"Ich wollte für meine Kinder weiterleben"

29. März 2009, 12:41 Uhr

Das stern-Interview mit Igor Wolf hat für Furore gesorgt. Erstmals sprach die Geisel des Amokläufers von Winnenden über seine Horrorfahrt mit Tim Kretschmer und sein spektakuläres Entkommen. Lesen Sie hier das vollständige Interview mit dem Deutsch-Kasachen.

Winnenden, Entführung, Amoklauf

"So hat er mir die Waffe an den Kopf gehalten": der 41-jährige Igor Wolf beim stern-Interview©

Es ist endlich still. Von einer Bank am Ufer des Tegernsees schaut Igor Wolf, 41, auf das Wasser, in dem sich die Sonne, das Gebirge, der Schnee, die ganze oberbayerische Postkartenidylle spiegelt. Er hat sich die letzten Tage zusammengerissen, Emotionen vermieden, Stärke gezeigt, aber jetzt fällt die Anspannung von ihm ab. Tränen schießen ihm in die Augen. Er nimmt seine Töchter Milana, 17, und Michelle, 10, in den Arm. Seine Frau Oksana, 38, steht daneben und schweigt. Der schwarze Mittwoch, der Tag des Massakers von Winnenden, sei sein zweiter Geburtstag gewesen, sagt Wolf später, als bei bayerischem Essen und Bier sein Appetit langsam zurückkommt. In Kasachstan, wo er geboren wurde, da erzähle man in schlimmen Situationen immer ein russisches Sprichwort: "Wenn ich gewusst hätte, wie hart ich falle, dann hätte ich mir vorher eine Matratze hingelegt."

Für das, was Igor Wolf am 11. März 2009 ab 9.47 Uhr widerfahren ist, gibt es keine Vorbereitung, keine Matratze, die einen auffängt. Igor Wolf war die Geisel von Tim Kretschmer. Der gelernte Kfz-Mechaniker, der seinen Vater früh verlor, in der Sowjet-Armee diente, 1991 nach Deutschland zurücksiedelte und sich später bei Schwäbisch-Gmünd ein Haus baute, wollte nur seine Frau aus der Klinik abholen, die neben der Albertville-Realschule liegt.

Herr Wolf, Sie waren zwei Stunden in der Gewalt des 17-jährigen Amokläufers Tim Kretschmer. Wie kam es dazu?

Meine Frau und ich hatten ausgemacht, dass sie zwischen halb zehn und zehn rauskommen würde. Ich war um kurz nach halb zehn da. Oksana war noch nicht draußen, also suchte ich einen Parkplatz.

Sie mussten an diesem Tag nicht arbeiten?

Doch, doch, aber ich hatte Spätschicht bei TRW, einem Automobilzulieferer, wo ich als Gabelstaplerfahrer arbeite, musste erst um halb zwei in der Firma sein. Wir wollten mit unserer Kleinen noch essen, und danach wollte ich zur Arbeit fahren.

Sie suchten also einen Parkplatz?

Ja, aber es war keiner frei vor der Klinik. Also habe ich mich zwischen Straße und Bürgersteig gestellt, sodass ich weder Fußgänger noch Autofahrer behinderte. Ich habe den Motor ausgemacht und meine Frau mit dem Handy angerufen, um ihr zu sagen, wo ich stehe. Sie legte auf, und gerade als ich das Handy in meine linke Jackentasche steckte, riss plötzlich jemand die rechte Hintertür auf. Er sprang ins Auto, mit einer Pistole in der Hand.

Sie sind sitzen geblieben?

Ja, ich habe mich seitlich umgedreht, gesehen, dass er mit der Pistole direkt auf mich zielt, und ich habe ihn gefragt: Was willst du? Was willst du von mir? Ich kenne dich nicht, wer bist du? Was willst du denn? Da hat er mir die Pistole ins Gesicht gehalten. Ja, spinnst du denn, habe ich gesagt. "Jetzt fahr endlich los!" In diesem Moment realisierte ich, der schießt, der meint das ernst. Was hast du eigentlich gemacht? "Fahr schnell", hat er gesagt, "ich habe schon 15 Menschen umgebracht in meiner alten Schule, und das war für heute noch nicht alles."

Zu diesem Zeitpunkt waren 13 Menschen tot, Herr Wolf, nicht 15.

Die Zahl wusste ich ja nicht, aber er hat von 15 gesprochen, ganz sicher.

Sie fuhren dann los.

Ja, ganz langsam. Aber wohin denn, habe ich ihn gefragt. "Einfach los, geradeaus, raus aus Winnenden. Fahr!" Uns kamen viele Polizeiwagen entgegen, alle hatten ihr Blaulicht und die Sirenen an, und er hat gesagt: "Verdammt, die sind aber schnell, noch nicht mal fünf Minuten, und die sind schon da. Aber ich war auch schnell."

Sie hielten das nicht für einen Scherz?

