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9. Juli 2007, 10:14 Uhr

"Wir rutschen in ein totalitäres System"

Der Journalist Andrej Piontkowksij ist ein scharfzüngiger Kritiker Putins - nun droht ihm eine Anklage wegen angeblichen "Extremismus". Im stern.de-Interview warnt er vor einer Diktatur und kritisiert Schröders "Lakaien"-Dienste. Von Katja Gloger, Washington

Alltag in Russland: Die Polizei knüppelt eine Demonstration von Oppositionellen zusammen (St. Petersburg, 15. April 2007)© Anatoly Maltsev/DPA

Seine bissige Ironie ist gefürchtet, seine Kommentare provozieren, seine politischen Analysen sind immer auch eine Abrechnung. Seit vielen Jahren gehört der Autor und Journalist Andreij Piontkowskij zu den scharfzüngigen Beobachtern russischer Politik. Doch den vergangenen Jahren erging es ihm wie vielen Kritikern: er wurde kaltgestellt. Und jetzt droht ihm eine Anklage nach dem im vergangenen Jahr verabschiedeten Extremismus-Gesetz. Es verbietet die "Demütigung nationaler Würde" sowie die "öffentliche Verleumdung eines Amtsträgers." Beobachter fürchten, dass so jede Kritik an russischen Politikern mit jahrelanger Lagerhaft bestraft werden kann.

Andreij Piontkowskij ist Gast-Wissenschaftler am konservativen Hudson-Institut in Washington. Am Wochenende ist er nach Moskau zurückgekehrt.

Herr Piontkowskij, sind Sie ein Extremist?

Für die russische Staatsmacht offenbar schon. Vertreter der Moskauer Staatsanwaltschaft klingelten am 30. Mai an meiner Wohnungstür. Sie hatten eine Vorladung zu einem so genannten "Aufklärungs-Gespräch", das bereits am folgenden Tag stattfinden sollte. Aber ich war nicht zu Hause, konnte also nicht hingehen.

Worum sollte es in diesem Gespräch gehen?

Um den angeblich extremistischen Inhalt meiner Bücher. Nach einem solchen Gespräch wird oft Anklage erhoben.

Sie gelten seit Jahren als scharfzüngiger Kritiker der russischen Regierung und des Kreml.

Vor drei Jahren hörte das staatliche Fernsehen auf, mich zu interviewen. So gut wie keine russische Zeitung druckt noch meine Kommentare. Buchhandlungen führen meine Bücher nicht mehr, sie üben Selbstzensur. Jetzt wird aber auch die Partei Jabloko bedroht, weil sie meine Bücher ausgelegt hatte.

Sie sind Mitglied der winzigen sozial-liberalen Oppositionspartei, die noch zwei Sitze im Parlament hat.

Ja. Im Gouvernement Krasnodar etwa wurde die Partei bereits einmal offiziell verwarnt, weil sie während einer Veranstaltung meine Bücher ausgelegt hatte. So eine Verwarnung ist ein ernster juristischer Vorgang. Nach der zweiten Verwarnung wird eine Partei verboten.

Was wird Ihnen vorgeworfen?

Ich weiß es nicht. Im Gouvernement Krasnodar erstellte der Geheimdienst FSB eine angebliche linguistische Expertise meiner Bücher. Doch darin fand sich weder ein Zitat noch ein Verweis auf eine konkrete Stelle in meinem Buch. Nur der allgemeine Satz: "Die Bücher enthalten extremistische Aussagen, die nationalen und sozialen Hass schüren." Mehr nicht.

Warum soll das Gesetz gegen Extremismus so gefährlich sein?

Weil man damit gegen politisch Unliebsame vorgehen kann, darin sind sich alle Beobachter einig. Durch dieses Gesetz werden alle, die in Opposition zum herrschenden Regime stehen, potentiell zu politischen Gegnern, zu angeblichen Extremisten eben, also zu scheinbar gefährlichen Menschen. Das Gesetz ist sehr gefährlich. Es ist faktisch ein Instrument für potentielle Massen-Repressionen.

"Sie haben Macht und Milliarden": Russlands Präsident Wladimir Putin© Alexander Nenenov/AP

Russland ist aber nicht mehr die Sowjetunion. Das Land ist kein Gefängnis mehr.

