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20. Oktober 2008, 14:55 Uhr

Hat Reich-Ranicki Recht?

Im ZDF diskutierten Marcel Reich-Ranicki und Thomas Gottschalk über die Qualität des deutschen Fernsehens. Auch die stern.de-Redaktion ist sich nicht einig: Während Katharina Miklis den Abgesang aufs deutsche Fernsehen anstimmt, meint Carsten Heidböhmer: Es gibt viel mehr Qualität als früher - man muss sie nur suchen.

Marcel Reich-Ranicki, Gottschalk, TV, Eklat

Mag das deutsche Fernsehen nicht mehr: Der Kofferbomber der Literaturkritik, Marcel Reich-Ranicki, ließ auf der Bühne die Bombe platzen. Zu Recht?© DPA

Reich-Ranicki hat Recht

Bis einer heult. Jetzt ist es passiert. Und das Geschrei ist groß. Marcel Reich-Ranickis Auftritt beim Deutschen Fernsehpreis war vernichtend. Er war unverschämt und respektlos. Und er war richtig.

Ja, natürlich. Es gibt sie. Die guten Sendungen im deutschen Fernsehen. Bildung, Kultur und jegliche Form von Anspruch werden jedoch viel zu oft auf unmöglichen Sendeplätzen versteckt. Oder sie gehen völlig unter im krawalligen Trash-Tumult aus Castingshows, Celebrity-Dokus, Coachingformaten und Chartshows. Anspruchsvolle Sendungen stehen im Schatten des ganz normalen Fernsehwahnsinns. Der Olli-Geissenismus hat zum Verfall der Samstagabend-Unterhaltung geführt. Zietlowsches Nervengift geben ihr den Rest und der Musikantenstadl bläst unbeirrt seinen Soundtrack dazu. Ganz ehrlich: Wann haben Sie sich in diesem Jahr richtig gut unterhalten gefühlt? Als Brigitte Nielsen der Hintern abgepumpt wurde? Als im Dschungelcamp abgeschnittene Tierhoden an resignierte Promis verfüttert wurden? Haben Sie jemals gelacht bei Kai Pflaumes "Comedy-Falle" oder "Alles Atze"? Dann lesen Sie bitte bei meinem Kollegen weiter. Oder noch besser: Lesen Sie gar nicht. Schalten Sie den Fernseher an!

Der Intelligenz-Masochismus der Zuschauer wird befriedigt

Zwischen Barbara Salesch, Frauentausch und den Effenbergs stirbt das Niveau einen bitteren Tod. Doch das kümmert keinen Richter Alexander Hold und auch nicht Lenßen und Partner. Die sind damit beschäftigt, Verblödungsfernsehen zu machen und den Intelligenz-Masochismus der Zuschauer zu befriedigen. Schleichend wurde Carrell zu Darnell. Hektisch werden niveauvolle Formate abgesetzt, sobald die Quotenvorstellungen nicht erfüllt werden. Die Sender sind nicht mutig genug. Quote geht schnell vor Inhalt. Und was die werberelevante Zielgruppe will, wird bis zum Erbrechen gezeigt. Um pseudointellektuellen Anspruch vorzugaukeln, fragen Johannes B. Kerner oder Jörg Pilawa in regelmäßigen Abständen das Allgemeinwissen der Deutschen ab. Das Fernsehen macht die Klugen klüger und die Dummen dümmer - traurige Aussichten.

Jetzt wollen einige tatsächlich dem 88-jährigen Literaturkritiker die Befähigung zur TV-Sezierung absprechen? Das ist anmaßend! Man muss nicht den ganzen Tag vor der Glotze hängen um die Idiotie des täglichen Programms zu erkennen. Wenn bei einer Veranstaltung wie dem Deutschen Fernsehpreis Kategorien wie "Beste Reality" eingeführt werden, "Deutschland sucht den Superstar" als Lichtblick deutscher Fernsehunterhaltung und Veronica Ferres als beste Schauspielerin ausgezeichnet wird, dann sagt das allein schon viel über das deutsche Fernsehen aus. Und macht es nur verständlicher, dass der große alte Mann der Literatur es nicht mehr aushielt. Der alte Mann und das Meer aus Blödsinn.

Dass es viel zu viel "Blödsinn" (Reich-Ranicki) und "hirnlose Scheiße" (Elke Heidenreich) im deutschen Fernsehen gibt, ist keine neue Erkenntnis. Aber endlich hat es mal jemand gesagt. Nicht im Feuilleton, nicht nachts versteckt in einer Literatursendung auf 3Sat, sondern live auf großer Bühne vor denen, die den "Blödsinn" zu verantworten haben.

Wir amüsieren uns zu Tode

Marcel Reich-Ranicki stellte eine ganze Branche in Frage - und diese klatschte eifrig Beifall. Das zeigt, dass die, die was ändern könnten, nicht verstanden haben. Die, die gekommen waren um sich im Fegefeuer der Eitelkeiten selbst zu feiern applaudierten dem Mann, der ihnen gerade gesagt hat, dass das, was sie tun, Müll ist. Es wird sich nichts ändern.

Schon der amerikanische Fernsehkritiker Neil Postman sah es in seinem Buch "Wir amüsieren uns zu Tode" kommen: "Das Fernsehen ist dabei, unsere Kultur in eine riesige Arena für Showbusiness zu verwandeln. Es ist natürlich möglich, dass wir das am Ende ganz herrlich finden und es gar nicht mehr anders haben wollen." Das ist jetzt über 20 Jahre her. Und der Worst Case ist eingetreten.

Katharina Miklis

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