Das stern-Interview mit Igor Wolf hat für Furore gesorgt. Erstmals sprach die Geisel des Amokläufers von Winnenden über seine Horrorfahrt mit Tim Kretschmer und sein spektakuläres Entkommen. Lesen Sie hier das vollständige Interview mit dem Deutsch-Kasachen.

"So hat er mir die Waffe an den Kopf gehalten": der 41-jährige Igor Wolf beim stern-Interview© Harald Schmitt
Es ist endlich still. Von einer Bank am Ufer des Tegernsees schaut Igor Wolf, 41, auf das Wasser, in dem sich die Sonne, das Gebirge, der Schnee, die ganze oberbayerische Postkartenidylle spiegelt. Er hat sich die letzten Tage zusammengerissen, Emotionen vermieden, Stärke gezeigt, aber jetzt fällt die Anspannung von ihm ab. Tränen schießen ihm in die Augen. Er nimmt seine Töchter Milana, 17, und Michelle, 10, in den Arm. Seine Frau Oksana, 38, steht daneben und schweigt. Der schwarze Mittwoch, der Tag des Massakers von Winnenden, sei sein zweiter Geburtstag gewesen, sagt Wolf später, als bei bayerischem Essen und Bier sein Appetit langsam zurückkommt. In Kasachstan, wo er geboren wurde, da erzähle man in schlimmen Situationen immer ein russisches Sprichwort: "Wenn ich gewusst hätte, wie hart ich falle, dann hätte ich mir vorher eine Matratze hingelegt."
Für das, was Igor Wolf am 11. März 2009 ab 9.47 Uhr widerfahren ist, gibt es keine Vorbereitung, keine Matratze, die einen auffängt. Igor Wolf war die Geisel von Tim Kretschmer. Der gelernte Kfz-Mechaniker, der seinen Vater früh verlor, in der Sowjet-Armee diente, 1991 nach Deutschland zurücksiedelte und sich später bei Schwäbisch-Gmünd ein Haus baute, wollte nur seine Frau aus der Klinik abholen, die neben der Albertville-Realschule liegt.
Meine Frau und ich hatten ausgemacht, dass sie zwischen halb zehn und zehn rauskommen würde. Ich war um kurz nach halb zehn da. Oksana war noch nicht draußen, also suchte ich einen Parkplatz.
Doch, doch, aber ich hatte Spätschicht bei TRW, einem Automobilzulieferer, wo ich als Gabelstaplerfahrer arbeite, musste erst um halb zwei in der Firma sein. Wir wollten mit unserer Kleinen noch essen, und danach wollte ich zur Arbeit fahren.
Ja, aber es war keiner frei vor der Klinik. Also habe ich mich zwischen Straße und Bürgersteig gestellt, sodass ich weder Fußgänger noch Autofahrer behinderte. Ich habe den Motor ausgemacht und meine Frau mit dem Handy angerufen, um ihr zu sagen, wo ich stehe. Sie legte auf, und gerade als ich das Handy in meine linke Jackentasche steckte, riss plötzlich jemand die rechte Hintertür auf. Er sprang ins Auto, mit einer Pistole in der Hand.
Ja, ich habe mich seitlich umgedreht, gesehen, dass er mit der Pistole direkt auf mich zielt, und ich habe ihn gefragt: Was willst du? Was willst du von mir? Ich kenne dich nicht, wer bist du? Was willst du denn? Da hat er mir die Pistole ins Gesicht gehalten. Ja, spinnst du denn, habe ich gesagt. "Jetzt fahr endlich los!" In diesem Moment realisierte ich, der schießt, der meint das ernst. Was hast du eigentlich gemacht? "Fahr schnell", hat er gesagt, "ich habe schon 15 Menschen umgebracht in meiner alten Schule, und das war für heute noch nicht alles."
Die Zahl wusste ich ja nicht, aber er hat von 15 gesprochen, ganz sicher.
Ja, ganz langsam. Aber wohin denn, habe ich ihn gefragt. "Einfach los, geradeaus, raus aus Winnenden. Fahr!" Uns kamen viele Polizeiwagen entgegen, alle hatten ihr Blaulicht und die Sirenen an, und er hat gesagt: "Verdammt, die sind aber schnell, noch nicht mal fünf Minuten, und die sind schon da. Aber ich war auch schnell."
