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"Ich feiere dich so derbe" - oder: Warum wir Dummdeutsch sprechen

Die Leute sprechen Makler-Deutsch, Unternehmensberater-Deutsch, Casting-Deutsch. Das soll lässig klingen, ist aber am Ende des Tages nur dämlich.

Von Meike Winnemuth

Buchstaben fliegen aus dem Mund einer Frau

"Pro aktiv mit Bordmitteln": Können wir aufhören, wie Key-Account-Manager zu reden?!

Wir müssen reden.                                                                               Damit bin ich okay.                                                                                         Oh nein, wir müssen so reden, dass ich es ertrage.                  Ich bin ganz bei dir. Total on board.

Aaaargh! Genau so eben nicht! Nicht mit diesen hohlen Meeting-Floskeln. Schlimm genug, dass man ihnen im Büro nicht mehr entkommt. Aber seitdem die ins Privatleben sickern …

… stimmt, das ist ein absolutes No-Go. Da finde ich mich auch nicht mehr drin wieder.

Verd…! Was ich meine, sind Wörter wie "zeitnah" statt "bald". Oder "zielführend" statt "sinnvoll". Als ob auf einmal alle Leute McKinsey-Berater wären und selbst zu Hause nicht mehr aus den Worthülsen rausfinden. Vielleicht, weil sie "fußläufig" zum Job wohnen – oh, dieses lächerliche Makler- und-Stadtplaner-Deutsch!

Das findest du suboptimal? Wollen wir darüber nicht erst mal ergebnisoffen diskutieren? Ganz ohne Zeitfenster?

Nee! Wollen wir nicht!

Ich finde strange, wie du den Diskurs verweigerst und dich hier positionierst. Glaubst du, das nützt deinem Standing? Normalerweise handelst du diese Dinge doch cooler.

Ich händel gar nichts mehr. Ich versuche nur, nicht in dieser Flut von Dummdeutsch zu ersaufen, die stetig reißender wird.

Ich höre dich. Und feiere dich.

Bitte?

Ich feiere dich so derbe gerade.

Danke. Vielen Dank. Auch schön; klassisches Castingshow-Deutsch. Du weißt schon, diese Sendungen, in denen "Talente" gegeneinander "performen", bis ein "Coach" so was sagt wie: "Ich gehe mit Jamie-Lee." Was bitte heißt das? Wohin geht ihr? Zusammen auf die Toilette? Hand in Hand in den Sonnenuntergang? Ist das nicht einfach nur eine Fünftklässler-Übersetzung von "I go with" im Sinne von "ich entscheide mich für"?

Da bin ich leidenschaftslos.

Ganz offensichtlich. Ich nicht.

Ich finde ja gut, wie du dich hier einbringst, aber muss Sprache sich nicht auch bedarfsgerecht entwickeln dürfen?

Na sicher. Und welchen Bedarf gibt es für Wörter wie "sensitiv" und "softig" und "glattweg" und "hinterfragen" und "Flaniermeile"?

Also wenn du immer alles abblocken musst … Damit kann ich leben. Das ist fein mit mir.

Fein! Fein! Was ist es überhaupt mit diesem "fein" immer? Alles ist fein heutzutage. Feine Schokoladen. Feine Präsente. Fine dining. Hey, das wäre fast schon eine eigene Kolumne …

Das holt mich nicht ab. Du musst schon versuchen, die Leute mehr mitzunehmen.

Fein. Gut so?

Du hast das ja gut identifiziert. Aber wie adressieren wir das? Wie machen wir das zu unserer Prio? Wie gehen wir da pro aktiv mit Bordmitteln …?

Schon gut, ich habe dich verstanden. Indem wir aufhören, wie Key-Account-Manager zu reden. Selbst Key-Account-Manager sollten aufhören, wie Key-Account-Manager zu reden, aber da erwarte ich vermutlich zu viel.

Eine Nulllösung also. Interessantes Pilotprojekt. Damit kann ich leben.

Fein.

Dann sind wir also safe. Ganz und gar auf Augenhöhe.

Tatsächlich?

Da gibt es keine zwei Meinungen.

Doch! Und ob! Es gibt immer zwei Meinungen, mindestens! Wenn nicht gar fünf! Nichts ist "alternativlos"! Gottverdammichnochmal, das ist doch zum §?"!!;&%$$)( …!

Ich dachte, wir wären schon weiter. Aber am Ende des Tages ...

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