
Die Jury von "Germany's next Topmodel": Rolf Scheider (l.), Heidi, Peyman Amin© Ethan Miller/Getty Images
Dabei hat sie sich gar nicht verändert, die Heidi. Sie spricht noch immer wie eine süße kleine Badeente, kichert wie ein Schulmädchen, ist für jeden dummen Scherz zu haben. Sie sei nun in einem Alter, sagte die 35-Jährige neulich, da planten andere bereits erste Schönheits-OPs. Sie aber - mit diesem unkontrollierbaren Kreiselkopf - habe sich eine Hautpflegeserie ausgedacht, die Falten einfach wegbügelt. Schwupp, saß sie bei der amerikanischen Talkmasterin Ellen DeGeneres auf dem Sofa und pries ihre Produkte. Die Moderatorin wollte die Sache nicht so ganz ernst nehmen und leckte probehalber an der Creme. Und Heidi, nie einem Gag abgeneigt, lutschte munter an der Tube - "und ich hab mir das Zeug immer ins Gesicht geschmiert, hm, lecker!"
Heidi ist nicht prüde, sie scherzt gern über ihre Brüste "Hans" und "Franz", und zu ihrem Konterfei auf einer Sonderbriefmarke sagt sie: "Es macht mir nichts aus, geleckt zu werden." Die Late-Night-Talker reißen sich um sie, weil sie die schon halb schlafende Nation aufscheucht mit ihren Miniröcken und ihrem Mädchengelächter und Trampolingehüpfe und drolligen Bekenntnissen wie jenem, dass sie gern in Hausfrauenkatalogen bestellt, zum Beispiel "Stangen zum Glühbirnenauswechseln". Die Marktlücke, die sie einst selbst geschaffen hat, füllt sie weiterhin allein aus: der Star, der über sich selbst lachen kann. Die Schicke, die keine Zicke ist.
Flirten gehört zum Image. Heidi schäkert mit allen, mit Jay Leno wie mit der lesbischen Ellen DeGeneres, mit Technikern am Set von Werbe-Drehs und mit Studiobossen, die mit ihr über Millionengagen verhandeln. Wenn sie in Verhandlungen mit all diesen Männern gehe, erzählt sie augenzwinkernd, wisse sie schon sehr genau, dass sie manches nur erreicht, weil sie eine Frau ist. Ihr Sex-Appeal ist dabei eher niedlich als beängstigend, sie ist mehr Kätzchen als männermordende Tigerin. Bezeichnend, dass hierzulande mehr Frauen als Männer Heidi "sehr sexy" finden, so ein Ergebnis einer Forsa-Umfrage im Auftrag des stern. Die Werbe-Fachfrau Karen Heumann: "Heidi bietet für deutsche Frauen eine riesige Projektionsfläche. Sie ist nicht so außergewöhnlich schön und unerreichbar wie Claudia Schiffer. Wie sie auszusehen traut sich auch die Durchschnittsdeutsche zu."
Klingt nicht unbedingt schmeichelhaft für ein "Topmodel", beschreibt aber genau die Marke Klum: nicht lasziv und geheimnisvoll, sondern sauber und glänzend wie ein frisch geputzter Küchenfußboden. So gesehen haben die beiden Affären, mit denen Heidi nach ihrer Scheidung von einem New Yorker Friseur 2003 von sich reden machte, ihr eher genützt als geschadet: Die Liebelei mit dem Rockmusiker Anthony Kiedis und die folgenreiche Liaison mit dem älteren italienischen Playboy Flavio Briatore hievten sie nicht nur von den Mode- auf die Gesellschaftsseiten der Illustrierten, sie verliehen ihr - im Scheitern - auch eine gewisse Tiefe, wovon Models gar nicht genug gebrauchen können.
