Tschernobyl-Helfer werben für mehr Atomschutz

29. Oktober 2012, 14:32 Uhr

Ihr Leiden als Mahnung: Helfer der Atomkatastrophe in Tschernobyl erzählen als Zeitzeugen, wie sich ihr Leben verändert hat. Dafür sind sie nun nach Deutschland gereist.

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Tschernobyl, Fukushima, Strahlen, Atomschutz, Atomenergie, Atomkraft, Deutschland, Ukraine

Bergungsmannschaften sind nach der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl mit Aufräumarbeiten beschäftigt, Aufnahme von 1986. Viele von ihnen hat die Strahlung krank gemacht©

Die Ortsnamen Tschernobyl und Fukushima stehen für die bisher größten Atomkatastrophen. Deutschland steigt aus der Atomenergie aus. Japan macht es genauso und will bis 2040 alle Kernkraftwerke abschalten. Doch in der Ukraine, dem Mutterland des Super-GAUs, tut sich nichts. Nun sind zehn Tschernobyl-Helfer, die bei dem Reaktorunglück dabei waren, nach Deutschland gereist. Sie sind gekommen, damit sie nicht vergessen werden.

Das Leben der Männer hat 1986 und 1987 eine dramatische Wendung genommen. Der Pilot Igor Pismenski hat von einem Hubschrauber Sand abgeworfen, nachdem der Reaktormantel des Atomkraftwerks Tschernobyl am 26. April 1986 explodiert war. "Als Schutz benutzten wir Mullbinden", erzählt der Ukrainer. Damals war er 25 Jahre alt.

Oleg Geraschtschenko half als Feuerwehrmann - erst in Uniform, dann in weißem Kittel. "Meine Einheit arbeitete 600 Meter vom Reaktor entfernt", erinnert er sich. Sein Kollege Iwan Welchanski hatte später die Aufgabe, die verstrahlten Trümmer mit bloßen Händen in der Erde zu verbuddeln, damit nach der Schneeschmelze kein radioaktives Grundwasser in die Flüsse gerät. "Wir haben Friedhöfe der verseuchten Technik geschaffen", sagt Welchanski heute.

Bis zu eine Million Menschen hatte die Sowjetregierung damals zu Aufräumarbeiten verpflichtet, die meisten von ihnen junge Soldaten. Sie konnten nicht verhindern, dass ganze Landstriche durch die Explosion verstrahlt wurden. Atomkritiker sprechen von mehr als 600 Millionen Menschen, die gesundheitlich an den Folgen von Tschernobyl litten oder leiden. Einen Atomausstieg plant die Ukraine dennoch nicht. Im Gegenteil: In zwei Jahren soll es 17 statt bislang 15 Reaktoren geben.

Das Wort "Krebs" benutzt keiner von ihnen

Drei der Liquidatoren, wie sie im Fachjargon heißen, sitzen in diesen Tagen in Berlin-Spandau. Die 51, 60 und 62 Jahre alten Männer wollen mit der Reise zur Tschernobyl-Partnerschaftstagung auf ihr Schicksal aufmerksam machen und für mehr Atomschutz werben - mehr als 26 Jahre nach der Katastrophe.

Man sieht den Männern nicht an, dass es ihnen gesundheitlich schlecht geht, dass sie regelmäßig ins Krankenhaus müssen, starke Medikamente nehmen. Geraschtschenko ist mehrmals im Gesicht operiert worden. "Ich habe es im Gesicht, aber ich kenne Leute, die haben es im Mund oder im Darm - was soll man da machen?", fragt er. Oft müssen die drei tief Luft holen, immer wieder starren sie an die Decke. Das Wort "Krebs" benutzt keiner von ihnen - auch wenn alle drei unter der Krankheit leiden.

Locker werden Pismenski, Geraschtschenko und Welchanski, als es um das Thema Alkohol geht. "Unsere Ärzte haben uns empfohlen, Wodka zu trinken", sagt Pismenski und lacht. "Fünf Tropfen Rotwein auf ein Wasserglas Wodka, das sollte das beste Mittel sein." Der angeblich beste Schutz vor den Strahlen während des Einsatzes. Pismenski schüttelt den Kopf. Richtig geglaubt habe das niemand. "Ein Wunschmittel, dass die Leute ruhiger werden." Und auch, damit sie die Arbeit und die Schmerzen danach besser aushalten.

Radioaktive Belastung auch in Deutschland messbar

Seit November 2010 gibt es ein europäisches Tschernobyl-Netzwerk aus neun Ländern. "Viele der Opfer fühlen sich in der Ukraine abgespeist und als Menschen verlassen", sagt Mechthild vom Büchel vom Internationalen Bildungs- und Begegnungswerk Dortmund, das die Treffen mit den Liquidatoren organisiert. Im Bundestag haben die Ukrainer mit Politikern gesprochen und die Werbetrommel für mehr Sicherheit, mehr Sensibilität und mehr finanzielle Hilfe gerührt. "Fakt ist: Sie bräuchten mehr Geld für Krebs-Medikamente."

Auch in Deutschland hat die Atomkatastrophe Spuren hinterlassen. Zum Beispiel in Bayern, wo es in den Tagen danach regnete. "Man kann hier radioaktive Belastung immer noch messen", sagt Christine Frenzel, Radioökologin an der Ludwig-Maximilians-Universität München. Noch immer gebe es Regionen, wo sie davon abraten würde, Pilze oder Wildschwein ohne vorherige Kontrolle der radioaktive Belastung zu essen.

Ob sie nach ihren Erfahrungen gegen Atomkraft sind? So richtig wollen sich die drei Liquidatoren da nicht festlegen. "Ich bin gegen keine Art der Energieversorgung definitiv. Aber es muss so sicher sein, dass man auch damit leben kann", meint Pismenski. Vor allem nach dem Atomunglück im vergangenen Jahr im japanischen Fukushima stelle sich erneut die Frage: "Was ist eigentlich sicher?"

Respekt haben die Tschernobyl-Helfer vor der Entscheidung Japans und Deutschlands, aus der Atomkraft auszusteigen - ihrem Heimatland trauen sie das aber nicht zu. "Die Ukraine kann sich so was heute noch nicht leisten. Deswegen müssen wir für uns so was wie die goldene Mitte finden", sagt Welchanski. Am deutlichsten wird der ehemalige Feuerwehrmann Geraschtschenko: "Die Pragmatiker mögen sagen, dass man Atomkraft braucht. Ich gehöre zu den Lyrikern - deswegen sage ich Nein."

Anja Mia Neumann/DPA
 
 
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