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Woher der Hass auf Juden kommt

Wo hört rationale Kritik an Israel auf und wo fängt Juden-Hass an? Antisemitismus hat eine lange Geschichte und wächst noch heute un­ter­schwel­lig in den Köpfen junger Muslime heran.

Von Hans-Hermann Klare

  Eine KZ-Gedenkstätte Buchenwald. Antisemitismus begann nicht erst mit dem zweiten Weltkrieg.

Eine KZ-Gedenkstätte Buchenwald. Antisemitismus begann nicht erst mit dem zweiten Weltkrieg.

Es ist zwar nicht antisemitisch, Israel zu kritisieren, aber Kritik an Israel ist das liebste Freizeitvergnügen von Antisemiten."

Der anonyme Spruch beschreibt das Dilemma wie kaum ein anderer. Er führt mitten hinein in die Debatte um die nächste Etappe im Nahost-Konflikt und um die juden-feindlichen Parolen und Plakate auf Demonstrationen in Berlin und anderswo.

Antisemitismus hat eine lange Geschichte. Was heute geschieht, hat jedoch nichts mit dem Hass auf Juden zu tun, weil einige von ihnen einst Christus ans Kreuz geschlagen haben sollen. Er lässt sich auch nicht erklären mit den pseudo-wissenschaftlichen Versuchen des 19. Jahrhunderts, Semiten als minderwertige Rasse darzustellen.

Wenn es denn eine Konstante in zweitausend Jahren Judenhass gibt, dann wohl am ehesten jene, die Juden als andersartig und abgefeimt, als brutal und böse beschreibt.

Der Hass der jungen Muslime

Anders ausgedrückt: Es ist der Hass von Leuten, die ein Objekt für ihre Wut suchen, einen Schuldigen, weil sie sich ausgegrenzt und unterlegen fühlen; von Menschen, die sich eher als Verlierer der Moderne sehen denn als Gewinner. Es ist der Hass jener Leute, die einst Nationalsozialisten wählten, oder der rechtsradikalen Skinheads in Mecklenburg und Sachsen. Es ist der Hass so vieler junger Muslime in der Banlieue von Paris oder in Berlin-Neukölln. Religion dient dabei als eine Art Brandbeschleuniger, um das Ressentiment zu schüren.

Der britisch-amerikanische Orientalist Bernard Lewis hat darauf hingewiesen, dass Antisemitismus ein Produkt Europas war, erst seit dem 19. Jahrhundert in den Nahen Osten exportiert. Über lange Zeit hatte es dort eine friedliche Koexistenz gegeben zwischen Muslimen und Juden. Wenn auch nicht unbedingt gleichberechtigt, sondern von der Mehrheit der Islam-Gläubigen eher geduldet, lebten die Mitglieder beider Religionen nebeneinander.

"Es gab Vorurteile in der islamischen Welt, es gab gelegentliche Feindschaften, aber nichts, was man Antisemitismus hätte nennen können, weil man mit ihnen nicht das Böse schlechthin verband", schreibt Lewis. "Im Großen und Ganzen erging es Juden unter muslimischer Herrschaft besser als den Christen. Das steht im Gegensatz zu dem, was man erwarten würde. Denn im Koran wie in der Biographie des Propheten kommen Juden schlecht weg." Statt dessen existierte "bis in relativ moderne Zeiten hinein ein höherer Grad an Toleranz in den meisten islamischen Ländern als in der christlichen Welt."

Mit den europäischen Kolonialmächten kamen schließlich die antisemitischen Ideen nach Nahost. Etwa zur selben Zeit begann auch der Zionismus: der Zuzug von Juden ins aus ihrer Sicht heilige Land, auf dass sie endlich eine Heimstatt fänden und Schutz vor der ewigen Diskriminierung und Verfolgung in Europa. Der Konflikt zwischen Arabern und Juden spitzte sich nun zu. Zunächst lokal begrenzt auf Palästina, ein Kleinkrieg um Grund und Boden, kulminierte die Auseinandersetzung mit der Gründung des Staates Israel 1948.

Wie ein Brückenkopf des Westens

Um das Maß arabischer Erniedrigung nach dem ersten Krieg zu verstehen, zitiert Lewis einen arabischen Schriftsteller mit den Worten: "Es war schlimm genug, erobert und besetzt zu werden von den Großmächten des Westens, dem britischen wie dem französischen Imperium. Aber dasselbe Schicksal zu erleiden, uns zugefügt von ein paar hunderttausend Juden, war unerträglich."

Jede neue Niederlage in einem neuen Krieg gab diesem Gefühl seither Nahrung. Und je mehr Israel wuchs und wirtschaftlich stärker wurde, umso mehr wirkte das neue Land wie ein Brückenkopf des Westens in der Region. Wie eine Fortsetzung des europäischen Imperialismus im 19. Jahrhundert. Mehr noch: wie ein Satellit der neuen Großmacht des 20. Jahrhunderts, der USA. Und da Amerika Israel finanziell wie diplomatisch unterstützte, während Israel sich weigerte, alle im Krieg besetzten Gebiete zurückzugeben, wie die Weltgemeinschaft es via UN forderte, ließ sich dagegen mit guten Argumenten wunderbar Stimmung machen. Von charismatisch-nationalistischen Diktatoren wie dem ägyptischen Präsidenten Gamal Abdel Nasser in den sechziger Jahren, der noch davon träumte, die Juden ins Meer zu werfen. Von islamischen Predigern und islamistischen Politikern seither.