Am Tag, da sie ihre Schwangerschaft bekannt gab, wurde der graubrüstige, mutmaßliche Vater in spe mit einer anderen erwischt. Worauf sich das bis dato belanglose Privatleben der Heidi Klum erst ins Dramatische, dann ins Romantische wendete: Die gedemütigte junge Mutter traf den Soulsänger Seal, der Blitz schlug ein, und Seal verschrieb sich von Stund an seiner kleinen Instant-Familie. Heidi flocht ihn behende ein ins Klum-Imperium, er komponiert Musik zu ihren Laufstegläufen, tritt in ihren Werbespots auf, aber mehr noch, er macht aus ihr eine superglückliche Heidi, die immer noch mehr Einfälle hat, wenn sie ihn in der Nähe weiß. Am 10. Mai wird mit großer Party im mexikanischen Feriendomizil der fünfte Hochzeitstag gefeiert, im Herbst die Geburt eines vierten Klümchens. Ein Happy End nach Hollywood-Art: Sie gibt ihm Sex-Appeal, er gibt ihr Klasse.
Sie ist fester Bestandteil der Entertainment-Welt, tritt bei Galas auf, verteilt Preise, wurde selbst schon für die renommierteste US-Fernsehauszeichnung nominiert, den "Emmy". Und zwar zu Recht. In ihrer amerikanischen Castingshow für Designer "Project Runway" ist sie, was sie in Deutschland nicht sein kann oder soll: eine kompetente Moderatorin, ruhig, charmant, ohne jede Häme. Wenn sie den jeweiligen Verlierer der Woche verabschiedet, gibt es ein Luftküsschen und ein auf Deutsch geflötetes "Auf Wiedersehen!", was längst Kult geworden ist. Vielleicht ist Heidi in Amerika ja so mild, weil sie nicht die eigenen Nachfolgerinnen, sondern "nur" Jung-Designer bewerten muss.

Von Ehemann Seal erwartet Heidi Klum ihr viertes Kind© Axel Schmidt/DDP
Zu ihren Nachbarn in den Bergen von Beverly Hills zählen die Stallones und die Cruises und die Beckhams. Geht sie zu Dreharbeiten, kommt ihr deutscher Fahrer mit, ein blonder Hüne, der als Bodyguard fungiert und ihr aufdringliche Bewunderer vom Leib hält. Kein Zweifel: Drüben ist Heidi ein Star. Weil sie so nett deutsch ist. Hier wird sie angemacht. Weil sie so verdammt amerikanisch tut. Laut Forsa kennen sie 96 Prozent der Deutschen, das ist mehr, als die meisten Bundesminister vorweisen können. Satte 85 Prozent sind überzeugt, sie sei eine "clevere Geschäftsfrau". Aber die haben es schwer hierzulande: Nur 61 Prozent finden Heidi Klum sympathisch, "alles in allem".
Der Modelagent John Casablancas, der seinen Schützling eine "talentlose deutsche Wurst" nannte, als Heidi seine Agentur Elite verließ und zum Konkurrenten IMG wechselte, hatte einst bemerkt: "Hinter ihrem Lachen, ihrer blonden Art schlägt das Herz eines Hais." Haie müssen bekanntlich immer schwimmen, kommen nie zur Ruhe.
"Ich kenne sie nur busy", sagt Karin Sistig über ihre beste Freundin aus Kindertagen. "Als ich sie in Los Angeles besucht habe, ist sie immer sehr früh aufgestanden und hat gearbeitet." Die Cutterin und Hobby-Fotografin hatte der berühmten Tochter Bergisch Gladbachs zur Teilnahme an einem Model-Wettbewerb geraten. Sie war dabei, als Heidi in einer Show von Thomas Gottschalk das "Model '92" wurde. Der Gewinn: 300.000 Dollar und ein Vertrag bei einer amerikanischen Modelagentur. "Da hatte sie Blut geleckt. Sie wollte mehr. Sie hat es in Hamburg versucht, es lief nicht so. Dann zog sie mit 20 nach New York in eine Model-WG. Sie ging von Casting zu Casting, klapperte alle Fotografen ab, es war ein harter Weg."
Heidis Erfolgsrezept? "Sie hat die Diplomatie von der Mutter und vom Vater den Geschäftssinn", sagt Karin Sistig. Das Heitere und das Scharfe, vereint im Model-Leib. Heidi Klums Zauber liegt in der überraschenden Union solcher Gegensätze: Spielend verbindet sie Beverly Hills und Bergisch Gladbach, Kaviar und Krautsuppe, den Duft der großen weiten Welt und Drei-Wetter-Taft.
Übernommen aus ...
Stern
Ausgabe 20/2009