Vorsicht. Unter Stalin gab es ein Gesetz über so genannte "konterrevolutionäre Agitation". Danach wurden Millionen verurteilt, sie wurden erschossen oder verschwanden in den Straflagern. Später nannte man es "Weiterverbreitung von Angaben, die die sowjetische Gesellschaftsordnung verleumden." Und jetzt heißt es "Extremismus". Ermutigend ist dabei allerdings, dass mich Viele verteidigt haben. Selbst die Kommunisten, die nun wirklich nicht zu meinen Freunden gehören. Denn alle haben verstanden: Wenn man einen wie mich zum Schweigen bringen kann, dann kann man jeden zum Schweigen bringen.

Sie sparen nicht an harter, oft bitterböser Kritik an Präsident Putin. Sie beschwören die Gefahr des Faschismus in Russland. Gehen Sie da nicht zu weit?

Es ist ein sehr emotionales Wort. Aber es geht seit sieben Jahren so, schleichend, Stück für Stück, und es erwürgt uns alle. Wir haben es mit einer vollkommen korrupten Macht zu tun. Mit einigen wenigen Machthabern, die eine ganz neue Form des Kapitalismus erfunden haben. Sie haben die Macht und die Milliarden. Ihnen gehört Russland. Und Ihr ehemaliger Kanzler Gerhard Schröder hat sich in seiner Funktion als Aufsichtsratsvorsitzender der Ostsee-Pipeline mit diesen Menschen auch noch verbündet. Wie ein Lakei. Welch eine Schande.

Putin besteht darauf, ein echter Demokrat zu sein. Und er will zum Ende seiner zweiten Amtszeit verfassungsgemäß abtreten.

Mit solchen Äußerungen setzt Putin seine westlichen Partner doch nur herab. Er fühlt sich stark, als Präsident eines Petrostaates. Und er glaubt, er könne den Westen auf seinen Platz verweisen. Er sieht ja: alle wollen das Öl und das Gas, ob Politiker oder Geschäftsleute. Was wirklich im Land passiert, interessiert im Westen kaum noch jemanden.

Doch es finden Parlamentswahlen statt, und nächstes Jahr soll ein neuer Präsident gewählt werden.

Das würde doch einen funktionierenden Staat voraussetzen. Aber den gibt es bei uns nicht. Unser Staat ist schwach. Jeder im Land weiß: die kommenden Wahlen haben mit Demokratie nichts zu tun. Putin ernennt seinen Nachfolger. Und dann, nach zwei Monaten oder zwei Jahren, kann er für weitere Amtszeiten zurückkehren. Natürlich vollkommen verfassungsgemäß. So gehen wir immer weiter zurück. Jeden Tag ein Stück mehr, weg von dem bisschen Demokratie, das es bei uns gab. Wir rutschen in ein totalitäres System zurück, langsam, aber sicher.

Wann reisen Sie wieder nach Russland?

Nächste Woche. Ich werde an einer Konferenz in Moskau teilnehmen. Ich lebe in Russland, ich arbeite dort, es ist meine Heimat.

Und falls Sie von der Staatsanwaltschaft erneut vorgeladen werden?

Sie haben bereits angerufen. Wenn es so sein sollte, dann werde ich natürlich hingehen. Sie sollen wissen, ich habe keine Angst vor ihnen. Ich habe ja nichts zu verbergen. Und eigentlich habe ich dabei ja noch Glück: Ich wurde bislang wenigstens noch nicht in einem Hauseingang ermordet, so wie unsere Kollegin Anna Politkowskaja im vergangenen Jahr. Ihre Mörder hat man angeblich immer noch nicht gefunden. Dabei sind sie längst bekannt. Soviel zur Demokratie in unserem Land.

