Eine Frau zwischen Leben und Tod

24. Oktober 2007, 17:01 Uhr

Ein blasser, bis auf die Knochen abgemagerter Körper, die Wangen eingefallen, der greisenhafte Mund halb geöffnet: Isabelle Caro ist seit 14 Jahren magersüchtig. Der stern hat das Model in Paris besucht und das Interview mit der Kamera begleitet. Von Stefanie Rosenkranz

Isabelle Caro im Frühjahr 2007. Zu dieser Zeit wog sie nur 25 Kilogramm©

Isabelle Caro, das ist vor allem ein Körper, 165 Zentimeter groß, 32 Kilo schwer, abgemagert, ausgezehrt, geschunden, ein Schlachtfeld zwischen Leben und Tod. Im Moment obsiegt gerade noch das Leben.

Dieser Körper, er wird von seiner Besitzerin nicht versteckt, er wird ausgestellt wie der Leib Christi. Er ist alles, was die 25- jährige Isabelle Caro derzeit hat. Tief ist das Décolleté ihrer schwarzen Bluse. Unter einer Haut, dünn wie Pergament, sieht man die Schlüsselbeine, das Brustbein, die Rippen. Ein Röntgenbild in Farbe. Der Unterkörper ist bedeckt von einer gleichfalls schwarzen Hose, die an den Beckenknochen hängt wie an einem Bügel.

Wie es unter ihrer Kleidung aussieht, weiß man nur allzu genau, seit sich Caro für den 65-jährigen italienischen Fotografen Oliviero Toscani entblößte, der ihr dafür 700 Euro zahlte: Die Brüste hängen schlaff herunter, am Gesäß blättert die Haut in schorfigen Krusten ab. Hände und Füße wirken viel zu groß an grausam dünnen Armen und Beinen. Und dann sind da noch diese Augen, riesig in tiefen Höhlen.

Toscani machte einst mit Aidskranken, toten Soldaten und zum Tode verurteilten Mördern Reklame für die Pullover der Firma Benetton. Jetzt bediente er sich des gezeichneten Körpers von Isabelle Caro, um einerseits auf riesigen Billboards zu fordern: "No Anorexia" und andererseits Werbung zu machen für das venezianische Mode-Label "Nolita".

Er ist hochzufrieden mit seinem Werk, es erinnert ihn an Edvard Munchs Gemälde "Der Schrei". Weniger zufrieden ist er mit seinem Model. "Es ist schrecklich, was derzeit passiert. Isabelle redet unablässig über sich selbst und ist zum Starlet der Magersucht geworden. Die Medien glorifizieren sie - und damit indirekt auch die Anorexie", so Toscani zum stern. Er dagegen hat selbstverständlich nur edle Motive. "Ich will wachrütteln, und das ist mir auch gelungen", sagt er. "Wir leben in einer magersüchtigen Welt. Wir sind befallen von einer kulturellen Krankheit, an der die Mode, die Medien und vor allem das Fernsehen die Schuld tragen. Weil wir uns selbst hassen, finden wir Gefallen an Monstern."

"Alle wollen mich"

Das Monster, es sitzt im Restaurant eines schicken Pariser Hotels, wo der amerikanische Fernsehsender CBS es untergebracht hat, und trinkt winzige Schlückchen warmer Milch mit Süßstoff. Es bereitet fast schon physische Qualen, Isabelle Caro dabei zuzusehen, und deswegen betrachtet man lieber ihre grün-blauen Augen; wunderschön starren sie aus einem Totenkopf, über dem die Haut mit tätowierten Sommersprossen so sehr spannt, dass es jedes Mal wirkt, als fletsche sie die Zähne, wenn sie den Mund aufmacht.

