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9. Oktober 2008, 16:35 Uhr

Die Kunst der Konversation

Drei Menschen sitzen wegen Diebstahls vor dem Richter. Es geht um einen Stehtisch, den sie für Sperrmüll hielten. Die Eigentümerin beschreibt ihn dagegen als äußerst wertvoll. Eine Geschichte von Freundschaft und einem folgenreichen Missverständnis.

 

Auf dem Schrottplatz bekamen die Angeklagten zwölf Euro für den Stehtisch© Henning Kaiser/DDP

Ellen Fritz* sitzt ganz vorn vor dem Richtertisch. Hinter der 63-jährigen Rentnerin mit dem gutmütigen Gesicht und den rotgefärbten Haaren hat ihr Lebensgefährte Celal Parlak* Platz genommen - ein hagerer, glatzköpfiger Türke, der lange Zeit als Schrotthändler gearbeitet hat. Der dritte Stuhl, der für Hao Yong Kim* bestimmt war, bleibt leer. Ihn habe das Schreiben des Gerichts nicht erreicht, beteuert der 33-jährige Vietnamese einen Monat später. Also verhandelt der Richter zunächst nur gegen das Pärchen.

Die beiden Angeklagten sollen erst einmal ihre Personalien nennen. Doch während die Aufregung bei Ellen Fritz Schweißausbrüche verursacht, führt sie bei ihrem 15 Jahre jüngeren Lebensgefährten zu Konzentrationsproblemen. So verneint Celal Parlak die Frage des Richters nach Kindern. Erst als seine Lebensgefährtin interveniert - "Doch, du hast Kinder!" - fallen ihm seine beiden erwachsenen Söhne ein. Der Richter zweifelt, ob der Angeklagte ihn überhaupt versteht und will einen Dolmetscher holen lassen. Aber der Türke lehnt das Angebot ab.

Der Tisch passt nicht ins Auto

Es war an einem Februarabend, als Hao Yong Kim den Imbiss vor seiner Haustür betrat und dessen Betreiber Ali von einem Stehtisch erzählte, den er an einer Straße entdeckt habe. Der sei so groß, dass er nicht in sein Auto gepasst habe. Ob Ali den Tisch gebrauchen könne, wollte der Vietnamese wissen. Doch der nur schlecht Deutsch sprechende Imbiss-Betreiber war nicht interessiert an dem Angebot, das ihm der Vietnamese in ebenso schlechtem Deutsch unterbreitete. Ali entnahm dem Gespräch, so schildert er es später dem Richter, der Vietnamese habe viel Schrott gefunden und suche nun jemanden, der diesen mit seinem Lkw abtransportieren könnte. Da fiel ihm der Schrotthändler Celal Parlak ein.

Gegen zehn Uhr abends rief der Imbiss-Betreiber bei seinem Freund Parlak an. Ellen Fritz nahm den Hörer ab. Ali erzählt, ein junger Vietnamese müsse Schrott transportieren - viel Schrott. Ob sie nicht mit ihrem Transporter kommen könnten? Die Rentnerin war nicht begeistert: Lässt sich das nicht auf morgen verschieben, entgegnete sie. Parlak sei gerade aus der Türkei zurück gekommen, er sei sehr müde. Nein, das ginge nicht, sagte der Anrufer. Morgen könne der Schrott schon weg sein. Wenig begeistert setzte sich das Paar in seinen kleinen Lkw. Unterwegs stieg Hao Yong Kim zu und dirigierte sie zu einer Fleischerei.

Viel Aufwand für einen lumpigen Tisch

"Wo ist der Schrott?", will Parlak gefragt haben. "Da steht er doch", antwortete der Vietnamese und zeigte auf einen massiven Stehtisch, an dessen Seiten Müllfächer mit Edelstahl-Türen angebracht waren. In dem Türken stieg der Ärger hoch. Für diesen lumpigen Tisch soll er eine Stunde lang völlig übermüdet vom südlichsten Ende zum nördlichsten Ende der Großstadt gefahren sein?

Die beiden Männer hätten sich dann gestritten, schildert Ellen Fritz dem Richter. Sie habe den Vietnamesen gefragt, wieso der Tisch Schrott sei. Weil der Laden aufgegeben werde, er würde derzeit ausgeräumt, lautete die Antwort. Sie habe durch das Schaufenster geguckt. "Der Laden war leer", sagt Ellen Fritz. "Ich habe ihm geglaubt, obwohl es mir ein bisschen komisch vorkam." Man müsse doch fragen, bevor man sich etwas nimmt, wirft der Richter ein. "Ja", sagt Fritz schuldbewusst. Doch der Vietnamese habe gesagt, der Tisch stünde schon lange auf der Straße. Das habe sie überzeugt. Gemeinsam luden die beiden Männer das sperrige Stück in den Transporter und fuhren zu Alis Imbiss zurück. Dabei wurden sie von einer Hundebesitzerin beobachtet. Die fand die nächtliche Aktion merkwürdig und notierte das Kennzeichen.

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