Von Katja Gloger, Washington
 
 
KOMMENTARE (10 von 19)
 
Prometheus90 (09.07.2007, 14:25 Uhr)
Öl
Das passiert, wenn man wie in Venezuela und/oder Russland sein Öl nicht an den Westen verscherbelt. Wer hat den Boris Jelzin in dieser Form hier im Westen kritisiert? Warum auch, er hat ja zugelassen das Russland ausgeplündert wird.
Prometheus90 (09.07.2007, 14:21 Uhr)
Russland Teil 7
Import «fauler Früchte» verhindern
Die Aktion der russischen Staatsorgane gegen Chodorkowski war seinerzeit ein Schlag, der gesessen hat. Kasparows grosse Aktion dagegen war fürs erste ein Schlag ins Wasser, und die von ihm für 2006 prophezeite Systemkrise ist ausgeblieben. Wladimir Putin betreibt eine Politik, die im nationalen Interesse seines Landes liegt, die meisten Russen wissen dies und stehen deshalb hinter ihrem Präsidenten.
Seitdem Putin Präsident ist, geht es in Russland wirtschaftlich bergauf, die Arbeitslosenquote ist niedriger als in Deutschland, Löhne und Gehälter steigen (und werden im Unterschied zur Jelzin-Ära ausgezahlt), die Öl- und Gasfelder sind wieder in russischem Besitz, in anderen strategisch wichtigen Bereichen der Volkswirtschaft hat der Staat seine Position gestärkt, landwirtschaftlicher Boden ist in russischem Besitz und darf nur verpachtet werden (aber nicht von Firmen aufgekauft werden), Russland besitzt moderne Waffen, es ist die Verschuldung gegenüber dem Ausland losgeworden und besitzt beträchtliche Währungsreserven. In der Aussenpolitik folgt der Kreml eigenen Interessen, statt nach der Pfeife Washingtons zu tanzen. Russland braucht keine «Demokratisierung» durch US- und EU-NGOs. Eine «Demokratie», wie sie von National Endowment for Democracy, Freedom House, George Soros, diversen Think tanks oder von Stiftungen der deutschen Parteien angestrebt wird, wäre die Freiheit für kriminelle Oligarchen und für westliche Banken und Konzerne, Russland und seine Bevölkerung auszuplündern. Eine solche «Demokratie» haben die Russen unter Jelzin bereits kennengelernt. Wenn es Washington nicht gelingen sollte, durch Ausüben von Druck Russland zur Änderung seiner Politik zu bewegen, dürften Kasparow, Kasjanow und ihre westlichen Gönner weitere Versuche zur Destabilisierung Russlands unternehmen (des Beifalls der grünen Gutmenschen in der Bundesrepublik können sie sich dabei sicher sein). Die Orangen in der Ukraine haben sich bereits als faule Früchte erwiesen, und bei einer klugen Politik der politischen Führung werden die für die staatliche Sicherheit zuständigen Organe Russlands den Import solcher faulen Früchte verhindern können. Den gesamten Artikel findet man unter http://www.zeit-fragen.ch/ausgaben/2007/nr18-vom-752007/washingtons-fuenfte-kolonne-in-russland/
Prometheus90 (09.07.2007, 14:18 Uhr)
Russland Teil 6
«Marsch der politischen Valutaprostituierten»
Aus der Konferenz «Drugaja Rossija» wurde ein übergreifendes Bündnis von Kasparow bis Limonow und Anpilow, jedoch ohne die Union der Rechten Kräfte oder Jawlinskis Jabloko. Zum 16. Dezember organisierte das Bündnis Kasparow–Kasjanow–Limonow–Anpilow (dazu kam noch Wladimir Ryshkow von der kleinen Republikanischen Partei Russlands) nun den «Marsch der Unzufriedenen» mit noch nicht einmal 2000 Teilnehmern, der von 8000 Angehörigen der Sicherheitskräfte abgeschirmt wurde (Angehörige der Bewegung «Russische Jugend» machten eine Gegendemonstration, entfalteten ein Transparent «Wir grüssen den Marsch der politischen Valutaprostituierten» und unternahmen andere Störversuche). Nationalbolschewisten, die nach dem Ende der Kundgebung auf dem ehemaligen Majakowskiplatz unter Verletzung der polizeilichen Auflagen einen Marsch durch die Innenstadt unternehmen wollten, wurden festgenommen. Die Kundgebung, die für die Zeit von 12.00 Uhr bis 14.00 Uhr angemeldet war, dauerte von 12.30 Uhr bis 13.20 Uhr.