Nein, ich war beim Militär. Ich habe sofort erkannt, dass die Pistole echt ist. Ein riesengroßes Ding. Da hast du aber ein schönes Gerät, habe ich später zu ihm gesagt, um ihn ein wenig abzulenken, neun Millimeter? "Ja", hat er gesagt.

Haben Sie von dem, was passiert war, irgendetwas mitbekommen?

Nein, überhaupt nichts.

Hielt er Ihnen die ganze Zeit die Pistole an den Kopf?

Nein. Die Pistole hat er mir in die Seite hinter der rechten Schulter gehalten, damit das draußen niemand sehen konnte. Das war mir sehr recht. Denn wir mussten kurze Zeit darauf an einer roten Ampel halten. Ich wollte nicht, dass das jemand sieht.

Warum nicht?

Weil es dann zu Reaktionen gekommen wäre und er mich erschossen hätte. Und trotzdem habe ich an der ersten Ampel, an der wir hielten, zum ersten Mal überlegt: Springst du jetzt raus und rennst weg?

Sie waren also nicht angeschnallt?

Nein, war ich nicht. Und er auch nicht. In letzter Zeit sind zwei meiner Freunde bei Verkehrsunfällen ums Leben gekommen, sie waren angeschnallt. Ein dritter hat überlebt - er war nicht angeschnallt.

Warum sind Sie im Wagen geblieben?

Ich weiß es nicht, irgendwie war das blöd zu diesem Zeitpunkt. Ich kann es nicht genau sagen. Jedenfalls sind wir weitergefahren, über Waiblingen, Fellbach und Bad Cannstatt Richtung Stuttgart. Er hat immer wieder gesagt: "Fahr zur Autobahn." Warum hat er mich genommen, war mein Gedanke, warum mich? Aber ich habe den Gedanken weggewischt, das bringt ja jetzt nichts, habe ich mir gesagt. Ich habe ihn dann gefragt: Warum machst du so einen Scheiß? Ganz laut hat er geantwortet: "Aus Spaß, weil es Spaß macht." Ich habe ihm dann gesagt: Ich muss meine Frau abholen, die wartet vor der Klinik auf mich. Und ich habe zwei Kinder, und jetzt willst du mich umbringen? - "Nein, eigentlich nicht. Noch nicht." Aber was bringt es dir, wenn du mich umbringst?, habe ich ihn gefragt. "Fahr weiter, auf die Autobahn."

So kalt, so überlegt hat er das gesagt?

Ja, so hat er das gesagt. Und wieder: "Fahr schnell, fahr."

Hatte er ein Ziel?

Nein, er war planlos, wollte nur flüchten. Wenn seine Eltern behaupten, der habe keine psychischen Probleme gehabt, dann muss ich sagen: Das habe ich ganz anders erlebt, der war irre. Und ich war so aufgewühlt, dass ich mich heute auch nicht mehr so genau an unseren Weg erinnern kann. Irgendwo vor Waiblingen forderte er mich auf: "Schalt mal dein Radio ein!" - Nein, das Radio geht nicht, habe ich geantwortet. Dann fuhren wieder Streifenwagen vorbei, das lenkte ihn kurz ab. Später kam er noch einmal auf das Radio zurück: "Aber das sieht doch ganz neu aus, und dein Auto ist doch auch noch nicht so alt." - Es ist vom Flohmarkt, habe ich gesagt, sieht gut aus, aber es geht nicht.

Funktioniert Ihr Autoradio?

Ja.

Sie haben ihn bewusst angelogen?

Ja, ich hatte so ein Gefühl: Wenn du das jetzt anmachst, und da kommen Nachrichten von toten Kindern und so, da wäre ich vielleicht durchgedreht und würde selber aggressiv reagieren. Ich weiß es nicht, aber ich glaube, ich hätte es nicht geschafft. Und ich wollte auch nicht, dass er Informationen bekommt. Das hätte ihn bestimmt noch mehr aufgeheizt.

Sie wussten zu diesem Zeitpunkt, dass es tödlicher Ernst war?

Ja, das war mir klar, und dann kamen uns ja immer mehr Streifenwagen entgegen. Fünf, sechs. Er war aggressiv, er war in einer Scheißegal-Stimmung. Er hatte sich bewiesen, dass er töten konnte. Wir sind dann durch Fellbach durch, Richtung Stuttgart. "Fahr nach Stuttgart rein und Richtung Autobahn", hat er gesagt. In Stuttgart habe ich zum zweiten Mal gedacht, ich muss das beenden. Ich wollte gegen irgendetwas fahren, um die Aufmerksamkeit der Polizei zu erregen.

Und wieder haben Sie es nicht getan?

Nein, das war viel zu gefährlich. Ich wusste, dass er Menschen umgebracht hatte. Und hier würde er es wieder tun. Ich wusste, das ist kein Spaß.

Hat er nicht nach Ihrem Handy gefragt?

