Eine ganz neue Form von Terroranschlägen mit verheerenden Folgen lässt sich einfach per Internet-Anleitung planen. Im Interview mit stern.de schildert Bert Weingarten, der sich mit der Entwicklung von Internet-Schutzfiltern befasst, eine bislang ungeahnte Gefahr: Terroranschläge per GPS. Von Manuela Pfohl

In einer Videobotschaft im Januar 2009 kündigte der Islamist Abu Talha Anschläge in Deutschland an© DPA
Ich habe beim Europäischen Polizeikongress unsere neuen Erkenntnisse zu Anleitungen und Eigenschaften der "GPS-Bombe" vorgetragen. Unser Unternehmen analysiert im "verborgenen Internet", abseits des Web, dem sogenannten Deep Internet und fahndet dort nach Bombenbau- und Terror-Anleitungen. Im Oktober 2008 recherchierten wir erstmals bei Routineanalysen neueste Anleitungen und Technologien, die wir anschließend als Bestandteile der "GPS-Bombe" klassifizierten. Im Anschluss betrachteten wir die möglichen Einsatzfelder der "GPS-Bombe" und gewannen die Erkenntnis, dass die per Internet erhältliche Technologie und die im Internet befindlichen Sprengstoff- und Bombenbauanleitungen, zusammen den Bau einer höchst brisanten Waffe ermöglichen, die unmittelbar für die Verübung einer bis dato nicht für möglich gehaltenen terroristischen Anschlagswelle eingesetzt werden kann.
Durch eine bereits im Internet befindliche Softwareerweiterung für Mobiltelefone mit GPS-Empfänger wird aus einem handelsüblichen Mobiltelefon ein automatischer und metergenauer Präzisionszünder, der die Signale des Global Positioning System (GPS), eines satellitengestützten Systems, das vom Verteidigungsministerium der USA betrieben wird und der weltweiten Positionsbestimmung dient, zur Zündung des Sprengsatzes missbraucht. Somit können Terroristen ihren Anschlag metergenau programmieren und den Ort exakt bestimmen, an dem die Bombe explodiert. Die üblichen Ablaufmuster zur Verübung eines Terroranschlags haben beim Einsatz der GPS-Bombe keine Relevanz mehr. So brauchen die Terroristen keine Selbstmordattentäter mehr. Auch eine gesteigerte Kommunikation, unmittelbar vor der Ausführung des Anschlages, wird es nicht mehr geben, da Fahrer eines Paketzustellers oder einer Spedition als "unwissende Selbstmordattentäter" die Bomben zum Anschlagsziel fahren. Kurz, die Vorbereitung zum Terroranschlag besteht nur noch aus dem Download einer Bombenanleitung und einer Softwareerweiterung aus dem Internet, dem Einkauf in einem Supermarkt, dem Kauf der GPS-Telefone und der abschließenden Paketaufgabe.
Durch die Zustellung einer größeren Anzahl von GPS-Bomben können am selben Tag und zeitgleich erhebliche Detonationen ausgelöst werden. Die Schäden können sich nicht nur an Zielen mit GPS-Empfang ereignen. Die analysierte "Counterfunktion" ist dazu geeignet, in Verkehrsunterführungen und Tunneln Sprengungen auszulösen. Die Verwendung von Sprengstoffen ab einem zweistelligen Kilobereich kann erhebliche Opferzahlen und Strukturschäden auslösen.
Zwischen 2004 und 2006 wurde die Internetverbreitung zum Bombenbau noch mit Sätzen wie "Kein Terrorist braucht eine Bombenbauanleitung aus dem Internet" kommentiert. Die von unserer Firma PAN AMP verbreitete Veröffentlichung "Bombenbauanleitungen aus dem Internet gefährden Fluggäste" führte hingegen seit dem 14. September 2005 zu schnellen Veränderungen in der Fluggastkontrolle in ganz Europa. Grund war die Feststellung, dass Internetanleitungen zu Sprengstoffen bestehen, die bis dato kaum oder gar nicht detektierbar waren.
Neben den beabsichtigten Anschlägen per Kofferbomben, kamen Bombenbauanleitungen aus dem Internet auch beim Amoklauf von Sebastian B. in Emsdetten zum Einsatz. In einem einschlägig bekannten Fachforum wurde ein Bereich zum Thema "Wie baue ich eine Bombe?" am 13. Juli 2005 eröffnet. Der versuchte Anschlag mit zwei Kofferbomben auf Nahverkehrszüge in Köln am 31. Juli 2006 machte insbesondere Sicherheitskreisen in Deutschland Sorgen, da die Anleitungen zur Herstellung der Kofferbomben aus dem Internet stammten und es nur durch einen Flüchtigkeitsfehler im Nachbau der Internetanleitung zu keiner Detonation kam.
Die Anschlagsplanung der Sauerland-Terrorgruppe im September 2007 führte zu noch größerer Besorgnis, da aus den zwölf mit Wasserstoffperoxid gefüllten Fässern, die sich das Trio zum Herstellen von Sprengstoff beschafft hatte, eine Sprengkraft von mehr als 400 Kilo TNT berechnen ließ. Die hierzu erforderlichen Bombenbauanleitungen hat PAN AMP deutlich vor der jeweiligen Tatplanung im Internet analysiert und über die resultierenden Gefahren berichtet. Die GPS-Bombe ist von allen bislang festgestellten Internet-Anleitungen die brisanteste.
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Zur Person Bert Weingarten gilt als Online-Sicherheitsexperte. Er ist Vorstand der Hamburger PAN AMP AG. Nach Abschlüssen in Informations- und Kommunikationstechnik am Max-Planck-Institut gründete Weingarten 1995 das erste Internet-Projekt-Haus in Deutschland. Er arbeitete unter anderem als Betreiber der ersten öffentlichen Internet-Standorte, als Mitbegründer der deutschen Domain-Registrierungsstelle Denic und als Gründungsmitglied der Internet Society German Chapter mit an der Verbreitung des Internets in Deutschland. Seit der Gründung der PAN AMP im Jahre 1998 leitet Weingarten die Entwicklung von Internet-Filtern und Sicherheitstechnologien sowie von automatisierten Internet-Analyse und Forensik-Verfahren.
Szenario eines GPS-Anschlags Ein Mann wendet sich unter falschem Namen an einen Paketzusteller. Er behauptet, er habe einen Kühlschrank, der an die angegebene Adresse einer Pizzeria geliefert werden soll. Einen Personalausweis muss er nicht vorzeigen. Im Paket befindet sich kein Kühlschrank, sondern eine mehrere Kilo schwere GPS-Bombe, die so programmiert ist, dass sie exakt in dem Moment explodiert, in dem das Fahrzeug des Kurierdienstes die Zielkoordinaten für den gewünschten Anschlagsort erreicht hat. Das kann beispielsweise ein Ministerium sein, das in der unmittelbaren Nähe einer Pizzeria liegt.