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27. Februar 2007, 18:09 Uhr

Die vom Islam abfallen

Muslime, die ihrem Glauben den Rücken kehren, müssen mit der Todesstrafe rechnen - so interpretieren einige das islamische Recht. Nun gründet sich der Rat der Ex-Muslime. Ein mutiger Schritt, selbst im sakulären Deutschland. Von Kuno Kruse

So wirbt der Rat der Ex-Muslime für die Freiheit, auch nicht glauben zu dürfen© Rat der Ex-Muslime

Wer vom Islam abfällt, ist ein Murtadd. Nach der Sunna, so das Urteil islamischer Schriftgelehrter, steht darauf die Todesstrafe. Als die Iranerin Mina Ahadi vom Glauben abfiel, war sie noch Medizin-Studentin: "Ich wurde zufällig in eine muslimische Familie geboren. Aber ich habe mich entschieden, nicht Muslima zu sein." Als Schülerin unter der Burka hatte sie Sartre gelesen. Als sie mit achtzehn aus dem Bus stieg, der sie aus ihrem Dorf im iranischen Aserbeidschan in die Universitätsstadt Tabriz gebracht hatte, riss sie endlich ihr Tuch vom Kopf. Damals trugen Studentinnen dort noch Mini-Rock. Über Persien herrschte der Schah.

Nun, Jahrzehnte später, in ihrer neuen Heimat Deutschland, bekannte sie nun öffentlich: "Ich habe abgeschworen." Damit wurde sie zu einer Murtadd. Seitdem wird die 50-jährige Frau von der Polizei bewacht.

Sie zeigen mutig Gesicht und Namen

Rund vierzig Männer und Frauen, Einwanderer aus dem Iran, den Irak und der Türkei taten sich zu einer Initiative zusammen. Als Antwort auf die "Hoffierung" des Zentralrats der Muslime durch den Innenminister, gründeten sie den "Zentralrat der Nicht-Muslime". Und sie zeigen mutig Gesicht und Namen. Einige entstammen der linken Opposition ihrer Heimatländer und haben als politische Flüchtlinge Asyl in Deutschland gefunden.

Oder sie sind, wie die türkischstämmige Autorin und Theatermacherin Azur Toker, einst zur Selbstfindung nach Deutschland aufgebrochen. Sie hatte als junge Frau in Istanbul Theodor Storm gelesen, dann Heine - auf deutsch. Das zog sie nach Westen. "So ist es mit der Freiheit, wenn man ein wenig davon bekommt, will man sie ganz."

Mina Ahadi will ein Zeichen setzen

Nun will die Feministin, die zwölf Jahre lang aus Ausländervertreterin im WDR-Rundfunkrat saß, zusammen mit Mina Ahadi und den rund vierzig anderen ein Zeichen setzen. Natürlich, so räumen die Frauen ein, sei es eine Provokation. Aber warum könne der Austritt aus einer Religionsgemeinschaft in einem säkularen, demokratischen Staat überhaupt eine Brüskierung sein?

Sie wollen sich nicht von ein paar bärtigen Männern in Besitz nehmen lassen, die behaupteten, durch Karikaturen oder andere angebliche Blasphemien beleidigt worden zu sein. Das irgendwelche Hinterhof-Moschee-Vereine, zusammengeschlossen in islamischen Verbänden, meinten, sie könnten im Namen von mehr als drei Millionen in Deutschland lebenden Einwanderer zu sprechen, das, sagt die Iranerin Mina Ahadi, habe sie wütend gemacht. Denn nicht jeder, der aus dem Orient komme, sei Muslim. Viele hätten sich längst abgewandt, nicht nur von mittelalterlichern Denkweisen, sondern auch vom Glauben - doch niemand wage es, die öffentlich zu sagen. Die Initiatoren aber forderten jetzt ihr Recht, die Umma zu verlassen, so wie jeder Katholik oder Protestant aus seiner Kirche austreten könne.

