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18. November 2009, 20:04 Uhr

Der selbstbewusste Exhibitionist

Selbsthilfegruppen für Exhibitionisten gibt es nicht

Seit sechs Jahren ist er trocken, vor seinem letzten Rückfall hielt er zwölf Jahre durch. Zweimal in der Woche besucht er eine Selbsthilfegruppe für Alkoholiker. Er engagiert sich im Verein für alkoholfreies Leben, geht in Entgiftungsstationen und redet dort mit seinen Leidensgenossen. "Wenn ich in meiner Selbsthilfegruppe für Alkoholiker sage, da war der Saufdruck da, weiß jeder, was gemeint ist. Aber ich kann nirgendwo sagen, am liebsten hätte ich meinen Schwanz heraus gehangen." Die Suche nach Anerkennung machte ihn nicht nur zum Exhibitionisten, sondern auch zum Alkoholiker. Während seiner Lehre zum KfZ-Mechaniker seien die trinkfesten Burschen gut angesehen gewesen. "So wollte ich auch sein", sagt Handke. "Doch vom Alkohol wurde mir immer schlecht, ich musste kotzen. Ich habe dann so lange getrunken, bis sich das gegeben hat." Da war es bis zur Abhängigkeit nicht mehr weit.

Eine Selbsthilfegruppe für Exhibitionisten ist ihm nicht bekannt. "Wir stehen allein. Man kann mit niemandem darüber reden." Gern möchte Bernd Handke eine solche Gruppe gründen. Doch wie soll er die Betroffenen finden? Vier, fünf Mal habe er bei der Präventionsabteilung der Kriminalpolizei angerufen, um andere Exhibitionisten zu finden. Aber er bekam keinen Rückruf, offenbar interessierte es dort niemanden. "Ich habe die Schnauze voll", sagt der Angeklagte. "Es ist mir unangenehm, mit 64 Jahren vor dem Kadi zu stehen. An meinem Lebensabend will ich nicht saufen oder exhibitionistische Handlungen machen."

Und was ist mit einer Therapie? "Es ist schwer, für Exhibitionismus einen Therapeuten zu finden. Ich habe bei einer Therapeutin drei, vier, fünf Stunden Sitzung gehabt. Dann stellte sie fest, das kann und will sie nicht." Vor sechs Jahren begab sich Handke erstmals für längere Zeit zu einem Psychologen. Der stocherte in den Kindheitserlebnissen herum. "Ich habe gemerkt, dass mir das nichts nutzt, zu wissen, wo das her kommt", sagt der Angeklagte.

Therapie seit einem halben Jahr

Seit einem halben Jahr arbeitet er mit einer Verhaltenstherapeutin, die ihn unterstützen möchte, sein eingeübtes Muster zu ändern. "Herr Handke ist hoch motiviert, das Verhalten zu unterlassen und zukünftig anders zu regulieren", schreibt diese Psychologin dem Gericht. "Ich will Ihnen nicht erzählen, neue Therapeutin und alles wird schön.", sagt der Angeklagte. "Das wird längere Zeit brauchen. Aber ich habe ein gutes Gefühl."

Der junge Referendar der Staatsanwaltschaft bekam von seinem Vorgesetzten die Order, für den Bewährungsbrecher zehn Monate Haft zu fordern. Handkes Verteidigerin bittet darum, "mehr auf die strafmildernden Aspekte zu sehen" und "die Bewährung stehen zu lassen."

"Es ist schwer, das richtige Urteil zu finden", sagt der Richter. "Wir haben hier wesentlich schlimmere Fälle, Körperverletzung und anderes. Da ist man der Meinung, diese Leute gehören ins Gefängnis. Aber bei Ihnen habe ich das Gefühl, das bringt nichts." Er nehme dem Angeklagten seinen Leidensdruck ab: "Mir kann keiner erzählen, dass er wiederholt Gefängnis in Kauf nimmt, um weiter zu machen, ohne dass es Gründe dafür gibt."

"Die Hände im wahrsten Sinne still halten"

Der Richter verurteilt Handke zu 1200 Euro Geldstrafe (80 Tagessätze): "Ob das die richtige Entscheidung ist, weiß ich nicht. Solange es gestandene Frauen betrifft, mag das gehen. Aber sobald es Kinder betrifft, ist es nicht gut." Handke habe genügend Anlass, sich vor einer Wiederholung zu hüten: "Die Bewährung läuft und auch durch dieses Urteil gibt es Druck. Sie sollten Ihre Therapie machen und die Hände im wahrsten Sinne still halten."

Allerdings werde die Staatsanwaltschaft in Berufung gehen: "Mein Wort wird noch einmal überstimmt werden", sagt der Richter. Der Rentner befürchtet nun, die nächste Instanz könnte seine Bewährung widerrufen und ihn für mehr als ein Jahr ins Gefängnis stecken. Ob die Lebensgefährtin dann noch zu ihm hält, wenn sie ihren erwachsenen Kindern erklären muss, dass sie mit einem inhaftierten Exhibitionisten liiert ist? Ob sein 18-jähriger Sohn den Kontakt zu seinem Vater halten wird? Handke gibt sich pessimistisch: "Dann kann ich mein ganzes soziales Umfeld knicken." Sein Selbstwertgefühl ist wieder ganz unten.

* Name von der Redaktion geändert

Von Uta Eisenhardt
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KOMMENTARE (1 von 1)
 
DarkSpir (19.11.2009, 15:06 Uhr)
Das Urteil kann ich nachvollziehen...
...die Revision nicht. Aber das ist vermutlich damit begründet, dass der Referendar der Staatsanwaltschaft die Order dazu bekommen hat von jemanden, der sich mit dem Fall bzw der Verhandlung gar nicht beschäftigt hat.

Beeindruckend finde ich die Liste, mit der der Beschuldigte versucht, sein Leben in den Griff zu kriegen. Hier entsteht tatsächlich das Gefühl, dass jemand alles tut, aber alleine nicht weiter kommt (und sich dessen auch bewusst ist, aber trotzdem nicht aufgibt und auch über Rückschläge hinweg sieht). Das scheint auch die Interpretation des Richters zu sein.

Und wie reagiert der Staat in Vertretung durch die Staatsanwaltschaft? Sie fordert Haftstrafe. Damit wird's bestimmt besser, jaja. Traurige Reaktion.
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