Die judenfeindlichen Stellen des Koran bekamen plötzlich einen ganz anderen Stellenwert, ebenso wie die militärischen Konflikte zwischen Juden und den Mistreitern des Propheten Mohammed, die einst mit dem Sieg der Muslime geendet hatten. Diese gewissermaßen heilige Belege ließen sich wunderbar mit klassisch antisemitischen Behauptungen verbinden: Dass Juden von ihren Rabbis hören, sie kämen ins Paradies, wenn sie Palästinenser töten (eine interessante Parallele zu den Vorstellungen muslimischer Selbstmord-Attentäter). Dass Juden Kinderschlächter seien. Oder dass der Holocaust, wenn es ihn denn überhaupt gab, nicht so groß gewesen sei.

Antisemitismus schwingt weiter mit

In solch intellektuellem Klima sind viele Muslime in der arabischen Welt aufgewachsen. Sie bilden auch den Hintergrund für das, was sich bei Protesten gegen Israels Krieg in Gaza in deutschen und europäischen Städten entlädt.

Der in Berlin lebende israelische Araber Ahmad Mansour, Psychologe und Mitglied der Islam-Konferenz, hat das Phänomen wiederholt beschrieben. So sagte er vor Kurzem über den Juden-Hass so manch muslimischer Familie der "Süddeutschen Zeitung": "Über Generationen hinweg wird den Kindern das Gefühl vermittelt, überall auf der Welt würden Muslime unterdrückt. Schuld daran sei 'der Jude'. Er tue alles, um den Islam zu bekämpfen. Der aktuelle Konflikt in Nahost lässt Hass und Aggressivität offen aufbrechen. Gleichzeitig eint er die verschiedensten muslimischen Gruppen. Was in den vergangenen Jahren in der muslimischen Welt passiert ist, verunsichert viele Gläubige weltweit: In Syrien oder dem Irak kämpfen Muslime gegeneinander, das passt nicht in das Schwarz-Weiß-Denken. Einigen kommt dieser Konflikt in Nahost gerade recht, um sich auf das klare Feindbild des 'Juden' konzentrieren zu können."

Junge Muslime haben antisemitische Vorurteile

Dazu passt eine Studie des Innenministeriums in Berlin. Sie kam bereits vor sieben Jahren zu dem Schluss, dass fast jeder sechste muslimische Jugendliche in Deutschland antisemitische Vorurteile hegt. Ergänzt wird die Studie durch eine Untersuchung der Universität Bielefeld aus dem Jahr 2010. Darin bekommt man eine Vorstellung davon, wie sehr sich muslimische Jugendliche in Deutschland ausgegrenzt fühlen, wie sehr sie von der deutschen Gesellschaft beargwöhnt werden. Allerdings stimmen auch 40,4 Prozent von ihnen der Aussage "völlig" zu, dass "Juden in der Welt zu viel Einfluss haben". Religion spielt dabei eine große Rolle. "In meiner Religion sind es die Juden die die Welt ins Unheil treiben", fand jeder sechste Jugendliche mit türkischem und jeder vierte Jugendliche mit arabischem Hintergrund.

Das ist alarmierend. Natürlich wäre es falsch, darum jeden jungen Muslim unter Generalverdacht zu stellen, ein Juden-Hasser zu sein. Dennoch gilt für eine große Zahl arabischer Jugendlicher und ihrer Eltern in Deutschland vermutlich: Wäre der Nahost-Konflikt gelöst und gäbe es einen Palästinenser-Staat, dann wäre ihr stärkstes Argument für ihren Hass zwar weggefallen, aber es wäre nicht unbedingt das Ende des Hasses selbst.

Man muss bloß hören, wie Kinder auf Schulhöfen sich im Streit schon mal als "Jude" beschimpfen - die ultimative Beleidigung muslimischer Minderjähriger. Man muss sich die Geschichtsbücher ansehen, mit denen ihre Eltern oft unterrichtet wurden, bevor sie nach Deutschland kamen. In der üblichen Lektüre tauchen Juden in Palästina entweder gar nicht auf oder nur negativ.

Israel-Kritiker hoffen, Antisemiten hassen

Es dauert lange, solche Bilder im Kopf Heranwachsender zu verändern. Friede in Nahost wäre dabei nur ein erster, wenngleich der wichtigste Schritt. Doch sind Juden und Israel und ihre Helfershelfer längst zur ultimativen Projektionsfläche geworden für das, was in arabischen Ländern schief läuft. Oder in der fremden Heimat. Sie sind der klassische Sündenbock. Und viele arabische Politiker wie muslimische Geistliche benutzen antiisraelische und antijüdische Parolen nur zu gern - ob aus Überzeugung oder Berechnung.

Worin liegt dann der Unterscheid zwischen Israel-Kritikern und Antisemiten? Wohl darin, dass die Kritiker hoffen, es gäbe irgendwann Frieden zwischen Palästinensern und Juden. Während die Antisemiten den Untergang Israels, wenn nicht gar der Juden herbeisehnen.

Der Hass der Antisemiten auf alles Jüdische mag zwar nach Rechtfertigung im Realen suchen, im Leid der Araber in Gaza etwa. Aber er hat sich dabei von der Realität längst gelöst. Der Soziologe Theodor W. Adorno, Begründer der Frankfurter Schule, hat das Phänomen einst lakonisch so beschrieben: "Der Antisemitismus ist das Gerücht über die Juden."

Gerüchte haben bekanntlich ein langes Leben.

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