführt wird. Die Debatte zur Selbstverständigung, der gesellschaftliche Diskurs wird ein fernsehgerechtes Rollenspiel.
Nicht die Individualität der Gäste, schillernde, in sich widersprüchliche Menschen stehen im Zentrum, sondern Rollenmuster. Besetzt werden die Runden nach "Segmenten" (der grantelnde Konservative, der Alt-Liberale, die junge Wilde, der etablierte Grüne) mit solchen Individuen, die die zugewiesene Rolle erwartungsgemäß und pointiert erfüllen. Darum kommen immer wieder dieselben Leute ins Studio, darum sind durch die Bank Gäste aus der Kategorie "Journalisten und Fernsehnasen" in den Talkshows am stärksten vertreten.
Haben die Polit-Talkshows also gar nichts mit Politik zu tun?
Dieser Meinung ist der Bundestagspräsident Norbert Lammert (CDU), der in den Talkshows vor allem eine Simulation von Politik zum Zwecke der Unterhaltung sieht. Im Anhang der Studie steht ein Interview mit ihm. Entweder Show oder Politik, so lautet seine strenge Alternative. Ich bin etwas anderer Meinung. Ich glaube, es ist kein Zufall, dass Themen der Politik so oft Gegenstand der Talkshows sind.
Obwohl sie das auch machen, ist es ja doch nicht so, dass Günther Jauch, Frank Plasberg oder Reinhold Beckmann an gleicher Stelle genauso gut ein unterhaltsames Quiz senden könnten. Fast alle Talkshows haben nicht nur den Anspruch, politisch zu sein, sondern wollen zudem die Politik mit der Lebensrealität der Zuschauer abgleichen. Das endlose Bereden politischer Themen führt bei vielen Zuschauern zu dem guten Gefühl, einigermaßen informiert zu sein und die wesentlichen Seiten eines Problems zu kennen. Das beruhigt. Erst wenn man die Sendungen en detail transkribiert, fällt auf, wie gering der Informationswert ist.
Die Argumente jedes Diskutanten füllen oft kaum eine Viertelseite. Meist wird ein Grund-Statement in mehreren Variationen wiederholt. Weil vieles so schwer zu durchschauen und so komplex ist, erleichtern die Talkshows das Leben: Sie reduzieren Komplexität. Anstelle der Sachkunde setzen sie in der Regel darauf, dass sich die Zuschauer ein Bild vom politischen Personal machen, ihm vertrauen oder misstrauen, Sympathie bekunden oder sich ärgern, also emotional reagieren. Auch das ist ein Aspekt von Politik.
Bedenkt man, dass Karl-Theodor zu Guttenberg nie in einer Talkshow zur Bundeswehrreform befragt wurde und Guido Westerwelle auch auf dem Höhepunkt der FDP-Krise kurz vor seinem Rücktritt als Partei-Vorsitzender in keiner Talkshow dazu Stellung nahm, erkennt man schon den begrenzten politischen Wert des TV-Formats "Talkshow". Es hat viel mit Symbol- und Darstellungspolitik zu tun, nur sehr, sehr vermittelt mit den realen Entscheidungen.
Warum gucken denn so viele Menschen so gerne Talkshows?
Weil sie genau dazu taugen: sich ein Bild zu machen. So sehr sie oft die Logik von Argumenten verstellen, Fakten als beliebige Meinungen darstellen oder Meinungen als Belege für Fakten ausgeben, können sie doch eins wunderbar veranschaulichen: wie Menschen aufeinander reagieren. Für das politische Personal ist die Talkshow eine hervorragende Möglichkeit der Selbstdarstellung. Durch häufige Präsenz oder die immer gleichen Attribute wollen sie sich selbst zu einer "Marke" machen, die sich dem Zuschauer, der ja auch Wähler ist, einprägt.
Aber diese Selbstinszenierung ist nicht ohne Risiko. Denn die Kamera zeigt wie ein Lupe, wenn jemand unsicher ist, sich in die Enge getrieben fühlt, nur so tut als sei er gut gelaunt oder unvermittelt aggressiv wird. Das macht den Reiz der Talkshows aus. Darum wollen die Talkmaster das Rad immer in Schwung halten, die Diskutanten unter Spannung setzen. Als noch Ronald Pofalla, Dirk Niebel und Hubertus Heil Generalsekretäre ihrer Parteien CDU, SPD und FDP waren, konnten sich manche nicht daran satt sehen, wie wenig imposant doch das Spitzenpersonal der Politik zu sein schien. In das Schema dessen, was durch Talkshows klar wird, passen selten besonders nachdenkliche Typen, Zweifler, präzise arbeitende Wissenschaftler. Behandelt wird ein Thema meist dann, wenn es ohnehin schon in aller Munde ist und die Meinungsfronten hinreichend vorgeprägt sind oder auf der Hand liegen. Die Form prägt den Inhalt.
Die Studie Bernd Gäbler: "...und unsren täglichen Talk gib' uns heute."
Arbeitsheft 68 der Otto-Brenner-Stiftung.
Zu bestellen unter www.otto-brenner-stiftung.de