Mit leiser, leidender Stimme und nicht ohne Genugtuung berichtet sie von ihrem derzeit sehr hektischen Leben. "Alle wollen mich", sagt sie. "Hunderte von Journalisten hinterlassen mir Nachrichten auf meiner Mailbox. Ich war in Mailand während der Modewoche, ich war in Madrid fürs Fernsehen und ‚El Mundo‘, ich war in den französischen Nachrichten. Nächste Woche fliege ich nach New York, für CBS."

Magersucht ist jetzt ihr Beruf, aber natürlich will auch sie nur Gutes. "Ich sehe mich als Botschafterin gegen die Anorexie", sagt sie, und es klingt wie auswendig gelernt. "Magersüchtig zu sein ist kein Lebensstil, sondern eine entsetzliche Krankheit, unter der ich leide und vor der ich warnen will. Was sie anrichtet, kann man an meinem Körper sehen: Er ist das Grauen schlechthin, ein Kadaver, ein Skelett. Am Ende wartet der Tod. Was ich tue, mache ich für die Millionen von Mädchen, die leiden."

Aus der Krankengeschichte wurde eine kranke Geschichte

Toscani dagegen sagt, sie tue das alles "hauptsächlich für sich selbst". Sie retourniert: "Er interessiert sich nur für die Anorexie, um noch berühmter zu werden, als er ohnehin schon ist. Er hat mich benutzt wie ein Objekt und nicht damit gerechnet, dass ich spreche." "Sie ist nicht Isabelle Caro", sagt er kalt. "Sie ist ein Prototyp, mehr nicht. Sie ist Anorexie. Und wie alle Magersüchtigen ist sie hypernarzisstisch." Was vermutlich auch auf ihn zutrifft.

Es ist eine Krankengeschichte, längst degeneriert zu einer kranken Geschichte. Zunächst die Krankengeschichte, ihre Version, eine andere gibt es nicht. Eine Erzählung voller Entsetzen, unfassbar und zugleich unglaublich. "Ich weiß, es ist Wahnsinn, aber es ist wahr", schickt die Patientin voraus. Die Mutter ist ausgebildete Lehrerin und depressiv, der Mann ihrer Mutter Unternehmer, Isabelles Erzeuger "ein bekannter Künstler, der mich nicht anerkannt hat und über den ich nichts sagen darf ". Der Stiefvater ist 193 Zentimeter groß, der Vater ist 163 Zentimeter klein.

Als Isabelle vier Jahre alt ist, prophezeit der Kinderarzt bei einer Routineuntersuchung, sie werde sicher ein großes Mädchen werden. "Meine Mutter wollte nicht, dass ich sein Kind bin, das Kind ihres Mannes." Fortan darf ihre Tochter das Haus kaum noch verlassen, und wenn, dann nur mit einem Schal auf Mund und Nase. "Sie hatte panische Angst davor, dass ich wachse. Frische Luft macht groß, so dachte sie, und jedes Mal, wenn ich draußen war, musste ich mich verschleiern."

Woher weiß sie, was normal ist?

Aus einer bislang halbwegs normalen Kindheit wird ein Gefängnis. Isabelle darf die Schule nicht besuchen, stattdessen überwacht die Mutter den Fernunterricht. Die beiden leben in klaustrophobischer Isolation in einem alten Haus mit undichtem Dach in der Normandie, unweit von Paris. Das nächste Dorf ist zwei Kilometer entfernt. Einmal in der Woche kommt ein Geigenlehrer ins Haus und unterrichtet das Kind; der Stiefvater, ständig unterwegs, erscheint einmal alle zwei Wochen, isst, schläft und geht wieder. "Er wusste, was meine Mutter mir antat, aber er ließ es geschehen. Es war ihm völlig egal."

Die Gefangene wird ruhiggestellt mit einer Spielzeuglawine, verkleidet sich viel und träumt von einem anderen Leben. Ein einziges Mal im Jahr, zu Weihnachten, besuchen Mutter und Tochter die Großeltern. "Ihnen durfte ich natürlich kein Wort über meinen Alltag erzählen. Ich musste so tun, als wäre bei uns zu Hause alles normal." Woher weiß sie, was normal ist? "Aus Büchern und aus dem Fernsehen. Das waren meine einzigen Fenster zur Welt. Ich ging nicht aus dem Haus, ich floh in Geschichten."

