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21. Januar 2011, 16:56 Uhr

"Kritik aus dem Altertum"

Deutschland hat seinen zweiten Fall Sarrazin. Nach Autor Thilo geriet auch seine Frau Ursula in die Schlagzeilen. Der Grundschullehrerin zog wegen ihres angeblich autoritären Erziehungsstils die Wut der Eltern auf sich. Aber stimmen ihre Thesen vielleicht doch? stern.de hat Experten befragt.

Sarrazin, Ursula Sarrazin, Reinhold-Otto-Grundschule, Berlin, Lehrerin

Thilo und Ursula Sarrazin stärken sich gegenseitig den Rücken - und müssen sich den Vorwurf der Ignoranz gefallen lassen© Sean Gallup/Getty Images

Ihr Mann hat mit seinem Buch "Deutschland schafft sich ab" provoziert, nun eckt Lehrerin Ursula Sarrazin mit ihren Methoden an. Die 59-jährige Pädagogin unterrichtet an der Reinhold-Otto-Grundschule im Berliner Westend. Derzeit wogt eine Welle von gegenseitigen Anschuldigungen durch die Medien: Eltern behaupten, die Lehrerin sei autoritär und beschimpfe ihre Schüler; sie wehrt sich empört gegen diese "Mobbing-Kampagne". Dieser "zweite Fall Sarrazin" stößt gleich zwei Debatten an: Lernen Kinder noch genug in der Schule? Und wie viel Kritik müssen sich Lehrer von Eltern gefallen lassen?

stern.de sprach mit dem deutschen Erziehungswissenschaftler Professor Jürgen Oelkers von der Universität Zürich - und holte die Meinungen weiterer Experten ein.

Herr Oelkers, Frau Sarrazin sagt, dass die Schulbücher früher anspruchsvoller waren. Haben die Jungen und Mädchen früher mehr gelernt?

Frau Sarrazin schließt von ihrer Schulbuchsammlung auf die Leistung der Kinder. Das ist nicht seriös! Ich kenne keine wissenschaftliche Studie, die eine derartige Behauptung stützt. Im Gegenteil: Die Daten aus Vera, den Vergleichsarbeiten, die in allen 16 Bundesländern am Ende der Klasse 3 in Deutsch und Mathematik geschrieben werden, zeigen eindeutig: Die Leistungen in der Grundschule sind in den letzten Jahren gestiegen. Auch wenn man die Lehrpläne und nicht die Schulbücher miteinander vergleicht, zeigt sich: Die Anforderungen sind gestiegen. Frau Sarrazin geht offensichtlich davon aus, dass früher alle Schüler am Ende der Grundschule perfekt lesen und schreiben konnten. Das war nie der Fall.

Wie erklären Sie, dass so viele Eltern Frau Sarrazin zustimmen?

Sie verklären ihre Schulzeit im Rückblick. Aber die Schule - vor allem die Grundschule - hat sich in den letzten Jahrzehnten sehr verändert: Sie ist kindgerechter geworden. Heute üben die Mädchen und Jungen soziales Lernen und demokratisches Handeln. Sie können und müssen viel selbstständiger lernen. In den Klassenzimmern geht es lebhafter zu als früher. Lehrerin Sarrazin denkt offensichtlich bei Leistung eher an Disziplin.

Hat sich auch die Rolle des Lehrers verändert?

Er oder sie steht nicht mehr als Alleinunterhalter vorn an der Tafel und hält Monologe, sondern begleitet die Kinder beim Lernen. Mit diesem Rollenwechsel haben viele ältere Kollegen Schwierigkeiten, weil sie im Studium noch ein anderes Selbstbild von sich als Lehrer gelernt haben.

Oder haben Eltern heute einfach völlig überzogene Ansprüche was Lehrer in der Klasse leisten sollen?

Eltern sind heute sicher kritischer als früher. Viele sagen deutlich, wenn ihnen etwas nicht am Lehrer oder seinem Stil passt. Dadurch werden sie unbequem für Pädagogen. Aber das hat auch Vorteile. Denn die Mütter und Väter sind heute viel näher dran an der Schule. Kluge Schulleiter nutzen das, sie binden die Eltern von Anfang an in ihre Arbeit mit ein, informieren sie beispielsweise regelmäßig durch Elternbriefe. Wir beobachten beim Deutschen Schulpreis, dass alle preiswürdigen Schulen intensiv an dem Lehrer-Eltern-Verhältnis arbeiten. Problematisch beim Fall Sarrazin finde ich, dass sie als pädagogische Expertin für ihn gilt.

Ihre Meinung interessiert uns: Wie ist das Verhältnis zwischen Eltern und Lehrern?

Eltern: Was haben Sie für Erfahrungen mit Lehrern an der Schule ihrer Kinder gemacht? Finden regelmäßige Gespräche statt? Sind die Lehrer offen für Kritik? Hat Ihnen Ihr Sohn oder Ihre Tochter schon mal erzählt, dass ein Pädagoge Schüler im Unterricht beleidigt oder anschreit? Wie haben Sie darauf reagiert?
Lehrer: Wie erleben Sie die Mütter und Väter Ihrer Schüler? Sind die Eltern zu ehrlichen Gesprächen über die Leistungen ihrer Kinder bereit? Respektieren Sie Ihre Einschätzung als Pädagoge? Oder schachern die Eltern bloß um jeden Punkt im Vokabeltest und scheren sich ansonsten überhaupt nicht um die Bildung ihres Nachwuchses? Wurde Ihnen schon Mal gedroht, zum Beispiel mit einem Anwalt?

Schreiben Sie uns an aktion@stern.de.

Expertenmeinung Professor Eckhard Klieme leitet die deutsche Pisa-Studie und forscht am Deutschen Institut für Internationale Pädagogische Forschung in Frankfurt: "Die Kritik, dass die Schüler früher mehr gelernt haben, gab es schon im griechischen Altertum. Wissenschaftlich untersucht ist die Entwicklung des letzten Jahrzehnts durch die Pisa-Studien. Und da sehen wir: In den Schulen des Sekundarbereichs wird heute engagierter und disziplinierter gelernt als noch vor zehn Jahren."

Expertenmeinung Professor Manfred Prenzel ist Dekan an der School of Education der TU München: "Ich hatte eigentlich gehofft, dass die Diskussion um 'schlechtes Schülermaterial' in Deutschland überholt sei. Wir sollten einen anderen Blick auf Schüler haben, vor allem auf ihre Stärken schauen. In Deutschland hat sich in den letzten zehn Jahren sehr viel verbessert, nicht nur bei den Leistungen, wie die neue Pisa-Studie belegt, sondern auch die Lernbereitschaft der Schüler ist gestiegen. Das zeigt die Shell-Studie."

Interview: Catrin Boldebuck
 
 
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