Erst mal nicht, und ich war froh, dass niemand anrief. Ich wusste ja nicht: Wie würde der reagieren? Später hat er dann doch nach dem Handy gefragt. Was er damit gemacht hat, weiß ich nicht, ich habe mich auf die Straße konzentriert.

Übernommen aus ... Stern Ausgabe 13/2009

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KOMMENTARE (10 von 18)
 
Furka37 (01.04.2009, 01:12 Uhr)
@ User, die die Gefahr durch "Dummschwätzerei herunter spielen:
Ich bin auch bei ruhendem Motor nicht angeschnallt und es war ein Glück das der Herr Wolf sich in diesem Fall auch nicht angeschnallt hatte, weil er und weitere Menschen sonst noch erschossen worden wären Ist euch das überhaupt klar ihr Dummschwätzer!?
unglaeubiger (30.03.2009, 22:04 Uhr)
MartinHesse
für tim k. können es ja 15 gewesen sein bei den verletzten die es noch gab.wenn jemand als soldat in der armee war kann er mit streß bestimmt besser umgehen als sie es sich vorstellen können. er hat in russland gedient und das ist kein erholungsheim wie die bundeswehr.
was das anschnallen betrifft dürfte er nicht der einzige sein der das so sieht, jedenfalls verdient die polizei noch immer gut an denen die sich nicht anschnallen.
MartinHesse (30.03.2009, 21:45 Uhr)
Hm
Vielleicht sollte die Polizei den Herrn als Krisenmanager einsetzen. Ziemlich unglaubwürdig, was er da erzählt. Gut nachgefragtvon den Stern-Reportern... "Ich habe schon 15 umgebracht"... Ne Erinnerung hat der Kerl. Erinnert sich nach so einer Streßsituation an Dialoge... Übrigens, irre witzig aus welchem Grund der sich nicht anschnallt. Ein ordentlicher Bürger der Herr. Morgen bei Kerner??????
unglaeubiger (30.03.2009, 15:26 Uhr)
schwer vorzustellen
das ich in so einer situation 2 stunden unterwegs bin ohne ein wort zu reden.
initialway (30.03.2009, 13:06 Uhr)
Unglaeubiger
nana, erstmal ordentlich lesen, dann verstehen. Habe nie jmd. einer Lüge bezichtigt, sondern nur gesagt, dass ich dieser Geschichte so nicht glauben kann. Das sind zwei verschiedene Sachen.
Davon abgesehen steht im Polizeibericht, dass kein Wortwechsel stattgefunden hat. Merkwürdig, dass sich der Fahrer auf einmal so rege mit dem Amokläufer unterhalten hat.
Ach ja, weil es scheinbar Mode geworden ist zu fragen: Nein, ich bin ganz und gar nicht ausländerfeindlich. Die meisten meiner Freunde sind Ausländer und kommen aus den unterschiedlichsten Ländern.
unglaeubiger (30.03.2009, 02:25 Uhr)
initialway
die hand aufs knie zu legen ist beim sharan kein problem, da ist keine verrenkung nötig. aber wenn man die hose voll hat geht so eine beruhigende handlung natürlich nicht.
darum aber dem mann eine lüge zu unterstellen ist unterste schublade.
kralli19 (30.03.2009, 02:17 Uhr)
Sternenbild ?
Willkommen bei BILD, Außenstelle Stern Online.
Demnächst an dieser Stelle: Exklusiv - Stern war noch vor BILD am Unfallort und sprach mit den Toten...
unglaeubiger (30.03.2009, 02:13 Uhr)
SLCentral
ich habe geschäftlich oft mit russen zu tun.
daraus haben sich gute freundschaften ergeben und ich habe die jungs kennengelernt.
fakt ist das sie mehr mut haben als der durchschnitt deutsche.
neid ist des deutschen liebste denke und die sehen in so einem mutigen verhalten ihre eigene feigheit.
übrigens bin ich deutscher bis 1530 reicht unsere ahnentafel.
SLCentral (30.03.2009, 02:01 Uhr)
Habe ich DOCH gewusst wo der Hacken an der Sache ist,
in jedem Kriminalbericht wird es doch auch erwähnt und von der durch die bösen "Russlanddeutschen" eingeschüchterten und besetzten einheimischen Bevölkerung breitgetragen dem letzten durchaus positivem Integrationsbericht zutrotz.
Ganz einfach ist die Sache - seit 1933 kann es für die "Reichs"deutschen nichts gutes aus Russland kommen, sogar wenn es Deutstämmige sind.
Sogar so eine kleine "Heldentat" gönt man den Russlanddeutschen nicht.
Als politisches Spielball mißbraucht und weggeworfen.
el3ktro (30.03.2009, 00:15 Uhr)
Deutsch-Kasache
Welche Relevanz hat es eigentlich, dass Herr Wolf aus Kasachstan stammt? Warum wird das erwähnt? Inwiefern ist das für den Leser relevant? Im Interview selbst erwähnt er es ja selbst kurz, aber warum muss das in dem Aufmacher ebenfalls extra erwähnt werden?
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