Westliche Medien erhoben über das grosse Polizeiaufgebot und die Festnahmen am 16. Dezember ein grosses Geschrei. Wir sollten uns daran erinnern, dass Limonows Nationalbolschewistische Partei in deutschen Medien früher oft als neonazistisch oder rechtsextremistisch bezeichnet wurde, dass Limonows Anhänger oft durch militante Aktionen, bei denen sie sowohl die Methoden westlicher Neonazis als auch der autonomen Szene übernahmen, auf sich aufmerksam machten und dass Limonow wie Anpilow für den gewaltsamen Sturz der Staatsmacht agitieren. Würden in der Bundesrepublik der autonome Block, Neonazis und Stalinisten gemeinsam marschieren, wie würden dann wohl die staatlichen Organe reagieren? Die Frage stellen heisst, sie zu beantworten.
Prometheus90 (09.07.2007, 14:17 Uhr)
Russland Teil 5
Drahtzieher der «Revolutionen» in Belgrad, Tiflis und Kiew aktiv
Kurz vor dem G-8-Gipfel organisierten Kasparow und Kasjanow in Moskau unter dem Namen «Drugaja Rossija» (Anderes Russland) eine Anti-Putin-Konferenz, an der auch westliche Diplomaten und Vertreter einschlägig bekannter westlicher Organisationen (Council on Foreign Relations, National Endowment for Democracy, Project on Transitional Democracies, Heinrich-Böll-Stiftung, Carnegie-Stiftung usw.) teilnahmen. Bruce Jackson vom Project on Transitional Democracies (eine der wichtigsten Figuren im Netzwerk der Neocons und Militaristen und wie Kasparow im National Security Advisory Council beim CSP vertreten) organisierte eine Solidaritätsadresse westlicher Persönlichkeiten für die Konferenz.7 Gesponsert wurde die Konferenz von National Endowment for Democracy (NED, eine aus dem Washingtoner Staatshaushalt finanzierte «private» Organisation, die von der US-Regierung so unabhängig ist wie die Komintern von der Sowjetunion) und der Stiftung des Währungsspekulanten George Soros. Beide Einrichtungen gehörten zu den Drahtziehern der «Revolutionen» in Belgrad, Tiflis und Kiew. Auf der Konferenz erschienen weder die Führer von Jabloko und der Union der Rechten Kräfte noch die von Sjuganows Kommunistischer Partei der Russischen Föderation. Dafür kamen der Führer der Nationalbolschewistischen Partei Russlands (NBP) Eduard Limonow (dessen Parteifahne an die der NSDAP erinnert, nur dass im weissen Kreis innerhalb der roten Fahne statt des Hakenkreuzes Hammer und Sichel zu sehen sind) und Antisemiten wie Viktor Anpilow von der stalinistischen Bewegung «Trudowaja Rossija» oder Sergej Glasjew (ehemaliger Vorsitzender der Partei «Rodina»). Diese buntscheckige Zusammensetzung spricht dafür, wie verzweifelt die Lage Kasparows, Kasjanows und ihrer westlichen Gönner ist. Männer wie Bruce Jackson, Richard Holbrooke vom Council on Foreign Relations, Carl Gershman von National Endowment for Democracy oder Reinhard Bütikofer von den Grünen, die an der Konferenz teilgenommen haben, würden unter günstigeren Umständen mit Sicherheit nicht an einer gemeinsamen Konferenz mit Limonow oder Anpilow teilnehmen. Limonows Nationalbolschewisten (die durch Provokationen die nötige Öffentlichkeit für sich schaffen) stellten auf der Konferenz den Saalschutz und stimmten dort ihren beliebtesten Sprechchor «Stalin – Berija – Gulag» an.
Prometheus90 (09.07.2007, 14:16 Uhr)
Russland Teil 4
Kasparow – US-Bürger und Mitglied neokonservativer Think tanks
