Da können wir noch so zivilisiert tun: Wenn es im Sommer um geselliges Essen geht, scharen wir uns archaisch in der Horde um die Feuerstelle. Wie wir Deutsche grillen. Von Henry Lübberstedt

Griller im Nebel - steigen die Temperaturen bricht auf vielen öffentlichen Grünflächen das Grillfieber aus© Colourbox
Es ist heiß in Hamburg. Die Temperaturen sinken erst spät am Abend unter 20 Grad. Über dem Elbstrand der Hansestadt liegt eine nahezu geschlossene Decke aus würzigem Grilldunst mit einer leichten Note Flüssiganzünder. Die sandige Meile ist brechend voll. Ein Grill steht neben dem anderen. Drumherum kleine plaudernde Grüppchen. Das meiste Grillgut brutzelt auf sogenannten Einweggrills, Aluschalen mit einer Portion Kohle hinter Gittern. Einige vertrauen ihr Fleisch wackligen Dreibein-Rundgrills an. Die Besitzer der angrenzenden Gärten mit den teuren Elbblick-Häusern hantieren mit Wendezangen an Edelstahlgrills mit Kaminzug oder Kugelgrills. Eines wird hier sofort klar: Grillen im Freien verbindet. Egal ob Student oder Elbhausbesitzer. Und es ist kommunikativ. Und es wird so einiges falsch gemacht.
Elmar Hör bekäme beim Anblick so mancher Feuerstellen möglicherweise sofort leichte Kopfschmerzen. Er ist der Vorsitzende des Deutschen Grillsportvereins. Der größte Grillclub der Republik, eine Art ADAC für Griller. Eine Instanz, die sich aus den Erfahrungen der rund 15.000 Mitglieder speist. 640.000 Diskussionsbeiträge in den Foren auf der Verbandswebsite, dazu über 4700 Grillrezepte.
"Wir setzen uns für das gute Grillen ein", sagt Hör. Die größte Sünde für ihn beim Grillen? Aluschalen! "Jehova! Das geht ja gar nicht", wettert Hör. Zweite Sünde, die am Elbstrand und durchaus auch in den Gärten gern begangen wird: fertig mariniertes Fleisch. "Ich verstehe gar nicht, warum das so ein Renner ist", verzweifelt der oberste Grillsportler. Die Marinade schmecke nicht und die Tunke solle womöglich minderwertiges Fleisch kaschieren. Und dann das Ablöschen mit Bier! Für ein Drittel der Griller so etwas wie ein Geheimtipp. Für Hör jedoch ein Eintrag ganz weit oben im Grillsünden-Register. Bier trinke man beim Grillen, aber gieße es keinesfalls über das Fleisch direkt in die Kohlen. Das Zeug wirbelt die Asche auf, die auf das Fleisch niedergeht und es schwer genießbar werden lässt.
Der Grillsportverein hat noch ein gutes Stück Weg in Sachen Grillaufklärung vor sich. Gut zwei Drittel der knapp 82 Millionen Deutschen grillen, heißt es in einer Marktstudie des Grillherstellers Landmann. Knapp 30 Prozent davon sind "preisorientiert". Diese Grillgruppe griff im vergangenen Jahr etwa eine Million Mal zu den "Einmmalgrills", die für drei, vier Euro an Tankstellen und bei Discountern angeboten werden. Auch der wackelige Rundgrill, der mit einer Beinhöhe von 50 Zentimetern besser auf Knien bedient wird, gilt mit gut zehn Euro als der im Wortsinn billigste Einstieg in das Grillen. Verständlich, dass die "Preissensiblen" dann nicht ein T-Bone- oder Porterhouse-Steak, sondern eher Fertigmariniertes über die Glut legen. Würstchen und grün oder rot eingelegtes Schwein ist das Convenient-Food für den im Sommer florierenden Grill-Massenmarkt. Einer vom Geflügelhersteller Wiesenhof in Auftrag gegeben Umfrage zufolge kaufen 68 Prozent der Deutschen gern das bequeme Grillgut.
Viele kaufen zum Fleisch den Grill gleich mit: Etwa 17 Prozent aller Grills gehen über die Supermarktkasse. Erste Adresse für die Grillkäufer sind jedoch Baumärkte. Hier verproviantieren sich vor allem die Markenbewussten und Familiengriller mit Grillgeräten und Zubehör. Der Umsatz der Baumärkte rund um den Grill stieg in den vergangenen zehn Jahren von 168 Millionen Euro auf 316 Millionen Euro. Den gesamten Grillmarkt schätzt Hans-Jürgen Herr, Deutschland-Chef des Grillherstellers Weber-Stephen, auf bis zu 480 Millionen Euro. "Die Deutschen investieren immer mehr in den Grill. Vor zehn Jahren wurden im Schnitt 30 D-Mark ausgegeben, heute sind wir bei 120 Euro", sagt Herr.