Die Liebe ist hier eine ständige Suche. Unberechenbar und schnell in der Krise. Wo Kirche und Diktatur einst alles verboten haben, ist nun alles erlaubt. Vor allem die Männer tun sich schwer damit, seit sie Frauen begegnen, die ihr Recht auf Lust auch ausleben wollen. Von Jan Christoph Wiechmann

Zum Kaffee nach dem Essen beginnt die Show. Unter dem Beifall wie dem Gelächter ihrer Freundinnen hilft eine Frau einem Stripper dabei, nach dem T-Shirt auch die Hose auszuziehen© João Pina
Sie hat drei Liebhaber in drei Stadtteilen, aber keinen richtigen Mann. Sie träumt von der Ehe, eine wie die ihrer Eltern hält sie aber für ein Relikt aus einer untergegangenen Zeit. Sie spricht nicht von Beziehungen, sondern Projekten, nicht von Liebschaften, sondern Begegnungen, und wenn sie von der Liebe erzählen soll, wird Melisa still. "El amor?", fragt sie unsicher. In ihren dunklen Augen spiegelt sich das Neonlicht einer Tangobar, ihre Hände suchen nach Halt unter dem bauchfreien Top. "Ich bin mir nicht sicher, ob ich weiß, was die Liebe ist. Aber ich suche sie."
Es ist ein fast tropischer Samstag im argentinischen Spätsommer, eine feuchtheiße Nacht wie aus den Romanen Jorge Luis Borges'. Über den Dächern von Buenos Aires leuchtet ein halber Mond, auf den Grünstreifen der Alleen turteln junge Paare im matten Licht der Laternen. An den Straßenecken der Innenstadt verteidigen einheimische Huren ihre Stammplätze gegen die schwarze Konkurrenz aus der Karibik. Es ist weit nach 24 Uhr und die Nacht noch jung in dieser 13-Millionen-Metropole, die niemals schläft, auch dann nicht, wenn New York schon schlappmacht.
Melisa begibt sich mit ihrem Liebhaber auf den Weg zu einem Stundenhotel. Sie ist 22 und Studentin, sie war mal Model für Unterwäsche, bis ihre Kurven sich nicht mehr an die Vorgaben der Industrie hielten. Für diese Nacht hat sie ihren Liebhaber Nr. 2 ausgewählt. Er ist ein netter Kerl aus der Nachbarschaft, der niemals ihr Freund sein wird, aber er sei besser als Nr. 3 und im Gegensatz zu Nr. 1 verfügbar. Keine Gewissensbisse, Melisa? "Nein", sagt sie bestimmt. "Del amor y de los cuernos nadie se salva." Vor der Liebe und dem Betrug rettet sich keiner.
Es könnte so etwas wie das argentinische Lebensmotto sein. Der Titel der Nationalhymne.
Auf ihrer Fahrt durch endlose Trabantensiedlungen passieren Melisa und ihre Nr. 2 ein Stundenhotel nach dem anderen, eines mit Wandmalereien wie aus Ägypten, ein anderes mit verspiegelten Decken, ein drittes mit der Kulisse eines brasilianischen Dschungels. Jedes Stadtviertel und Dorf Argentiniens hat seine eigenen "Telos", sie sind das Refugium für gestresste Eltern oder Ehebrecher, für Studenten mit Platznot oder Freier mit Huren. Sie sind so etwas wie Argentiniens Zuhause der Liebe. Sie entstanden vor 100 Jahren, als in den Wohnungen der Großfamilien kein Platz war für Intimität und Eltern ihren Kindern jeden Sexualkontakt verboten.
Für diese Nacht wählt Melisa ein Liebesmotel mit römischen Wandbildern und Thermalbecken. Sie parkt den Wagen in einer Tiefgarage, wo ein Privatgang diskret aufs Zimmer führt. Sie mietet das Zimmer für vier Stunden und geht auf eine sexuelle Rundreise durchs alte Rom, über den Tisch, das Bett und ins Becken, wie auf einem Rundkurs, einem Parcours der Lust. "Es muss sich schon lohnen", sagt Melisa, "für 300 Pesos", 60 Euro. Es zahlt - der Mann.
Draußen stehen die Autos Schlange und hupen ungeduldig. So ist es immer am Anfang des Monats, wenn das Geld noch locker sitzt. In Argentinien ist alles konjunkturabhängig, auch die Liebe.