Kasparow, der sowohl die russische als auch die US-Staatsangehörigkeit besitzt, hat am 16. Dezember 2006 den Ausschluss Russlands aus dem G-8-Gipfel gefordert. Ähnliche Forderungen hatten bereits früher der neokonservative «Fürst der Finsternis» Richard Perle und die Lieblingssenatoren der Neocons, Jon McCain und Joseph Lieberman, erhoben. Am 2. Dezember 2006 veröffentlichte Kasparow im «Wall Street Journal» einen Ar­tikel: «Chessboard Endgame: Obsessed with Iraq, we‘ve lost sight of the rest of the world» (mit «wir» meint Kasparow die USA)5. Dort forderte Kasparow eine härtere Linie Washingtons gegen Russland und meinte zum Irak-Krieg: «However, if you attack Iraq, the potential to go after Iran and Syria must also be on the table.» Dies ist die gleiche Kriegspropaganda, wie man sie auch von Richard Perle, Michael Ledeen, William Kristol oder Frank Gaffney hören kann.
Kasparow ist nicht nur in seiner Gesinnung, sondern auch institutionell mit dem neokonservativen Klüngel verbunden. Kasparow ist Mitglied des Beirats für Fragen der Nationalen Sicherheit (National Security Advisory Council – NSAC) des von Frank Gaffney (Protegé Richard Perles) geleiteten militaristischen Think tanks Center for Security Policy (CSP). Unter den weiteren Mitgliedern des Beirats sind Politiker, neokonservative Intellektuelle, ehemalige Regierungsbeamte, pensionierte Generäle und Admirale (die meisten von ihnen dürften durch Beraterverträge mit dem militärisch-industriellen Komplex verbunden sein) und Vertreter der Rüstungsindustrie. Ehrenvorsitzende des Beirats sind der republikanische Senator Jon Kyl (der christlichen Rechten nahestehend) und James Woolsey (2002 bis 2005 Kuratoriumsvorsitzender der «Menschenrechtsorganisation» Freedom House, Vizepräsident der Beratungsfirma Booz Allen Hamilton [einer der grössten Auftragnehmer der Regierung], Propagandist für den «Vierten Weltkrieg», von 1993 bis 1995 CIA-Chef).6 Woolsey hatte als Chef von Freedom House zu den Drahtziehern der «Orangenen Revolution» gehört.
Prometheus90 (09.07.2007, 14:16 Uhr)
Russland Teil 3
Russische Steigbügelhalter von US-Interessen
Im November 2005 bewilligte der USA-Kongress für das Haushaltsjahr 2006 4 Millionen Dollar zwecks Entwicklung politischer Parteien in Russland. Wer die Meldungen über diesen Beschluss des USA-Kongresses oder den Bericht Aslunds gelesen hat, muss Verständnis dafür haben, dass die russische Staatsduma Ende 2005 ein neues Gesetz zwecks besserer Kontrolle über die Tätigkeiten von Nichtregierungsorganisationen verabschiedete.
Als seinen Wunschkandidaten für eine Führungsrolle in der Tätigkeit gegen Putin nannte Aslund den ehemaligen Premierminister Michail Kasjanow. Kasjanow, ein Mann mit besten Verbindungen zu Jelzin und zu Oligarchen wie Beresowski und Chodorkowskis Stellvertreter Leonid Nevzlin, war von Januar 2000 bis Februar 2004 Premierminister. Im Jahre 2005 gab Kasjanow bekannt, dass er bei der Präsidentenwahl im Jahre 2008 kandidieren würde. Kasjanow gründete eine eigene Partei, die Volksdemokratische Union, und verbündete sich mit der Vereinigten Bürgerfront des ehemaligen Schachweltmeisters Garri Kasparow. Die der putinfeindlichen Opposition wohlgesonnene Heinrich-Böll-Stiftung schrieb über Kasjanow: «Sein Image ist in den Augen der meisten Menschen in Russland weiterhin eng mit der Wirtschaftskrise und der Korruption der Jelzin-Präsidentschaft verbunden.»4
