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29. Dezember 2011, 18:18 Uhr

Naama und die Radikalen

Die kleine Naama war auf dem Schulweg, als ultraorthodoxe Juden sie eine Hure nannten und bespuckten. An dem Fall entzündet sich nun in Israel ein Streit über die religiösen Extremisten. Von Manuela Pfohl

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Zehntausende Menschen demonstrierten in Beit Shemesh für Frauenrechte und ein kleines Mädchen, das von Ultraorthodoxen bespuckt wurde© Oded Balilty/DAPD

Auch Ina Zeligman protestiert. Gegen die Ultraorthodoxen, gegen ihre zunehmende Radikalität, gegen eine extrem-religiöse Gesellschaft. 1991 ist die Jüdin aus der Ukraine nach Israel eingewandert, weil sie dem wachsenden Antisemitismus in der Heimat entgehen wollte. Und nun werden Frauen und Mädchen in ihrer Nachbarschaft bedroht, weil Männer ihnen das Recht absprechen, ihre Wege zu kreuzen. "Es ist unerträglich, mit ansehen zu müssen, wie Frauen in einem Land, wie diesem verfolgt werden", sagte sie einem Reporter der israelischen Tageszeitung "Haaretz". Und deshalb ist die 75-Jährige auf die Straße gegangen und hat mit selbstgemalten Schildern in dieser Woche gegen die Radikalen demonstriert.

Mehr als 10.000 Demonstranten waren in die westlich von Jerusalem gelegene Stadt gekommen, um ihrem Ärger über den wachsenden Einfluss extremistischer ultraorthodoxer Juden in der Gesellschaft Luft zu machen - und um ihr Mitgefühl für eine Achtjährige mit blondem Pferdeschwanz, blauen Augen und einer viel zu großen altmodischen Brille zu zeigen. Denn Naama Morgolese, Tochter jüdischer Einwanderer aus Chicago ist der Auslöser für eine der bemerkenswertesten Auseinandersetzung innerhalb der israelischen Gesellschaft.

Im ganzen Land kennt man Naama Morgolese, seit auf "Channel 2" ein Bericht über sie und ihre Mutter lief. In dem Beitrag erzählt das Mädchen mit ängstlicher Stimme, dass sie regelmäßig Bauchweh bekomme, wenn sie zur Schule müsse. Der Grund: Auf dem Weg in ihre moderne orthodoxe Mädchenschule wird sie, wie die anderen Kinder auch, seit einigen Monaten von einer Gruppe ultraorthodoxer jüdischer Extremisten bedroht, bespuckt und beschimpft. Die religiösen Hardliner fühlen sich durch den Anblick der Mädchen belästigt und fordern die Schließung der Schule Orat Barnot, weil die Mädchen, wie ihre Mütter auch, im öffentlichen Raum nichts zu suchen hätten. Eier flogen gegen die Kinder, faule Tomaten und sogar eine Stinkbombe hatten die Extremisten im Herbst in ein Klassenzimmer geworfen. Sie sei eine Hure, riefen die Männer erst kürzlich wieder, als sie mit langen Bärten, schwarzen Hüten und in langen schwarzen Mänteln auf der Straße standen und versuchten, die Zweitklässlerin mit ihrer Mutter am Weitergehen zu hindern.

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Löste in Israel eine große Debatte über jüdische Fanatiker aus: die achtjährige Naama Morgolese

Als Naama im Fernsehbeitrag zu weinen beginnt, zündet der Funke der Solidarität. Andere Medien greifen den Fall auf. Die führende Tageszeitung "Yediot Ahronot" fragt am Sonntag auf ihrer Titelseite: "Wer hat Angst vor einer achtjährigen Schülerin". Journalisten kommen in die rund 100.000 Einwohner zählende Stadt, um zu recherchieren. Am Montag wird ein Kamerateam angegriffen, fast 200 Extremisten randalieren, um ihr "Hoheitsgebiet" zu verteidigen, die Polizei muss mit Elektroschockern eingreifen und wird von den Extremisten als "Nazis" beschimpft. Es gibt einige Verhaftungen. Binnen Stunden erhalten die Eltern der Schülerinnen auf ihrer Facebookseite "Wir sind alle Orot Banot" unzählige Postings, in denen ihnen Beistand zugesichert wird. Eine Demo für den kommenden Tag wird geplant - doch niemand ahnt, dass am Ende wirklich so viele Menschen kommen werden und Oppositionsführerin Zipi Livni von der Kadima-Partei öffentlich erklärt, es ginge nicht allein um Beit Shemesh, sondern darum, dass die moderate zionistische Mehrheit des Landes entscheiden müsse, welches Bild von Israel der Welt gezeigt würde.

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