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23. Mai 2006, 14:47 Uhr

"Bush und Blair sind Heuchler"

Günther Grass, Literaturnobelpreisträger, Maler und politisch bewegter Bürger, hat den 72. Internationalen Kongress für Schriftsteller in Berlin eröffnet - und in seiner Rede die amerikanischen Außenpolitik vernichtend kritisiert.

Bundespräsident Horst Köhler und Literaturnobelpreisträger Günter Grass auf dem P.E.N.-Kongress© Jan Bauer/AP

Literaturnobelpreisträger Günter Grass hat die amerikanische Regierung in einer flammenden Rede kritisiert und ihr vorgeworfen, den Terrorismus zu fördern. "Der von ihr gewollte und die Gesetze der zivilisierten Welt missachtende Krieg fördert den Terror und kann nicht enden", sagte der 78-Jährige am Dienstag zur Eröffnung des 72. Internationalen P.E.N.-Kongresses in Berlin. Die "Verbrechen der USA" seien "systematisch, konstant, infam und unbarmherzig". Die rund 450 Delegierten belohnten Grass' Rede mit Bravo-Rufen und Standing Ovations.

Bis Sonntag treffen sie sich zu Tagungen und Literaturveranstaltungen unter dem Motto "Schreiben in friedloser Welt". Zuvor hatte Bundespräsident Horst Köhler in einer Ansprache unterdrückten Autoren auf der ganzen Welt seine Unterstützung versichert. Grass sagte, nicht nur der seit drei Jahren andauernde Irak-Krieg sei Unrecht. "Abwechselnd und zugleich werden Diktaturen - und an Auswahl fehlt es nicht - Schurkenstaaten genannt, was in der Regel das fundamentalistische Machtgefüge in den großmäulig mit Militärschlägen bedrohten Ländern festigt", erklärte der Schriftsteller. Gleich, ob Iran, Nordkorea oder Syrien zu Mächten des Bösen ernannt würden, "dümmer und gefährlicher kann Politik nicht sein".

"Alle Welt hört weg"

Sogar die Wiederholung eines Kriegsverbrechens, der Einsatz von Nuklearwaffen werde angedroht. "Doch alle Welt hört weg und gibt sich ohnmächtig." Scharfe Kritik übte Grass auch an der britischen Regierung. Sie habe "die Komplizenschaft mit der wie zwangsläufig kriminell handelnden Großmacht USA" nicht aufgekündigt, selbst angesichts aufgedeckter Lügen und "der Schande offenkundiger Folterpraxis". Englands Regierung stelle sich taub. "Ob Bush oder Blair, die Heuchelei ist ihnen ins Gesicht geschrieben."

Grass warf den USA vor, "weltweit eine ziemlich kühl operierende Machtmanipulation" betrieben zu haben, und sich dabei als Streiter für das universelle Gute zu gebärden. Dies sei ein "glänzender, sogar geistreicher, äußerst erfolgreicher Hypnoseakt", sagte Grass. Die USA hätten nach Ende des Zweiten Weltkriegs Militärdiktaturen in Indonesien, Griechenland, Brasilien und Chile unterstützt. In diesen Ländern habe es hunderttausende von Toten gegeben, die alle der amerikanischen Außenpolitik zuzuschreiben seien. Allerdings scheine das niemand zu interessieren.

"Schreckliche Zahl"

Geradezu buchhalterisch sei der Westen bemüht, die Opfer von Terroranschlägen aufzulisten - "und deren Zahl ist schrecklich genug" - aber niemand zähle die Leichen nach amerikanischen Bomben- und Raketenangriffen. "Gewiss ist von den bisher sorgfältig gezählten 2400 gefallenen amerikanischen Soldaten des gegenwärtigen Irak-Krieges jeder Soldat als ein Toter zu viel zu beklagen, doch kann diese Verlustliste nicht einem rechtswidrig begonnenen und verbrecherisch geführten Krieg im Nachhinein begründen und gewiss nicht die übergroße Zahl der getöteten und verstümmelten Frauen und Kinder aufwiegen, die aus westlicher Sicht mit der barbarischen Umschreibung 'Kollateralschäden' bagatellisiert wird", sagte Grass.

Aufgabe der Schriftsteller sei es, den einzelnen Toten aus der Masse der namenlos Verscharrten zu lösen, erklärte Grass. So werde er kenntlich als Opfer eines Vorgangs, "der Krieg heißt und viele Ursachen hat."

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