Garri Kasparow (Kasparow über Kasparow: «Russischer Staatsbürger und Kosmopolit») ist in der prowestlichen putinfeindlichen Opposition die einzige Persönlichkeit mit landesweiter Popularität. Die meisten liberalen Politiker haben in der Jelzin-Ära alles dafür getan, um sich bei den Russen unbeliebt zu machen, Kasparow (wie die Kasparow wohlgesonnene Zeitung «Die Welt» am 18. Dezember 2006 berichtete: «1963 in Baku am Kaspischen Meer unter dem Namen Garik Weinstein geboren») dagegen ist nur als Schachgenie bekannt. Kasparow, der für das Jahr 2006 die Unvermeidlichkeit einer Systemkrise wie in der Ukraine 2004 vorhersagte, hat mit dem «Allrussischen Bürgerkongress» und der «Vereinigten Bürgerfront» seine eigenen politischen Organisationen. Dem Bürgerkongress gehört auch die bei der Präsidentenwahl im Jahre 2004 angetretene liberale Politikerin Irina Chakamada an. Die Führer der etablierten liberalen Parteien – der Union der Rechten Kräfte (SPS) und der Jabloko-Partei (unter Führung von Grigori Jawlinski) haben indessen keine Neigung Kasparow als ihren neuen Führer anzuerkennen. Dafür hat Kasparow andere Bundesgenossen.
Prometheus90 (09.07.2007, 14:14 Uhr)
Russland Teil 2
Angriff der Neocons auf Russland
Am 28. September 2004 wurde ein offener Brief von 115 Europäern und US-Amerikanern gegen die Politik Putins veröffentlicht. Unter den Unterzeichnern waren Neocons, liberale Imperialisten und Grüne.1 Im Dezember 2004 war Washington mit der «Orangenen Revolution» in Kiew ein weiterer Fortschritt bei der Einkreisung Russlands gelungen. Am 12. August 2005 veröffentlichte der damalige Direktor für russische und ausländische Programme der Carnegie-Stiftung (Carnegie Endowment for International Peace), Anders Aslund (auch ein Unterzeichner des am 28. September 2004 veröffentlichten offenen Briefes), einen mit «Putins Dämmerung und die Antwort Amerikas» überschriebenen Bericht. Aslund gibt hier Empfehlungen an die US-Administration, in denen der Autor diese im Grunde genommen aufruft, eine weitere Revolution, diesmal in Russland, zu finanzieren. Aslund schrieb in seinem Bericht: «Die amerikanische Hilfe muss vor allem darauf gerichtet werden, eine Beobachtung der Wahlen zu gewährleisten. Erfahrungsgemäss sind dafür nichtstaatliche Organisationen am besten geeignet… Die Vereinigten Staaten können bei der Organisation unabhängiger Exit Polls am Tag der Abstimmung helfen. Besonders effektiv waren die Protestaktionen in den Ländern der Region unter Leitung von gesellschaftlichen Studentenorganisationen wie ‹Otpor› in Serbien, ‹Kmara› in Georgien, ‹Subr› in Weissrussland und ‹Pora!› in der Ukraine. Ihre Methoden sind gut bekannt. Diese Erfahrungen können und müssen auch in Russland verbreitet werden.»2 Im Brüsseler Büro der Carnegie-Stiftung (gehört auch zu den Finanziers von Nichtregierungsorganisationen) sitzt übrigens der neokonservative Ideologe Robert Kagan (Mitbegründer des neokonservativen Zentralorgans Weekly Standard und des Project for the New American Century). Kagans Frau Victoria Nuland war von 2003 bis 2005 im Büro von US-Vizepräsident Cheney stellvertretende Beraterin für nationale Sicherheit und ist seit 2005 US-Botschafterin bei der Nato. In ihrer offiziellen Biographie kann man lesen: «A career Foreign Service Officer, she was Principal Deputy National Security Advisor to Vice President Cheney from July 2003 until May 2005 where she worked on the full range of global issues, including the promotion of democracy and security in Iraq, Afghanistan, Ukraine, Lebanon and the broader Middle East.»
Prometheus90 (09.07.2007, 14:11 Uhr)
Russland Teil 1
Washingtons «fünfte Kolonne» in Russland
Schachgenie Garri Kasparow, seine Bundesgenossen und seine westlichen Gönner
Seit der Ermordung der Journalistin Anna Politkowskaja und dem geheimnisvollen Tod des abtrünnigen Geheimdienstoffiziers Litwinenko läuft in westlichen Medien die Kampagne gegen den russischen Präsidenten Wladimir Putin, die seit der Verhaftung des Oligarchen Chodorkowski im Herbst 2003 nie ganz abgeklungen war, wieder auf vollen Touren.
Missachtung aller Souveränitätsregeln