Akzeptanz des Nicht-Glaubens abverlangen

Wenn islamische Vereine unermüdlich die Akzeptanz ihres Glaubens einklagten, sei ihnen zuerst einmal die Akzeptanz des Nicht-Glaubens abzuverlangen. Dies, sagen die Verweigerer, hätte als Punkt Nummer eins auf die Tagesordnung der von Innenminister Wolfgang Schäuble einberufenen Islamkonferenz gehört. Denn zur Glaubensfreiheit in westlichen Demokratien gehöre auch das Recht, nicht mehr zu glauben. Doch ein Recht habe nur dann einen Wert, wenn man es jeder ausüben könne. Frei und offen.

Islamgläubige würden inzwischen versuchen, den Alltag der Einwanderer in Deutschland immer mehr zu dominieren, sagt Azur Toker. Kaum seien im Schwimmbad bestimmte Badezeiten nur für muslimische Frauen eingeführt, schon seien Frauen schweren Vorwürfen ausgesetzt, wenn sie an anderen Tagen schwimmen gingen. Sobald einige muslimischen Mädchen nicht am Sportunterricht teilnähmen, erhöhe sich der Druck auf Väter und Mütter, auch ihre Töchter nicht zum Sport zu lassen.

Für die Initiatoren ist ihre Aktion deshalb die Flucht nach vorn: Sie wollen vor Islamisierungstendenzen und falscher Toleranz warnen. Vertreter von Parteien, wie die Vorsitzende der Grünen, die doch einmal für Frauenrechte eingetreten seinen, empört sich die Feministin Azur Toker, würden plötzlich auf dem Gebetsteppich einer Moschee niederknien. Wenn schon Anpassung, dann erwartet sie diese von muslimischer Seite. Wer aber ein öffentliches Leben nach den Regeln der Scharia wolle, dem könne sie nur sagen: "Niemand wird in Deutschland festgehalten."

Beim Schlagen auf den Koran berufen

Die alten, patriarchalischen Regeln, sagt Azur Toker, seien tatsächlich Teil des Islam. Als türkische Männer ihre Frauen schlugen, so hatte sie es in ihrer Umgebung erlebt, hätten die sich auf den Koran berufen. Das habe sie nicht glauben wollen und selber in den Suren und den Überlieferungen nachgelesen, in Auslegungen und Sekundärliteratur gestöbert. Als sie dann in der Sunna fand, was Mohammed gesagt, getan, geduldet oder bestraft haben soll, sagte sie sich: "Da sind diese Männer ja noch ganz nett zu ihren Frauen." Beim Religionsstifter fand sie Schlimmeres.

Der Koran proklamiert: "Es gibt keinen Zwang in die Religion." Der Muslim jedoch, der vom islamischen Glauben abfällt, kann sich - nach dem klassischen islamischen Rechtssystem - nicht wie Juden und Christen auf diesen Grundsatz berufen. So erklärt es der renommierte Religionswissenschaftler Abdel Theodor Khoury in seinem Buch: Der Koran - erschlossen und kommentiert. Der Abfall von Glauben gilt als schwere Sünde, die die Werke und das Leben des Abtrünnigen wertlos macht und von Gott nicht vergeben wird. Ihn erwartet die Höllenstrafe.

Keine ausdrückliche, diesseitige Strafe

Der Koran, so Khoury, spreche nicht direkt von einer diesseitigen Strafe, es finde sich keine eindeutige Stelle, die eine ausdrücklich diesseitige Strafe vorsieht. Muslimische Rechtsgelehrte beriefen sich jedoch auf die Koranstelle 4,88 - 89, die das Töten abweichender Heuchler anordnet und erweiterten diese auf Abtrünnige: "... wenn sie sich abkehren, dann greift sie und tötet sie...". So sieht nicht der Koran, wohl aber die Tradition die Todesstrafe vor.

Doch diese Tradition kann unter europäischen Muslimen kaum gelten. Der Vorsitzende des Zentralrates Ayyub Axel Köhler, kann die Motivation für die Gründung des Zentralrates der Nicht-Muslime daher nicht verstehen. Schließlich habe sein Zentralrat bereits 2002 in seiner Charta festgehalten, dass jeder Muslim das Recht habe, die Religion zu wechseln oder auch gar keine Religion zu haben.

Ob diese von allen gelesen und akzeptiert ist, oder nur das Papier geduldig ist, und nicht die Mitglieder, wird sich nach dem 28. Januar herausstellen, wenn sich mehr als 40 Abschwörer geoutet haben.

Mitarbeit: Gerd Elendt
 
 
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