Im Hintergrund weint unablässig ihre Mutter, wenn sie nicht mit ihrer ebenfalls depressiven Schwester telefoniert. "Stundenlang sprachen sie darüber, wie sie sich umbringen wollten." Isabelle ist 15, als ihre Tante sich das Leben nimmt. "Sie hat sich vor einen Lastwagen geworfen. Da war ich schon längst magersüchtig."

"Sie will nur nichts essen"

Es ist diese traurige Tante, eine Krankenschwester, die das erste Mal den Namen der Krankheit ausspricht, in dessen Schatten Caro als Schatten ihrer selbst seit über einem Jahrzehnt lebt: Anorexie.

Zum Ursprung ihrer Magersucht liefert Caro eine eigentümliche, fast zu glatte Geschichte: "Unser Herd funktionierte mit Gasflaschen. Sie wurden bis zum Zaun geliefert, und dann musste meine Mutter sie den langen Weg bis ins Haus tragen. Sie wogen 35 Kilo, und ich erinnere mich noch ganz genau, wie sie einmal sagte: ‚Kannst du dir vorstellen, was es bedeutet, dazu gezwungen zu sein, 35 Kilo zu schleppen? Dieses Gewicht ist unerträglich.‘"

Kurz darauf erkrankt Isabelle, damals zwölf und bis dahin stets kerngesund - "ich hatte ja niemanden, bei dem ich mich anstecken konnte" -, an einer schweren Angina. "Zum ersten Mal seit meinem vierten Lebensjahr brachte meine Mutter mich zum Arzt. Er hat mich gemessen und gewogen. Ich war 152 Zentimeter groß, meine Mutter war glücklich: Das ging noch. Aber ich wog 39 Kilo, und als sie das erfuhr, machte sie ein sonderbares Gesicht. Und ich dachte: Ich wiege mehr als die Gasflasche, ich bin ihr eine Last. Ich habe mir eine Waage gewünscht und sie bekommen und angefangen, Diät zu machen." Seither hat sie das Gewicht der Gasflasche nur noch unter Zwang erreicht, im Krankenhaus.

Übernommen aus ... Stern Ausgabe 44/2007

KOMMENTARE (6 von 6)
 
AliceWalsh (26.10.2007, 15:19 Uhr)
Seltsam jedoch...
dass Isabelle trotzdem keine Therapie macht! Magersuechtigen ist zu helfen, aber Isabelle scheint keine Hilfe zu wollen.
RegiFecht (25.10.2007, 22:45 Uhr)
Oliviero Toscani
ist ganz einfach PERVERS!
heiner5362 (25.10.2007, 18:49 Uhr)
geld machen um jeden preis
mehr ist das nicht.
vom schlankheitswahn besessen um noch mehr kohle zu scheffeln
und als es nicht mehr rückwärts geht jetzt das leiden zu vermarkten... ERBÄRMLICH.
starmax (25.10.2007, 18:11 Uhr)
Selbstmord auf Raten
mehr ist das nicht und jeder zerstört sich anders... Konzentrieren wir uns lieber auf Hunger leidende Kinder, die für ihre Situation gar nichts können!
feldsalat (25.10.2007, 13:37 Uhr)
Genau so ...
... sah meine Schwägerin kurz vor ihrem viel zu frühen Tod (im letzten Jahr) auch aus, und sie fand sich unglaublicher Weise immer noch "zu dick"!
Dabei war sie mal ein ausgesprochen attraktives Mädel. Es ist traurig ...
schoolar (25.10.2007, 13:36 Uhr)
Also: Grauenhaft...
...wäre da noch das schmeichelhafteste, was mir zu diesen Bildern, dieser Frau und "ihresgleichen" einfällt...!
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