«Es hat sich eine seltsame Praxis in den internationalen Beziehungen eingeschlichen, seit Washington – unter Berufung auf ‹freedom and democracy› – eine ganze Serie von ‹foundations› und ‹think tanks› von der Leine lässt, um unter Missachtung aller Souveränitätsregeln in die Innenpolitik fremder Staaten einzugreifen.»
Peter Scholl-Latour: Russland im Zangengriff,
Putins Imperium zwischen Nato, China und Islam
Für viele Kommentatoren steht fest: Der Kreml ist schuld. Zu den wenigen Stimmen der Vernunft gehört Peter Scholl-Latour. Scholl-Latour wies darauf hin, dass Putin Tschekist, aber nicht blöd ist. Unmittelbar vor Putins Deutschlandbesuch wurde Politkowskaja ermordet, und unmittelbar vor dem Gipfeltreffen zwischen Russland und den EU-Staaten folgte Litwinenko. Diese Todesfälle nützen mit Sicherheit nicht Putin. Im Rahmen der antirussischen Kampagne bekam auch eine ziemlich klägliche Anti-Putin-Demonstration, die am 16. Dezember 2006 in Moskau stattfand (es kamen knapp 2000 Teilnehmer, und dies ist nicht gerade eindrucksvoll, wenn man bedenkt, dass der Grossraum Moskau 18 Millionen Einwohner hat) und deren prominentester Redner das Schachgenie Garri Kasparow war, grosse Publizität. Der Schreiber dieser Zeilen hat jetzt deshalb seinen Blick nach Osten gerichtet.
Dirk_37 (09.07.2007, 13:56 Uhr)
Russland war nie demokratisch
... und wird es wohl die nächsten Jahre (Jahrzehnte??) nicht werden. Wir Deutsche hatten ja mit unseren Demokratieanfängen (siehe Weimarer Republik) auch so unsere Schwierigkeiten,die Folgen damals sind bekannt. Und wir,zumindest die Westdeutschen,hatten auch über 60 Jahre Zeit uns zu dem zu entwickeln,was wir jetzt sind. Jedoch nun die moralische oder gar nationalistische Peitsche auszupacken,wie es leider hier einige der Kommantatoren wieder machen, wäre vermessen und dumm. Seit Jahren bin ich beruflich in Russland tätig,komme grade wieder aus Sibirien. Die Menschen wissen sehr wohl um die Probleme in Ihrem Land,die Korruption ist unerträglich und hilft nur dem,der auch das nötige Geld oder den Einfluss hat. Wahr ist aber auch,dass eine Vielzahl von Russen eine sogennante "starke Hand" von Putin bevorzugen,haben sie noch den zumindest gefühlten Ausverkauf des Landes durch seine Vorgänger Jelzin sowie Gorbatschow im Hinterkopf! Auch die Behauptung " Russen sind alle Verbrecher",ist schlicht grotesk und falsch. Gerade in Russland ist mir eine Herzlichkeit und Freundlichkeit begegnet,die ich in den sog. demokratischen Vorzeigestaaten ( USA,BRD...) nicht erfahren konnte. Natürlich kann man eine latente Gewaltbereitschaft nicht bestreiten,besonders in den Problemschichten der Gesellschaft. Selber habe ich auch leider damit Erfahrung machen müssen. Aber eine Verurteilung eines ganzen Volkes rechtfertigt sich daraus nicht. Schließlich sind die überwiegenden Deutschen auch keine Skinheads oder andere Idioten,sondern schlicht normale,nette Menschen! Wie eben auch die Russen. Schröder allerdings,in seiner bekannten Ignoranz der Tatsachen, tat den echten Demokraten keinen Gefallen,als er Putin auf ihre Stufe stellte. So sollten alle die,welche jetzt wieder auf "die" Russen schimpfen und hetzen,mal Urlaub in dem Land machen. Aber halt nicht die üblichen Moskau -in 5 - Tagen und ein -bisschen -die Wolga -entlang -schippern- Tour,sondern wirklich ins Land,zu den Menschen. Danach kann man sich ein Bild machen,ein meistens sehr positives. Nicht unbedingt von der Regierung,gemessen mit unseren Augen,aber von dem Volk!
nspaceX (09.07.2007, 13:45 Uhr)
Russland == Deutschland?
Wie lang dauert es wohl noch bis wir diesen Artikel auf Deutschland übetragen können? IMHO nicht mehr lang ...
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