Nein, ich war beim Militär. Ich habe sofort erkannt, dass die Pistole echt ist. Ein riesengroßes Ding. Da hast du aber ein schönes Gerät, habe ich später zu ihm gesagt, um ihn ein wenig abzulenken, neun Millimeter? "Ja", hat er gesagt.
Nein, überhaupt nichts.
Nein. Die Pistole hat er mir in die Seite hinter der rechten Schulter gehalten, damit das draußen niemand sehen konnte. Das war mir sehr recht. Denn wir mussten kurze Zeit darauf an einer roten Ampel halten. Ich wollte nicht, dass das jemand sieht.
Weil es dann zu Reaktionen gekommen wäre und er mich erschossen hätte. Und trotzdem habe ich an der ersten Ampel, an der wir hielten, zum ersten Mal überlegt: Springst du jetzt raus und rennst weg?
Nein, war ich nicht. Und er auch nicht. In letzter Zeit sind zwei meiner Freunde bei Verkehrsunfällen ums Leben gekommen, sie waren angeschnallt. Ein dritter hat überlebt - er war nicht angeschnallt.
Ich weiß es nicht, irgendwie war das blöd zu diesem Zeitpunkt. Ich kann es nicht genau sagen. Jedenfalls sind wir weitergefahren, über Waiblingen, Fellbach und Bad Cannstatt Richtung Stuttgart. Er hat immer wieder gesagt: "Fahr zur Autobahn." Warum hat er mich genommen, war mein Gedanke, warum mich? Aber ich habe den Gedanken weggewischt, das bringt ja jetzt nichts, habe ich mir gesagt. Ich habe ihn dann gefragt: Warum machst du so einen Scheiß? Ganz laut hat er geantwortet: "Aus Spaß, weil es Spaß macht." Ich habe ihm dann gesagt: Ich muss meine Frau abholen, die wartet vor der Klinik auf mich. Und ich habe zwei Kinder, und jetzt willst du mich umbringen? - "Nein, eigentlich nicht. Noch nicht." Aber was bringt es dir, wenn du mich umbringst?, habe ich ihn gefragt. "Fahr weiter, auf die Autobahn."
Ja, so hat er das gesagt. Und wieder: "Fahr schnell, fahr."
Nein, er war planlos, wollte nur flüchten. Wenn seine Eltern behaupten, der habe keine psychischen Probleme gehabt, dann muss ich sagen: Das habe ich ganz anders erlebt, der war irre. Und ich war so aufgewühlt, dass ich mich heute auch nicht mehr so genau an unseren Weg erinnern kann. Irgendwo vor Waiblingen forderte er mich auf: "Schalt mal dein Radio ein!" - Nein, das Radio geht nicht, habe ich geantwortet. Dann fuhren wieder Streifenwagen vorbei, das lenkte ihn kurz ab. Später kam er noch einmal auf das Radio zurück: "Aber das sieht doch ganz neu aus, und dein Auto ist doch auch noch nicht so alt." - Es ist vom Flohmarkt, habe ich gesagt, sieht gut aus, aber es geht nicht.
Ja.
Ja, ich hatte so ein Gefühl: Wenn du das jetzt anmachst, und da kommen Nachrichten von toten Kindern und so, da wäre ich vielleicht durchgedreht und würde selber aggressiv reagieren. Ich weiß es nicht, aber ich glaube, ich hätte es nicht geschafft. Und ich wollte auch nicht, dass er Informationen bekommt. Das hätte ihn bestimmt noch mehr aufgeheizt.
Ja, das war mir klar, und dann kamen uns ja immer mehr Streifenwagen entgegen. Fünf, sechs. Er war aggressiv, er war in einer Scheißegal-Stimmung. Er hatte sich bewiesen, dass er töten konnte. Wir sind dann durch Fellbach durch, Richtung Stuttgart. "Fahr nach Stuttgart rein und Richtung Autobahn", hat er gesagt. In Stuttgart habe ich zum zweiten Mal gedacht, ich muss das beenden. Ich wollte gegen irgendetwas fahren, um die Aufmerksamkeit der Polizei zu erregen.
Nein, das war viel zu gefährlich. Ich wusste, dass er Menschen umgebracht hatte. Und hier würde er es wieder tun. Ich wusste, das ist kein Spaß.
Erst mal nicht, und ich war froh, dass niemand anrief. Ich wusste ja nicht: Wie würde der reagieren? Später hat er dann doch nach dem Handy gefragt. Was er damit gemacht hat, weiß ich nicht, ich habe mich auf die Straße konzentriert.
Übernommen aus ...
Ausgabe 13/2009