14. Juni 2011, 21:20 Uhr

Ein warmer Händedruck von Ilse Aigner

Bauer Beckedorf aus Reinbek bei Hamburg musste in den vergangenen Wochen seinen Rucola unterpflügen. Verkauft bekam er die Rauke auf Grund der Ehec-Warnung nicht. Zum Trost kam jetzt Bundesagrarministerin Ilse Aigner auf seinen Hof. Dabei wäre Beckedorf mit einer Entschädigungszahlung mehr geholfen. Von Manuela Pfohl

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Kein Platz für Bauer Beckedorf: Ilse Aigner (2.v.r) mit Schleswig-Holsteins Landwirtschaftsministerin Julian Rumpf und Vertretern von Bauernverbänden©

Besuch bei Bauer Beckedorf. Ein paar Fotografen streiten sich um den besten Platz. Denn Bundesagrarministerin Ilse Aigner (CSU) ist nach Reinbek bei Hamburg gekommen. Auf dem Hof von Dirk Beckedorf sucht sie am Dienstagnachmittag das Gespräch mit der Basis. Genauer gesagt, mit der von Ehec gebeutelten Gemüsebauern-Basis. Die Mikros rücken der Ministerin auf die Pelle. Ilse Aigner lächelt freundlich. Sie sagt einige Worte über die EU und die Hilfen, die Deutschland für seine Landwirte durchboxen wird. 210 Millionen Euro sollen unter den europäischen Bauern verteilt werden. Zügig und unbürokratisch will Aigner das EU-Geld an die deutschen Gemüseproduzenten weitergeben. Dann bringt sie sich für das Foto in Position. Links und rechts ein paar lokale Landespolitiker. Jemand rückt Dirk Beckedorf ins Bild. Aber er muss wieder beiseite treten. Sorry, wir brauchen nur die Politiker.

Der Gemüsebauer lächelt verlegen. Und während die Kameras surren, steht er in der dritten Reihe. "Das bringt doch alles überhaupt nichts" wird er Minuten später kopfschüttelnd sagen, wenn die Ministerin sich verabschiedet, ihr großes schönes Gemüsekorb-Geschenk eingepackt hat und zum nächsten Termin an der Basis abgefahren ist.

Untergepflügter Rucola

Nein wirklich, er hat alles versucht: Als seine Abnehmer auf dem Hamburger Großmarkt Dirk Beckedorf im Mai erklärten, sie würden seinen Rucola wegen der Ehec-Panik nicht mehr haben wollen, hat der Landwirt aus dem schleswig-holsteinischen Reinbek mit Engelszungen auf sie eingeredet. Er hat gesagt, Leute, das Gemüse ist sicher. Das ist völlig in Ordnung. Keine einzige Probe ist belastet. Aber er ist es trotzdem nicht losgeworden - und hat es schließlich auf dem idyllisch gelegenen Feld vor den Toren der Hansestadt mit dem Trecker unterpflügen lassen. Die "Hamburger Morgenpost" und die "Bild"-Zeitung haben die Fotos abgedruckt. Genutzt hat auch das nichts. Beckedorf hätte an manch einem Abend dieser verfluchten drei vergangenen Wochen heulen können. Doch dann hat er wieder gehofft. Auf die Bundesagrarministerin.

Hoffen auf die höhere Macht – Ilse Aigner

Die CSU-Politikerin hatte sich im Zuge der Ehec-Krise auf Dienstreise in die Provinz gemacht, um zu zeigen, dass die verzweifelten Gemüsebauern nicht allein sind. Hilfe müsse her, hatten die Bauernverbände gefordert, und die Ministerin hatte versprochen, dass sie sich darum kümmern werde. Das klang gut. Dirk Beckedorf hatte sich auf den Besuch gut vorbereitet. Er hatte sich seinen schicken grauen Anzug angezogen und vorgenommen, was er Ilse Aigner alles erzählen würde. Dass er einen Familienbetrieb hat, der seit 1939 in der Region existiert, dass er rund 50 Angestellte in Lohn und Brot bringt, dass er mit seinem Hof schon manche schwierige Situation zu bewältigen hatte - und dass er nun nicht mehr weiter weiß, wenn nicht die Bundesregierung oder die EU oder sonst eine höhere Macht ihm hilft.

Rucola ist kein Salat – botanisch gesehen

Als sie dann zusammen in der großen Halle hinten auf dem Hof gesessen haben, hat Beckedorf versucht klar zu machen, was es heißt, unter Ehec-Verdacht zu stehen. Dass er nur sechs Monate pro Jahr sein Gemüse anbauen kann und ihm in diesem Jahr wegen der Krise schon ein ganzer Monat verloren gegangen ist. Dass er nur zehn Prozent des Rucolas losgeworden ist, keine großen finanziellen Reserven auf der hohen Kante hat und deshalb nicht weiß, ob er seine Leute den Rest der Saison weiter bezahlen kann. Nur eine hundertprozentige Entschädigung könne da helfen. Das wollte er auch sagen. Aber da wusste Dirk Beckedorf noch nicht, dass er nicht ins Hoffnungsprogramm der Ministerin passt. Leider. Das, so sagt Beckedorf, sieht nämlich nur Hilfe für die Gemüsebauern vor, die ihre Gurken, Tomaten und den Salat wegen der Ehec-Krise schreddern mussten. Rucola aber, der 75 Prozent seines Angebotes ausmacht, ist botanisch gesehen kein Salat und demzufolge auch nicht im EU-Hilfsprogramm. Warum die Ministerin dann überhaupt zu ihm gekommen ist und ihm Hoffnungen gemacht hat, fragt sich Beckedorf schon. Ein Versehen vielleicht, wie die anfänglichen unbegründeten Warnungen vor dem Gemüse.

 
 
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