Ich war zum Zeitpunkt des Amoklaufes im Rektorat. Ich wurde dort von einer Kollegin aus dem oberen Stock per Handy informiert. Ich habe dann sofort die Polizei und über das Krisenhandy das Regierungspräsidium angerufen. Es dauerte nur wenige Minuten bis die helfende Polizei und die Rettungskräfte eintrafen. Für mich aber war das eine schreckliche Ewigkeit. Nachdem wir von der Polizei das Signal bekommen haben, dass wir die Schüler, die sich in ihren Klassenzimmern eingeschlossen hatten, befreien können, bin ich in fast allen Räumen gewesen. Ich habe die fürchterliche Angst der Schüler mitbekommen. Und ich habe alle Toten gesehen. (zögert) Alle. Wenn man so etwas mitgemacht hat... Es wird das eigene Leben für immer beeinflussen.
Dieser Tag hat mein komplettes Leben verändert, er hat mich verändert und er wird mir immer bleiben. Auch auf meine Arbeit hat der Amoklauf natürlich Auswirkungen. Ich spüre seitdem noch mehr meine Fürsorgepflicht, sowohl für die Schüler als auch für die Kollegen. Ich versuche noch näher an ihnen dran zu sein, noch mehr auf sie zu achten. Wenn ich Schüler im Gang treffe, frage ich fast immer, wie es ihnen geht, man kommt in ein kurzes Gespräch. Die Antworten sind verschieden, dem einen geht's gut, dem anderen nicht. Aber fast alle fragen mich: "Frau Hahn, wie geht es Ihnen denn." Ein Zeichen von Miteinander. Genau das haben wir ja auch bei der Trauerfeier zum Ausdruck gebracht mit dem Motto: "Wir haben einen Traum".
Wir haben mit Lehrern, Eltern und Schülern überlegt, wie wir die Trauerfeier gestalten wollen, wie unser Beitrag aussehen soll. Wir wollten mit Symbolen arbeiten und hatten die Idee, den Satz "I have a dream" von Martin Luther umgewandelt in die Rede einzubauen.
Wir haben den Traum in unser Schulgebäude zurückzukehren und uns nicht alles kaputt machen zu lassen. Wir haben auch den Traum, näher zusammen zu rücken. Und wir wollen die Elemente, die wir bei der Trauerfeier genannt haben, mit Leben erfüllen. Neben Worten wie "Liebe" oder "Familie" gehört auch das "Zeugnisheft" dazu. Es soll ausdrücken, dass auch Leistung wieder zählen wird bei uns. Denn wir wollen auf gar keinen Fall das Gefühl vermitteln, das man hier keine Leistung mehr bringen muss.
Es gibt eine Anweisung des Regierungspräsidiums, dass sich kein Schüler durch die Belastungen des 11. März verschlechtern kann. Trotzdem haben wir versucht, sie fachlich gut vorzubereiten. So gab es einen kostenlosen freiwilligen Vorbereitungskurs in den Osterferien, den viele in Anspruch genommen haben. Alle 101 Schüler der Stufe sind dann zu den schriftlichen Prüfungen erschienen, entweder zum Haupttermin Ende April oder zum Nachtermin Ende Mai. Davor habe ich großen Respekt. Sie haben die normalen Prüfungen absolviert und es gab ganz vorzügliche Leistungen. Es sieht gut aus, dass alle den Abschluss bekommen werden. Das zeigt, dass sich unsere Schüler wieder mit dem Leistungsgedanken angefreundet haben.
Natürlich war es für manche sehr hart. Wenn man so etwas erlebt hat, ist es absolut verständlich, wenn sich jemand nicht gleich wieder mit der Schule und dem Lernen beschäftigen will. Aber wir haben den Schülern versucht klarzumachen, dass es hier um ihre Zukunft geht, die sie auch bei all dem Schrecklichen was passiert ist, nicht aus den Augen verlieren dürfen.
Seit den Pfingstferien kehren wir in kleinen Schritten in eine gewisse Normalität zurück. Enorm wichtig war dafür der Umzug in die Containerschule. Die Trennung der Schule war sehr belastend für alle, denn gerade nach einem so schrecklichen Ereignis hat man das Bedürfnis nach Nähe. Das hat gefehlt. Die Fröhlichkeit kommt jetzt zurück. Es wird viel mehr gelacht, als in den ersten Wochen nach dem 11. März. Vielleicht schaffen es manche Kinder, das Erlebte ganz auf die Seite zu schieben. Ich persönlich jedenfalls werde das nie schaffen.
(überlegt lange). Was ist eine ganz normale Realschule? Wir werden natürlich versuchen, wieder eine normale Schule zu sein und sind auf dem Weg dorthin. Wir werden in unser altes Gebäude zurückkehren, das aber umgebaut wird. Das wird noch ein bis zwei Jahre dauern. Wichtig ist uns auch, den Lebensraum Schule noch mehr in den Mittelpunkt rücken. Wir wollen in unserer Schule näher zusammenrücken. Es wäre schön, wenn man so aus einem schrecklichen Ereignis noch irgendwas Sinnstiftendes entnehmen kann.
In der Woche vor den Sommerferien veranstalten wir eine besondere Projektwoche. Dabei soll Erlebnispädagogik im Vordergrund stehen. Dazu hatten wir aus der ganzen Bundesrepublik Angebote. Manche Klassen fahren zum zweiten Mal ins Schullandheim. Einige Klassen werden einen Freizeitpark besuchen. Wieder andere gehen klettern. Unsere Abschlussklassen machen eine ganz spezielle Abschlussfahrt. All das soll den Schülern helfen, das Schuljahr in guter Erinnerung zu behalten. Und auch in den Ferien stehen die Psychologen für die Schüler bereit.
Nein. Die Frage nach dem Warum ist nicht zu beantworten. Im Übrigen spreche ich den Namen des Täters nicht aus, denn er wurde schon genug heroisiert. Für mich ist es nur "der Täter" und für uns gilt die Devise: Der Täter darf nicht siegen.