Aufstand der "Ausschussware Frau"

28. Dezember 2012, 14:40 Uhr

Die Vergewaltigung einer 23-Jährigen in Indien zeigt: In dem riesigem Land gelten Frauen auch im Jahr 2012 als Freiwild. Doch die grausame Tat könnte das traditionelle Rollenbild ins Wanken bringen. Von Niels Kruse

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Stiller, lauter Protest gegen sexuelle Gewalt. Die brutale Vergewaltigung einer 23-Jährigen hat Tausende von Menschen auf die Straßen getrieben.©

Es ist eine kleine, aber schaurige Episode. Vermutlich auch nur eine von unzähligen, wie sie in Indien Alltag sind. Und die ansatzweise erklären könnte, warum die Menschen nun die Nase voll haben, vor allem die Frauen. Vor rund einem Monat erschien auf einer Polizeistation in nördlichen Bundestaat Punjab eine 17-Jährige. Sie sei von mehreren Männern missbraucht worden, gab sie zu Protokoll und wolle die Täter nun anzeigen. Doch statt der jungen Frau zu helfen, rieten ihr die Beamten ernsthaft, doch lieber einen ihrer Peiniger zu heiraten. Am Mittwoch nahm sich die Jugendliche das Leben - mit Gift. In ihrem Abschiedsbrief heißt es, die Tat und die Täter seien der Grund für ihren Freitod.

Zwei Tage ist ihr verzweifelter Selbstmord her. Und nicht mal zwei Wochen sind vergangen, seitdem eine 23-Jährige Medizinstudentin in einem öffentlichen Bus von fünf Männern und dem Fahrer missbraucht, mit Eisenstangen zusammengeschlagen und wie Müll am Straßenrand entsorgt wurde. Fassungslos diskutiert das riesige Land darüber, was eigentlich los ist, ob und was falsch läuft und warum Frauen in der größten Demokratie der Welt immer noch wie Freiwild behandelt werden.

Das Opfer ringt mit dem Leben

Die brutale Massenvergewaltigung der angehenden Ärztin war offenbar die eine Tat zu viel. Kurz nach dem Vorfall gingen Tausende Inder auf die Straße, vor allem in Neu Delhi - die Metropole ist nicht nur die politische Hauptstadt des Landes, sie gilt auch als Hauptstadt der Vergewaltigungen. Tagelang demonstrierten aufgebrachte Bürger gegen die alltägliche sexuelle Gewalt gegen Frauen, es gab Ausschreitungen, Verletzte und sogar einen Toten.

Mittlerweile wurde das 23-jährige Opfer des Gruppenmissbrauchs zur Behandlung nach Singapur ausgeflogen. Dort kämpfen die Ärzte um ihr Leben, sie habe eine schwere Hirnverletzung erlitten, ihre Lungen und andere Organe seien entzündet, heißt es aus dem Krankenhaus.

Verprügelt, missbraucht, ausgeraubt und entsorgt

Die Studentin war am Abend des 16. Dezember im Neu Delhier Stadtteil Munirka zusammen mit ihrem Freund in einen Bus gestiegen. Das Paar war der einzige Fahrgast neben fünf Männern. Die anscheinend angetrunkene Gruppe bepöbelte zunächst die beiden und machte anzügliche Bemerkungen. Als der junge Mann seine Freundin in Schutz nehmen wollte, eskalierte die Situation: Die Männer schlugen ihn zusammen, griffen die Frau an und vergewaltigten sie. Der Busfahrer soll sich spontan an dem Missbrauch beteiligt haben. Anschließend ergriffen die Männer eine Eisenstange und prügelten auf das Opfer ein, dann raubte sie das schwerverletzte Pärchen aus und warfen es einfach aus dem Bus.

Die "New India Times" notierte angesichts der fürchterlichen Tat bitter, dass Vergewaltigungen die am stärksten wachsende Kriminalitätsart sei, eine Art "Trendverbrechen". Seit 1971 führen die Behörden eine Statistik über die gemeldeten Vorfälle, seitdem ist die Zahl von Missbräuchen von damals 2487 auf nun 24.206 gestiegen, eine Steigerung um fast 1000 Prozent. Angesichts von 1,2 Milliarden Indern ist diese Zahl gemeldeter Übergriffe natürlich lächerlich gering. Alleine in Deutschland werden jährlich rund 8000 Fälle von Missbräuchen und sexuellen Übergriffen gemeldet. Auf dem Subkontinent aber ticken die Uhren auch im Jahr 2012 noch sehr viel anders als in Europa oder anderen westlichen Staaten.

Selbst die Regierung zauderte und zögerte

Es gibt keine verlässlichen Zahlen, aber Frauenorganisationen schätzen, dass der überwiegende Teil der Inderinnen Erfahrungen mit sexueller Gewalt gemacht hat. Für Teile der Gesellschaft aber sind nicht die Täter Schuld, sondern die Opfer, die in den Gedankenwelten vieler Inder wahlweise "zu aufreizend gekleidet", "ungebührlich spät noch unterwegs" oder schlicht "nur Frauen" sind. Auch wenn auf Vergewaltigung in Indien lebenslänglich steht, gilt es nach wie vor als Kavaliersdelikt. Wenn überhaupt. Wie wenig sich selbst die Regierung um eklatante Fälle wie der der Medizinstudentin kümmert, zeigte sich auch daran, dass sie fast eine Woche brauchte, um offizielle Ermittlungen gegen die Täter anzukündigen.

Glaubt man den Demonstranten oder nimmt man den Fall der 17-Jährigen aus Punjab, dann scheint auch die Polizei keine echte Hilfe zu sein. Es sei an der Tagesordnung, dass Anzeigen in den Mühlen der Bürokratie untergehen, aus schlichtem Desinteresse nicht weiterverfolgt werden oder im Nichts versanden. Vermutlich aber kommt es in allermeisten Missbrauchsfällen erst gar nicht dazu, dass sich die Geschändeten an die Behörden wenden. Denn eine Vergewaltigung beschädigt die Familienehre mehr als die Seele des Opfers. So sehen es zumindest immer noch viele Inder, nicht nur auf dem rückständigen Land. Frauen gelten selbst in Städten oft nur als unvermeidliche Ausschussware der Gesellschaft. Auffällig, aber wohl kaum Zufall ist, dass in Indien deutlich weniger Mädchen zur Welt kommen als in den meisten anderen Ländern der Welt.

"Kein Land für Frauen"

Langsam scheinen sich die traditionellen Rollenbilder zu verschieben. Bei den Protesten nach dem Übergriff auf die 23-Jährige, deren Name nicht bekannt ist und die von den Demonstranten "Damini" genannt wird, waren Schilder zu lesen auf denen stand: "Kein Land für Frauen", "Bin ich nur ein Körper, der benutzt wird?", "Genug ist genug" und "Respektiert uns endlich". Die Regierung scheint von der lang aufgestauten Wut überfordert zu sein und versuchte die ausufernden Demonstrationen vergeblich einzuschränken. Staatschef Pranab Mukherjee etwa rief die Teilnehmer zur Ruhe auf. "Der Ärger der Jugend sollte nicht den Verstand ausschalten", sagte er. Nicht wenige Inder befürchten, dass die Proteste wiederaufflammen, vielleicht sogar stärker als je zuvor, sollte die junge Frau in Singapur an den Folgen ihrer schweren Verletzungen sterben.

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