Altersarmut ist ein Skandal

13. November 2012, 15:16 Uhr

Drogeriemarktketten-Chef Götz Werner findet "Kinderarmut ist Dummheit, Altersarmut grobe Undankbarkeit" - beides dürfe in einer so reichen Gesellschaft wie unserer nicht sein. Von Mirko Zapp

Körber-Stiftung, Generationendialog, Boris Palmer, Götz Werner

Intensives Gespräch: Boris Palmer (r.), Götz Werner (m.) und Moderator Ralf Müller-Schmid (l.) beim Generationendialog in Stuttgart.©

Um die wirtschaftlichen Fragen des demografischen Wandels dreht sich der fünfte und letzte Generationendialog von Körber-Stiftung, Deutschlandfunk und DRadio Wissen, diesmal in Stuttgart. Götz Werner, 68 Jahre, Gründer der Drogeriekette dm und Unternehmer aus Leidenschaft, und Boris Palmer , 40 Jahre, Vollblutpolitiker und seit sechs Jahren Bürgermeister von Tübingen, diskutieren mit Moderator Ralf Müller-Schmid, Leiter DRadio Wissen.

Mit rund 220 Besuchern ist die Veranstaltung im alten Schloß komplett ausgebucht. Viele Besucher harren lange vor dem Eingang aus und hoffen, noch einen Platz zu finden. Mindestens 50 müssen dann auch der Diskussion im Stehen folgen, doch das lohnt sich wirklich.

Mehr Zeit zur Entwicklung

Unsere Gesellschaft altert. Die durchschnittlich 15 gewonnen Lebensjahre für jeden Einzelnen seit Mitte des letzten Jahrhunderts sind ein Geschenk, findet Götz Werner. "Wir sind auf der Erde, um uns zu entwickeln, mehr Lebenszeit bedeutet also mehr Zeit sich zu entwickeln." Werners Welt- und Menschenbild wird zum Dreh- und Angelpunkt der Diskussion. Boris Palmer bringt das Thema Altersarmut und Umverteilung aus politischer Perspektive auf den Tisch. Adenauer sei es gewesen, der die Altersarmut erst abgeschafft habe durch die starke Erhöhung der Rentenbezüge – in Wirtschaftswunderzeiten der jungen BRD damals kein Problem. Doch heute gebe das Wirtschaftswachstum solche Maßnahmen nicht mehr her.

Also setzt Palmer auf Umverteilung. Das Absenken der Steuerlastkurve bei Einkommen oberhalb von 100.000 Euro ist für ihn ein deutliches Signal, dass Vermögende nicht ausreichend zur Kasse gebeten werden. Hier müsse korrigierrt werden, genauso wie bei der Besteuerung von Vermögen über einer Million Euro. Würden von den 10 Billionen Euro Vermögen in Deutschland nur 3 Billionen mit einem Prozent versteuert, kämen 30 Milliarden zusammen - immerhin knapp der Jahreszins für die Schulden des Bundes. Als Politiker mit den momentanen Auswirkungen des demografischen Wandels konfrontiert, setzt Palmer auf konkrete Lösungen im Rahmen des Verwirklichbaren.

Werner fordert bedingungsloses Grundeinkommen

Götz Werner erlaubt sich dagegen den großen Wurf, die Utopie eines Systemwechsels. Das bedingungslose Grundeinkommen ist für ihn der Ausweg aus jeder Form von Armut und vor allem der Weg zu mehr Freiheit des Einzelnen und höherer Produktivität. Einkommen für alle, kurz EFA, nennt Werner die angestrebten 1000 Euro pro Person - unabhängig vom Alter soll dieses Geld jedem Bürger bedingungslos zur Verfügung stehen. Werner fährt große Geschütze auf, wenn er sich auf Artikel 1 der Verfassung beruft und sagt: "Die Würde des Menschen ist unantastbar. Ein gesichertes Grundeinkommen muss dieses würdevolle Dasein ermöglichen." Damit erntet er viel Zustimmung im Saal.

Götz Werner leitet ein Unternehmen mit deutschlandweit ca. 1.300 Filialen, insgesamt hat dm knapp 40.000 Beschäftigte. Das hindert Werner nicht daran, gleich den kompletten Arbeitsbegriff der Moderne über den Haufen zu werfen. Er hält nichts von Arbeitssicherung: "Arbeitssicherung ist Quatsch - Arbeit muss erledigt, nicht gesichert werden. Das Einkommen muss gesichert werden." Nach Werners Menschenbild wird der Mensch von sich aus tätig, wenn er die Möglichkeiten und die Freiheiten dazu hat. Die finanzielle Ausstattung und grundsätzliche Unabhängigkeit gehörten für ihn dazu. Setze man den Menschen dagegen unter Druck, bleibe er unter seinen Möglichkeiten.

"Der Mensch ist ein Tätigkeitswesen"

Das Podium und Publikum ist skeptisch bei diesen Ausführungen, doch Werner lässt nicht locker und bemüht die Sozialwissenschaften. Der Mensch sei kein determiniertes Reizreaktionswesen sondern ein Tätigkeitswesen. Jeder, den er nach der Einführung eines Grundeinkommens gefragt habe, habe gesagt, er würde weiterarbeiten. Leider aber glaubten genauso viele, jeder andere würde aufhören zu arbeiten. Hier müsse ein Umdenken einsetzen.

Diese Überzeugungsarbeit will Werner leisten und zitiert Rousseau: "Die Freiheit des Menschen liegt nicht darin, dass er tun kann, was er will, sondern, dass er nicht tun muss, was er nicht will." Ein Mehr an Freiheit ist für Werner genauso wie die Entwicklungsmöglichkeit nicht in Frage zu stellen, beides sind Grundrechte und beide ermöglichen erst das Menschsein.

Verbrauch von Gütern besteuern?

Auch wenn Palmer grundsätzlich zustimmt, sieht er für die Politik die Zeit noch nicht gekommen, Forderungen nach einem bedingungslosem Grundeinkommen zu stellen. Er propagiert die Politik der kleinen Schritte, rechnet aber gleichzeitig vor, wie sich das Grundeinkommen steuerbasiert finanzieren ließe. Über die Formen der Besteuerung sind die beiden Diskutanten dann doch noch uneins. Palmer möchte von der Einkommenssteuer nicht lassen, Werner setzt dagegen auf eine Konsumsteuer. Nicht das Einkommen müsse besteuert werden, sondern der Verbrauch von Gütern, denn letztlich diene alles Geld dem Konsum - in welcher Form auch immer. Das Grundeinkommen ist für ihn dann faktisch ein Freibetrag von der Konsumsteuer.

Werner ist sich bewusst, dass er - anders als die Politik - aus seiner Position heraus Utopien entwerfen kann. Er streicht sich über seine Glatze und bekennt lachend: Mit den Utopien ist es wie mit Haarwuchsmitteln - für sie ist es selten zu früh und nie zu spät.

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