
Karla, 34, ist Chefin eines Escort-Services - aber natürlich auch in personam buchbar© Andreas H. Bitesnich
Wir sitzen in der Lobby eines Berliner Tophotels, und an den Nachbartischen sitzt die Zielgruppe: Anzugmänner, Laptops auf dem Tisch. Frau Jacobs wird sehr ernst, wenn es um ihre Mitbewerber geht. Sie predigt jetzt: "Meine Agentur grenzt sich von allen anderen ab. Für mich ist Ethik, der gefühlvolle und respektvolle Umgang in menschlichen Beziehungen das Wichtigste. Bei uns gibt es keine Hausbesuche, und ich klingel meine Damen auch nicht nachts aus dem Bett." Sie macht eine Pause, weil ihr das offenbar ein großes Anliegen ist. Sie sagt: "Es gibt nichts, wofür wir uns schämen müssen." Und das ist wohl ihre Mission: Kampf für die gesellschaftliche Akzeptanz der Edelhuren. Auch wenn sie das Wort Hure so gar nicht leiden kann. "Wissen Sie", sagt Frau Jacobs, "diese Dienstleistung wird in Zukunft mehr denn je gefragt sein, weil immer mehr Menschen vereinsamen und in unbefriedigten Beziehungen leben." Das fängt damit an, dass nicht jede Ehefrau auf Oralsex mit Spermaschlucken steht, und es geht mit eher abseitigen Neigungen weiter: mit Sadomaso- Ticks, erotischen Rollenspielen. Es gibt nun mal nicht so viele Unternehmergattinen, die sich im heimischen Schlafzimmer mit einer Uniform verkleiden und Polizeirazzia spielen und den lieben Gemahl mit Plüschhandschellen ans Bett fesseln.
Manche Typen brauchen nun mal Fesselspiele zur Erregung. Das ist selbst für Escort-Frauen zunächst gewöhnungsbedürftig. Celine, 28, die gerade ihre Ausbildung zur Pilotin macht, hatte mal so einen Kunden. "Der öffnete seinen Koffer und hatte da 50 verschiedene Schnüre drin. Ich dachte, ach du Schande, wie kommst du aus der Nummer raus, und hab ihm gesagt, okay, er darf mir die Hände auf dem Rücken zusammenbinden, aber nur so, dass ich sie jederzeit wieder freikriege." Sie sagt, es ging gar nicht um Geschlechtsverkehr, sondern um diese Grenzerfahrung des Ausgeliefertseins; der Mann war auch damit zufrieden, dass sie ihm den Penis und die Hoden hübsch abgeschnürt hat, bevor sie ihn befriedigte. Sie sagt: "Ich bin sehr experimentierfreudig, und das war echt aufregend. Am nächsten Tag hab ich mir gleich ein Buch über Bondage-Sex gekauft. Sehr interessant."
Celine macht diesen Job jetzt seit knapp zwei Jahren und hat eine Menge merkwürdiger Dinge erlebt. Den Typen, der sie und eine befreundete Escort-Kollegin in ein Fußballoutfit steckte, mit Trikot und Fanschal, das volle Programm; und dann ging’s in die VIP-Lounge im Stadion, zwei Mädels, die nicht mal wussten, was Abseits bedeutet. Und vorher ein ordentliches Bier und nachher eine fröhliche Runde zu dritt im Hotel. "Dessen Frau hat halt keine Lust auf Fußball. Die meisten Kunden buchen uns für etwas, das die Frau nie mitmacht." Sie sagt: "Bei mir ist jedes dritte Date ein Besuch im Swingerclub. Es gibt so viele Männer, die neugierig darauf sind. Aber mit wem sollten sie denn da hingehen?"
In der Tat ist das die Hauptmotivation der Männer: der Wunsch nach Abwechslung, die Erfüllung sexueller Sehnsüchte, die sie sich in der Partnerschaft nicht auszusprechen trauen. Es ist Kompensation für private Enttäuschung, für die Sprachlosigkeit im Ehebett.
Niemand weiß wirklich, welche Summen in der Bundesrepublik mit Prostitution umgesetzt werden. Jüngste Schätzungen reichen von 7 bis zu 14 Milliarden Euro pro Jahr; die Escort-Branche spielt dabei eine marginale Rolle. Große Agenturen mit hundert Frauen kommen auf einen sechsstelligen Monatsumsatz, sie behalten 30 Prozent von der Liebesgebühr als Provision ein. Davon zahlen sie die Fotoshootings, das Marketing. "Am Ende", sagt der Geschäftsführer einer Agentur, "bleiben für mich etwa 150.000 Euro netto."
Die seriösen Agenturen veranstalten regelmäßige Fotoshootings, damit die Bilder ihrer Begleitdamen auf dem neuesten Stand sind. Vor allem sollten sie ehrlich sein, was Alter und Beruf der Frauen angeht. Das wäre sonst wie bei der Autovermietung: Ein Kunde, der einen Mercedes bestellt, aber nur einen Opel Corsa bekommt, der ist ja auch unzufrieden. Die Selbstdarstellungen allerdings sind oft idealisiert. Franziska erzählt das. Und nicht nur das.
In Franziskas Profil steht: "Am französischen Hofe Ludwigs XV. wäre sie eine perfekte ‚Maîtresse en titre‘ gewesen, die mit ihrer Ausstrahlung, ihrer Leidenschaft, ihrer Klugheit und Diplomatie Könige wie Staatsmänner begeistert hätte." Das klingt ja schon mal vielversprechend. Wir treffen uns in einem dieser Restaurants, wo der Küchenchef nicht bloß mit der Bratpfanne hantiert, sondern eher experimentale Naturwissenschaft betreibt. Franziska, die einen Doktortitel im Namen führt, ist so eine Perlenkettenfrau, und wenn man an ihre Beschreibung denkt ("Meine Lieblingsrolle: Typ Edelhure"), muss man sagen: sehr passend.
Es ist ein etwas schleppender Small Talk am Anfang, ein Gläschen Prosecco, zwei, drei Gläser Weißwein, die Zeit vergeht. Und dann entgleiten ihr plötzlich die Gesichtszüge. Vielleicht hat das der Alkohol gemacht, jedenfalls werden ihre Augen trüb. Fast grau. Sie geht zur Toilette und bleibt eine ganze Weile dort, sich frisch machen. Als sie zurückkommt, erzählt sie von ihrem fünfjährigen Sohn und dessen Vater, mit dem sie eine Wochenendbeziehung führt. Sie spricht von der teuren Privatschule und davon, dass die Geschäfte in ihrem eigentlichen Job überhaupt nicht laufen im Moment. Und dann sagt sie, ihr Lebensgefährte habe sie auf die Idee mit dem Escort-Service gebracht.