Wenn sie es sich genau überlegt, sagt Melisa später, ist die Liebe für sie und die Frauen ihrer Generation eher ein Selbstbedienungsladen, eine Begegnungsstätte der Lust, ein Umerziehungslager. "Wir müssen den Jungen eine Menge beibringen", sagt sie. "Die kennen Sex nur aus US-Pornos und glauben, so funktioniert es, wenn man eine argentinische Frau lieben will. Aber wir brauchen viel mehr Aufmerksamkeit und Geschicklichkeit. Schließlich sind wir die schönsten der Welt."
Was sagt die Nr. 2 dazu? - "Lieber Nummer zwei sein als gar nichts." Sehr viel mehr hat er nicht zu sagen. Dann nimmt sie ihn mit auf eine zweite Rundreise durchs alte Rom.
Draußen dämmert es schon. Über der Hauptstadt liegt der nächtliche Klangteppich aus Hupen, Fangesängen und Musik. Das wahre Nachtleben von Buenos Aires beginnt erst kurz vor Sonnenaufgang. Jetzt tauchen Gruppen Jugendlicher auf und pilgern zu den Großraumdiscos am Río de la Plata, wo auch Diego Maradona gern absteigt, um noch einmal 20 zu sein. Jetzt klappern Tangopaare die Bars ab und gleiten selig ineinander. Jetzt beginnen die Cumbia-Partys in den Villas Miserias, den Slums von Buenos Aires, wo paraguayische Einwanderer hüftenschwingend den Liebesakt simulieren. Eine Disco in der Vorstadt lockt die Gäste mit einer Tombola, Hauptgewinn: eine Brustvergrößerung. Motto: "Yo quiero mis lolas" - ich liebe meine Brüste. So schmilzt sie dem Sonntag entgegen, eine ganz normale Nacht in Buenos Aires, wo die Musik etwas dramatischer ist, der Tanz etwas enger und das Liebesspiel etwas ausgefallener.
Man wird das Gefühl nicht los: Die Liebe ist hier eher Suche denn Gewissheit. Unberechenbar. Launisch. Wie die Wirtschaft. Ständig im Umbau. In der Krise. Ein Schwebezustand.
"Willkommen in der Hölle", sagt ein Portier im schneeweißen Anzug und öffnet die Tür eines Etablissements im Szeneviertel Palermo-Soho. Junge Frauen im engen schwarzen Kostüm und Stars der Showbranche treten ein. Sie führen ihre Chihuahuas aus und ihre prallen Brüste aus dem Katalog, zu denen sie sich gegenseitig gratulieren. Sie durchkreuzen einen schneeweißen Saal, Himmel genannt, und landen in einem Speisesaal ganz in Rot, der Hölle.
Die Hölle ist eine Art Edelrestaurant mit Stripeinlagen. Oder eine Stripshow mit Steakbeilage, ganz wie man will. Argentiniens ultimative Version der Fleischeslust, so nennt es die Besitzerin, Argentiniens Showstar Moria Casán. Sie ist eine Mischung aus Verona Pooth und der älteren Hildegard Knef, sieht sich aber eher in der Nähe von Angelina Jolie. "Ich will hier keine dumpfe Show, sondern die Genüsse des Lebens vereinen: Essen und Erotik. Steak und Sex. Wir Argentinier müssen ausbrechen aus unseren Hemmungen."
In einer Ecke, unter dem Bild von Marlon Brando, entledigt sich ein Stripper seiner Militäruniform und schnallt sich eine Besucherin um die Hüfte. Sie hat gerade ein Stück Steak im Mund, und der Stripper steckt schnell seine Zunge hinterher. In einer anderen Ecke gleitet eine nackte Nixe im Spagat in einen Pool und krabbelt dann triefnass auf einen Gast und seinen patagonischen Lammbraten. Die Besucher finden das lustig. Sie finden das wunderbar dekadent. Und über der ganzen Szenerie, auf einem Großbildschirm, läuft eine Telenovela, die Seifenoper Lateinamerikas, in der keine Episode ohne Erotik, Ehebruch und Tunten auskommt. Schon lange hat sie mehr Macht über den Moralkodex des Landes als jeder Papst und jeder Politiker dieses einst so erzkatholischen Landes.
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Ausgabe 32/2009