Vor einem Monat ist sie verschwunden, immer noch gibt es keine Spur von der kleinen Maddie. Die örtliche Polizei und die meist britischen Journalisten zoffen sich um die Infos: Die Medien wollen mehr, die Ermittler mauern. Von Martin Knobbe, Praia da Luz

Von der Anfang Mai entführten Madeleine McCann gibt es bisher kein Lebenszeichen© Soenke Tollkuehn
Der Krieg erreichte seinen Höhepunkt an einem Mittwoch, es war um die Mittagszeit. Ein heißer Tag an der portugiesischen Algarve, die Verkäufer ließen die Rollos herunter, Zeit für die "hora de descansa", Stunde der Entspannung, die Mittagspause, sie dauert meist bis vier.
Die Fernsehsender übertrugen eine Pressekonferenz aus Berlin. Die beiden britischen Ärzte Kate und Gerry McCann saßen auf einem Podium vor blauem Hintergrund. Sie hielten einen rosafarbenen Schlafanzug hoch. Sie baten die Deutschen, ihnen bei der Suche nach ihrer Tochter zu helfen.
Es war Tag 34, nachdem die vierjährige Madeleine aus ihrem Bett in einem Appartement im Urlaubsort Praia da Luz verschwunden war. Es war Tag 34, an dem die portugiesische Polizei noch immer keine heiße Spur vorweisen konnte. Es war Tag 34, als die britischen Journalisten beschlossen, der Polizei eins mitzugeben.
Zur selben Zeit saß der Chefinspektor der Kriminalpolizei Olegario Sousa mit seinem Kollegen Gonçalo Amaral und zwei weiteren Polizisten im Restaurant Cavi in Portimão, einer 35.000-Einwohner-Stadt, dem Geschäftszentrum der östlichen Algarve, in dessen kleiner Polizeistation die Ermittlungen geführt werden. Sie sahen sich die Pressekonferenz im Fernsehen an. Sie hatten das Mittagsmenü bestellt, frischen Fisch, kühlen Wein und eine Flasche Johnny Walker dazu, black label.
Sie bemerkten zunächst nicht, dass sie ein britischer Reporter fotografierte. Als zwei Tage später britische Zeitungen von einem gemütlichen Mittagessen der Ermittler berichteten, das zwei Stunden gedauert habe, von reichlich Wein und Whiskey und davon, dass sich die beiden über die Pressekonferenz in Berlin lustig gemacht hätten, da hatte der Krieg seinen Höhepunkt erreicht. "Jeder Mensch hat ein Recht auf Entspannung, auch ein Polizist", sagte der Chefinspektor. In Portugal sei es nun mal nicht ungewöhnlich, zum Essen Wein zu trinken, auch mittags, solange man es nicht übertreibe. Gegen den Fotografen leitete Olegario Sousa Ermittlungen ein, denn er habe die Persönlichkeitsrechte verletzt. Es war der Gegenschlag.
Das Verhältnis zwischen Medien und der Polizei war von Anfang an nicht das beste. Die Journalisten hatten viele Fragen, die Polizisten kaum Antworten. Selten hat eine Entführung so viel öffentliches Interesse und Mitgefühl geweckt, selten hat die Polizei darauf so kühl reagiert. Nur sporadisch finden Pressekonferenzen statt, und wenn, dann gibt Olegario Sousa als Sprecher Statements ab, die selten Inhalt haben. "Auch wir möchten, dass die Dinge laufen", sagt er dann zum Beispiel. "Und wenn sie laufen, denn gilt: Je schneller desto besser."

Der ehemalige Scotland Yard Beamte Steve Parks kritisiert die Medienscheu der Polizei© Brijesh Patel
Es liegt weniger an den Polizisten, dass sie so sprachlos sind, denn sie kennen es nur so. "Wenn überhaupt gibt es nur am Ende eines Falles eine Pressekonferenz, nämlich dann, wenn ihn die Polizei erfolgreich gelöst hat", sagt eine Polizeireporterin vom "Correio da manhã".
Es liegt am Gesetz. Das portugiesische Strafgesetzbuch schreibt vor, dass die Ermittlungen in einem Kriminalfall solange geheim bleiben, bis eine öffentliche Gerichtsverhandlung stattfindet. Dass man sich zu schwebenden Verfahren nicht äußert, ist auch in Deutschland die Regel. Sie wird aber längst nicht so restriktiv gehandhabt wie in Portugal.
Beschuldigte, Verdächtige, Zeugen, Polizisten und selbst Anwälte sind zum Schweigen verpflichtet und das bis zu acht Monate lang. Wer sich nicht an das Justizgeheimnis hält, macht sich strafbar. Die Engländer kennen ein solches Gesetz grundsätzlich nicht. "Ganz im Gegenteil: Bei uns sucht die Polizei sehr häufig den Kontakt zu den Medien", sagt Steve Park, ein ehemaliger Beamter von Scotland Yard. "Dann werden auch Details der Ermittlungen bekannt gegeben, um zum Beispiel neue Zeugen in einem Fall zu finden."
In dem kleinen Urlaubsort am Atlantik sind im Fall Maddie zwei Systeme und Mentalitäten aufeinander geprallt wie die Wetterfronten bei einem Gewitter. Es hat deshalb schon einige Male kräftig gekracht.
Als eine Freundin der Eltern am Tag nach der Entführung der Polizei erzählte, sie habe einen Mann aus dem Appartementkomplex gehen sehen, der ein Mädchen im Arm gehalten habe, als sie den Mann auch noch einigermaßen gut beschreiben konnte, war es einer der wertvollsten Hinweise in diesem Fall.
Man hätte erwartet, dass die Polizei noch am selben Tag eine öffentliche Fahndung veranlasst, dass die Beschreibung des mutmaßlichen Täters und ein Phantombild in Zeitungen und im Fernsehen veröffentlicht würden. Doch nichts geschah. Die Ermittler behielten die Informationen für sich, das Justizgeheimnis eben. Erst als die Eltern Druck machten, als sich schließlich der britische Innenminister einmischte, verkündete die Polizei die Täterbeschreibung auf einer Pressekonferenz. Da waren schon drei Wochen vergangen.
Als die Reporter der BBC-Sendung "Crimewatch", dem britischen Pendant zu "Aktenzeichen XY", den Fall der verschwundenen Maddie rekonstruieren und auch Bilder aus dem Appartement zeigen wollten, wurde ihnen dies untersagt. Die Eltern durften in die Sendung kommen, aber keine Details erzählen, auch nicht auf ihren Reisen nach Italien und Spanien, nach Deutschland, die Niederlande und Marokko, auch nicht in den vielen Interviews, die sie gaben, und in ihrem täglichen Blog, den sie auf ihrer Homepage veröffentlichen, denn auch für sie gilt das Justizgeheimnis.