Sag mir, wo die Waffen sind

27. Dezember 2012, 16:17 Uhr

Eine US-Zeitung nördlich von New York hat eine Karte mit den Waffenbesitzern in der Region veröffentlicht. Die Antwort der Betroffenen fällt harsch aus. Von Niels Kruse

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Wo New Yorker ihr Knarren horten: Eine Zeitung hat Namen und Wohnorte von registrierten Waffenbesitzer via Google veröffentlicht.©

Die Form von Öffentlichkeit ist nicht neu, betraf aber bislang eine Zielgruppe, für die sich das allgemeine Mitleid in Grenzen hält: Seit einigen Jahren sammelt und veröffentlicht in den USA "Family Watchdog" via Google Maps Namen, Adressen und, wenn möglich, Fotos von Sexualstraftätern, abrufbar nach Postleitzahl. Diese für die Nachbarn als "Hinweis" gemeinte Transparenz ist umstritten, doch die öffentliche Aufregung hielt sich in Grenzen. Seit aber vor einigen Tagen die Lokalzeitung "The Journal News" die Kartenfunktion dafür nutzt, den Waffenbesitzer von nebenan zu outen, ist das anders. Und nicht nur, weil nun jeder weiß, welcher Nachbar eine Knarre unterm Kopfkissen hat.

"So etwas macht man mit Sexualstraftätern, aber doch nicht mit gesetzestreuen Waffenbesitzern", erregt sich etwa ein gewisser Curtis Maenza auf der Facebook-Seite des Blatts, das aus den Landstrichen Westchester, Rockland und Putnam nördlich von New York City berichtet. Und weiter: "Was kommt als nächstes? Werde ich demnächst eine Flagge an mein Haus hängen müssen, um zu zeigen, dass ich eine Pistole habe?"

Nur jeder 23. Bewohner ist bewaffnet

In der scharf geführten Debatte spiegelt sich der gesamte Irrsinn, der die Amerikaner befällt, wenn es um ihr verfassungsmäßiges Recht auf Waffen geht. Ein Leser des Blatts ist auf Grund der nun veröffentlichten Daten zu dem Ergebnis gekommen, dass jeder 23. Erwachsene der Region bewaffnet ist. Eine Zahl, die überraschend gering ausfällt, angesichts von schätzungsweise 200 Millionen Waffen, die sich auf 315 Millionen US-Amerikaner verteilen. Die beliebteste Schlussfolgerung vieler Diskussionsteilnehmer lautet daher sinngemäß: Die Ecke in der Nähe der Millionenmetropole werde sich zu einem Dorado für Kriminelle entwickeln, wüssten die Spitzbuben doch nun endlich, wo sie einsteigen können, ohne erschossen zu werden.

Es ist das uralte Mantra der Waffenlobby, das sich dort im Kleinen wiederfindet und das da lautet: Waffen dienen der Abschreckung, und nur noch mehr Waffen verhindern Überfälle, Raub, Blutbäder und überhaupt alles Übel dieser Welt. So hatte die einflussreiche "National Rifle Association" auch nach dem Massaker von Newtown wieder argumentiert, diesmal aber entsetztere Reaktionen geerntet als üblich. Denn erstmals seit vielen Jahren steigt der Anteil der US-Bürger, die eine Verschärfung des Waffenrechts fordern. Mittlerweile ist es rund die Hälfte. Die anderen 50 Prozent kämpfen dafür noch erbitterter gegen die Abrüstungspläne, wie sie etwa auch Präsident Barack Obama verfolgt.

Schon seit 2006 und 2009 gibt es ähnliche Listen

In den überhitzten Diskussionen darf natürlich nicht der Vergleich mit einem deutschen Diktator fehlen: "Das ist eine Einschüchterungstaktik à la Hitler: Gesetzestreue Waffenbesitzer werden öffentlich an den Pranger gestellt und zur Zielscheibe gemacht. Ihr (die Zeitungsredakteure, d. Red.) habt den Kriminellen gesagt, wohin sie gehen müssen. Ihr habt Blut an den Händen", schreibt eine Leserin. Ein Mitdiskutant denkt einen Schritt weiter und dankt der "Journal News" sarkastisch dafür, dass die Kriminellen nun ebenfalls wüssten, in welchen Haushalten sie sich illegal Waffen beschaffen könnten.

Bereits 2006 hatte die Zeitung eine ähnliche Liste veröffentlicht, und ähnlich harsch fielen damals die Reaktionen aus. Ebenso wie in Tennessee, wo die örtliche Zeitung "The Commercial Appeal" im Februar 2009 ebenfalls die Daten von registrierten Waffenbesitzern zugänglich gemacht hatte. Der Chefredakteur des Blatts, Chris Peck, sagte jetzt, es habe drei Arten von Reaktionen gegeben: Entweder seien die Menschen verärgert gewesen, weil man ihre Privatsphäre missachtet habe, weil man so Kriminelle 'unterstütze' oder man mit dieser Veröffentlichung das Recht auf Waffenbesitz untergraben würde. "Aber trotz all der Drohbriefe und –anrufe haben wir der Gemeinschaft einen guten Dienst erwiesen."

Der zuständige Redakteur hat eine .357-Magnum

Ähnlich argumentieren auch die Macher des "Journal News". Das Blatt verteidigte die Veröffentlichung damit, dass die Leser ein Recht darauf hätten zu wissen, ob ihre Nachbarn Waffen besäßen. "Wir wussten, dass die Veröffentlichung der Daten kontrovers sein würde", sagte die Herausgeberin und Vize-Präsidentin der Zeitung, CynDee Royle. Die Liste hat die "Journal News" aus öffentlich zugänglichen Datenbanken zusammengestellt, was nach US-Recht möglich ist. Allerdings hatte sich die zuständige Behörde geweigert, die Art der Waffen zu veröffentlichen. Ebenfalls unerwähnt blieben die Besitzer von Schrotflinten und Gewehren, weil diese Waffen im Staat New York nicht genehmigungspflichtig sind. Konsequenterweise taucht auf der Googlekarte auch der für die Geschichte zuständige Redakteur auf, der offenbar eine .357-Magnum besitzt.

Die erzürnten Leser des Blatts drohen nicht nur reihenweise mit Abo-Kündigungen, sondern rächen sich auf eine etwas unfeine Art - in dem sie Adressen, Kontaktdaten und teilweise sogar die Hobbys von Redaktionsmitgliedern ins Internet stellen – die Folgen für die Redakteure dürften ähnlich unabsehbar sein wie die Konsequenzen aus der Waffenkarte. Kenneth Bunting, Chef einer Lobbyorganisation für Informationsfreiheit kämpft zwar für Transparenz, ist aber dennoch unglücklich mit der Entscheidung der "Journal News": "Die ohnehin schon sehr emotional geführte Debatte über das Waffenrecht dürfte nun noch komplizierter werden", sagte er der Seite "Livingston Daily.com".

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