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Der Sinn des Lebens? Draußen Nebel. Drinnen auch.

Das hat jetzt noch gefehlt: die Frage nach dem Sinn des eigenen Lebens. Wenn man wenigstens Walnusswecken backen könnte.

Von Meike Winnemuth

Nebliger Tag: Ein Radfahrer fährt an einem großen Baum vorbei

Mit dem November kommt der Nebel und die Frage nach dem Sinn des Lebens. Keiner fragt danach bei 30 Grad und Sonnenschein

Draußen war Nebel, drinnen hing diese Frage im Raum. "Wozu sind Sie?", hatte der Interviewer gefragt, nachdem er als Aufschlag schon ganz beiläufig "Wer sitzt hier vor mir?" über das Netz gehauen hatte. Puh, na herrlich. Superfragen, beide. Fragen, auf die man gern was Schlaues parat hätte. Was Selbstreflektiertes, Entspanntes, idealerweise Wahres, das auch übermorgen noch wahr ist. Wer ich bin, dazu sind mir gerade mal vier, fünf Vokabeln eingefallen, die nichts mit Arbeit zu tun haben; naturblond war eine davon. Recht mager.

Aber dann noch: "Wozu sind Sie?" Die Stille dehnte sich. Tja. Wozu bin ich da, wozu bin ich gut? Was treibt mich, wohin treibt es mich, worauf läuft die ganze Chose hinaus? Wäre fein, wenn man das wüsste. Muss ja nicht stimmen, aber zumindest eine Theorie dazu sollte man doch haben, wozu man morgens aufsteht, um einen weiteren Tag auf Erden zu verbringen, den anderen den Sauerstoff wegzuatmen und den Parkplatz zu nehmen. Was habe ich auf diesem Planeten zu suchen? Novemberfrage für Novembertage. Ich rang mir ein rhetorisch ausbaufähiges "Äähm …" ab. Draußen Nebel. Drinnen auch.

Welthistorisch gesehen ein Kann

Der Sinn und Zweck des Lebens, schlimmer noch: des eigenen Lebens – so eine Frage stellt sich nie bei 30 Grad im Schatten. Die ist für Herbstspaziergänge im Nieselregen erfunden worden. Gehen ist immer gut, wenn man so etwas mit sich herumschleppt, allein schon wegen des ökologischen Fußabdrucks: Wenn man schon nichts nützt, will man wenigstens nicht schaden.

Ich spazierte geradewegs in die Depression: Ich bin verzichtbar. Geboren, um zu sterben. Welthistorisch gesehen ein Kann, kein Muss. Ich habe nie was Bedeutendes erfunden, kein Leben gerettet (außer das meines Hundes, des Vollidioten), nichts zum Wohl der Menschheit beigetragen, nicht mal den deutschen Schnitt von 1,42 Kindern erfüllt. Meinetwegen musste eine andere Frau 2,84 Kinder bekommen – von Herzen danke, liebe Unbekannte, vergelt's Gott.

Ein fantastisches Wozu

Wenn man keine Antwort auf die große Sinnfrage hat, empfiehlt es sich, was kleines Sinnvolles zu tun. Ich begann, mit dem Föhn das Eisfach abzutauen. Sinnvolles muss manchmal schnell gehen. Ganz hinten im Fach: sechs eisern gehortete Walnusswecken meiner seit Sommer geschlossenen Lieblingsbäckerei Pitzschel, eingefroren für Tage wie diesen, in denen ich auf den Arm muss. Der Bäcker zu sein, der diese Walnusswecken gebacken hat, das ist ein fantastisches Wozu, ein unschlagbarer Grund, auf der Welt zu sein.

"Wer ein Warum zu leben hat, erträgt fast jedes Wie", sagte Friedrich Nietzsche, doch ich glaube, in Situationen diesseits des Überlebenwollens ist das Wie oft schon die Antwort auf das Warum. Mein eigenes Wie würde ungefähr so lauten: anderen das Leben erleichtern, es heller und angenehmer machen. Gelegentlich sie anstecken, und sei es mit einem Schnupfen wie der Frage nach dem Wozu. Freundlich sein. Neugierig sein. Sich eines Besseren belehren lassen. Lieben. Sich lieben lassen. Dienen. Eine kleine Ecke dieser Welt besenrein hinterlassen (wenn’s geht, mit einem Apfelbäumchen drauf).

Allmählich in die Antwort hineinleben

Und lesen, viel lesen, weil man dabei merkt, dass es die Fragen sind, die uns mit den 108 oder so Milliarden bisher auf der Erde gelebt habender Menschen verbindet. Und dabei mal wieder auf Rilkes Rat stoßen, "die Fragen selbst lieb zu haben": "Vielleicht leben Sie dann allmählich, ohne es zu merken, eines fernen Tages in die Antwort hinein." Bis dahin hilft, die Wozus der anderen lieb zu haben. Zum Beispiel die Walnusswecke von Pitzschel zu lobpreisen und zu sagen, wie sehr ich sie vermisse. Für heute muss das reichen.

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