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7. November 2011, 09:05 Uhr

Jauchs Infotainment über die braune Gefahr

"Eine Blutspur quer durch Deutschland": Reißerisch war das Thema seiner jüngsten Talkrunde aufgemacht - da konnte auch Günther Jauch schlecht auf eine allzu sachliche Ebene zurückkehren. Und so gab's denn Infotainment statt Diskussion. Von Christoph Forsthoff

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"Hätten Sie auch Menschen getötet?": Günther Jauch in seiner Talkshow zum Thema "Blutiger Terror von rechts - haben wir die braune Gefahr unterschätzt?"© Jörg Carstensen/DPA

Kommissar Jauch ermittelt: Ja, am gestrigen Abend fühlte sich der zuletzt vielgescholtene Moderator sichtlich wohler in seiner Rolle. Endlich einmal konnte er Fragen stellen und nachhaken, durfte den Sensiblen geben und scheinbar Unaussprechliches in Worte fassen: "Hätten Sie auch Menschen getötet?" Endlich einmal kein schwieriges politisches Thema, sondern eine Verbrechensserie: Rätselhafter und grausamer als jeder "Tatort", doch dafür Realität und spätestens seit dem Wochenende Gesprächsthema in allen Medien - damit waren die "Döner-Morde" prädestiniert für die Talkrunde.

"Blutiger Terror von rechts - haben wir die braune Gefahr unterschätzt?" schlagzeilte der Sendungstitel in bester Boulevard-Manier, und entsprechend wurde die Geschichte von den drei Rechtsextremisten und ihrer Gruppierung "Nationalsozialistischer Untergrund", ihren Morden an acht türkischstämmigen Männern und einem Griechen sowie den brutalen Banküberfällen denn auch eingangs aufbereitet. Bis dann Günther Jauch in Erscheinung trat: "Das Trio hat doch nicht allein gehandelt", wusste er sogleich festzustellen - und ob da angesichts von mehr als einem Jahrzehnt erfolgloser Ermittlungen nicht polizeiliche und politische Fehler gemacht worden seien?

Lieber noch ein paar Gäste in die Runde einbringen

Dass ihm Bayerns CSU-Innenminister Joachim Herrmann darlegte, zeitweise seien mehr als 80 Kriminalbeamte deutschlandweit mit der Mordserie befasst gewesen und hätten auch in die Richtung Fremdenfeindlichkeit ermittelt; dass Brandenburgs Generalstaatsanwalt Erardo Rautenberg darauf hinwies, für einen typischen rechtsextremistischen Fall hätte ein entscheidendes Detail gefehlt - nämlich die Bekennerschreiben; dass "Tagesspiegel"-Redakteur Frank Jansen erklärte, das Trio könne nur wenige Unterstützer gehabt haben, denn "wären sie in ein größeres Netzwerk eingebunden gewesen, wären sie sehr wahrscheinlich aufgeflogen": All solche Überlegungen wurden gar nicht erst weiterverfolgt. Lieber mit neuen, ebenso kurz angerissenen Themenfeldern noch ein paar Gäste in die Runde einbringen.

So zum Beispiel den Grünen-Vorsitzenden Cem Özdemir und die Problematik von V-Leuten oder Neonazi-Aussteiger Manuel Bauer. Dem rutschten zwar schon mal Formulierungen wie "meine ehemaligen Kampfgefährten" heraus, doch zumindest brachte er unterschwellig verbreitetes Gedankengut (unbewusst) zugespitzt auf den Punkt, wenn er zu Neonazi-Demonstrationen feststellte: "Die Szene-Anhänger schreien das heraus, was andere denken." Vor allem in Mecklenburg-Vorpommern, wie wir durch diese Sendung mal wieder erfahren durften, wo ganze Dörfer von der NPD und ihren Sympathisanten beherrscht werden.

Lieber noch ein paar Vorurteile und Klischees bedienen

Das Filmbeispiel dazu folgte natürlich sofort wie auch das engagierte Ehepaar Lohmeyer, das den Rechten Widerstand leistet. Dass ausgerechnet Birgit Lohmeyer selbst anmerkte, von einem normalen Dorf könne im Fall von Jamel keine Rede sein, es handele sich um eine Ansammlung mehr oder weniger verfallener Häuser, wurde vom ermittelnden Moderator ebenso ignoriert wie Rautenbergs Kurzanalyse des sozialen Hinter- und Untergrunds, auf dem der Rechtsextremismus in den neuen Bundesländern seit 1990 so gut gedeihen konnte. Nur nichts vertiefen, nach Bildungs- und Jobchancen fragen - lieber noch ein paar Vorurteile und Klischees bedienen: "Haben Sie die Erfahrung gemacht, dass es Sympathisanten bei Polizei und Verfassungsschutz gibt?"

Am Ende hatte Jauch dann die Organisierte Kriminalität ebenso gestreift wie einen neuen Anlauf eines NPD-Verbots und auch noch die Kronzeugenregelung, statt einer vertiefenden Diskussion unterhaltsames Infotainment geboten. Maybrit Illner hat in der aktuellen "Zeit" ihre Aufgabe so formuliert: "Ich habe Freude daran, wenn ich mal acht Minuten gar nicht stattfinden muss, weil da Menschen sitzen, die einen Faden finden." Einen Faden, den ihr Kollege an diesem Abend mit (fast) jeder neuen Frage abschnitt. Aber vielleicht hat Günther Jauch ja auch einfach keine Freude daran, einmal acht Minuten lang gar nicht stattzufinden.

Von Christoph Forsthoff
 
 
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