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1. Juli 2010, 14:36 Uhr

Soll das Volk entscheiden?

Pro und Contra zur Bundespräsidentenwahl

Die Wahl Christian Wulffs war ein Polit-Krimi, in dem - völlig verfassungskonform - die politische Kaste unter Ausschluss der Bürger entschieden hat. Muss das Wahlverfahren geändert werden?

Eine Direktwahl muss her

Natürlich war die Wulff-Wahl formal völlig in Ordnung, grundgesetzkonform, von den Verfassungspapis so gewollt. Und natürlich hat die Republik, memento Weimar!, jahrzehntelang davon profitiert, dass der Bundespräsident schwächer war als der Kanzler, dass sich hier keine Nebenregierung etablieren konnte, dass dem Staatsoberhaupt die direkte Legitimation durch das Volk fehlte. Alles schön, alles gut.

Nur - the times, they are a changin' - auch eine Verfassung ist nicht auf ewig in Stein gemeißelt. Sie ist zwar aus gutem Grund träger als die erhitzte Tagespolitik, aber dennoch muss sie gesellschaftlichen und politischen Bedürfnissen angepasst werden können. Und eine solche Entwicklung besteht darin, dass das Parteiensystem in Deutschland so festgefahren, in sich geschlossen, selbstbezogen, ist, dass sich hier, im reinsten Luhmannschen Sinne, ein System von allen anderen gesellschaftlichen Systemen entkoppelt, losgelöst hat, nicht einmal mehr dieselbe Sprache findet. Im Kern verdeckt die Wirklichkeit des Parteienstaats längst die Idee der Volksvertretung - und raubt dieser so ein Stück weit die Legitimität. Die Wahl Christian Wulffs zum Staatsoberhaupt ist nur ein letzter Beleg für die selbstbezogene Machtausübung der Parteien: Ungeachtet der Wünsche und Bedürfnisse der Wähler dekretierte CDU-Chefin Angela Merkel ihn zum Präsidenten, das kann auch das Schauspiel der Drei-Gänge-Wahl nicht überdecken. Diese echte Machtlosigkeit ist es, die bei Wählern Frust schürt, Politikverdrossenheit.

Eine Direktwahl des Bundespräsidenten, eine Grundgesetzänderung, wäre dabei ein gutes Mittel, wenn auch nicht das einzige, diesem Frust etwas entgegenzusetzen. Die Bürger könnten mitbestimmen, wer sie an der Staatsspitze repräsentiert, durchaus im Sinne eines Mahners und Wächters. Den Präsident direkt zu wählen, hieße nicht, ein machtvolles Präsidentenamt wie in Frankreich oder in den USA zu schaffen, seine Funktionen blieben in erster Linie symbolischer Natur. Sicher, der Präsident wäre de facto insofern machtvoller, als dass er vom Volk direkt legitimiert wäre, dass er sich auf das Volk direkt berufen könnte. Natürlich gäbe es auch ein gewisses Risiko, dass der Präsident versuchen könnte, sich zu sehr ins Tagesgeschäft einzumischen, dass er eine Parlamentsauflösung als politisches Druckmittel missbrauchen könnte. Aber zum einen können hier auch Bremsen eingebaut werden und zum zweiten kann man, das ist ja das Schöne, dieser Republik und ihrer Gesellschaft mittlerweile soweit trauen, dass einem entsprechenden Amtsmissbrauch Einhalt geboten werden würde. Dieses Land und seine Gesellschaft sind mittlerweile so reif, dass sie durchaus mehr Demokratie wagen können. Deshalb: Lasst uns den Präsidenten künftig direkt wählen. Traut Euch!

KOMMENTARE (10 von 33)
 
ganzbaf (03.07.2010, 09:30 Uhr)
Wir brauchen eine Volksabstimmung darüber...

ob zukünftig bei allen wesentlichen Enscheidungen das Volk zu entscheiden hat!

`Vive la Swiss... ;-)
keinheiliger (01.07.2010, 19:45 Uhr)
Ich glaube nicht,
dass die Wahl des BP durch das Volk mehr Demokratie bedeuten würde. Der politische Einfluss eines BP sollte sich aufs Mahnen und Erinnern beschränken.
Ich finde klare Kriterien für ein solches Amt, z.B. keine Parteizugehörigkeit mehr und keine politprofessionelle Tätigkeit vorher, würden diese Position deutlich glaubwürdiger erscheinen lassen.
Gestern hat sich Frau Dr. Merkel lediglich einen Abnicker auf diesen Posten geholt, der auch gleichzeitig als Konkurrent verschwunden ist. Und das ganze Pressegejohle, von wegen Schwächung ihrer Position oder die Infragestellung der Koalition etc., sitzt die Dame auf einer Pobacke aus.
Wenn in diesem Land wirklich mehr Demokratie herrschen sollte, dann müssen wir weg von diesem Politprofidasein, weg von diesen Dauersitzern in den Parlamenten, die zunächst alles dafür tun, den Platz an der Sonne zu halten.
Wenn der Job des Politikers ein temporär sein würde, z. B. 2 Legislaturperioden, maximal 3, danach raus aus dem Elfenbeinturm und sich dem zugigen Wind der Marktwirtschaft aussetzen, damit man die Wirklichkeit nicht vergisst. Aufsichtsratsmitgliedschaften während der Parlamentszugehörigkeit müssen auch nicht sein, verdickt die Brieftasche, schmälert die Glaubwürdigkeit.
Superpensionen nach Abschluss der Parlamentstätigkeit, die fast einem Lottogewinn gleichen, sind unverschämt.
Man darf aber gerne ein ordentliches Managergehalt während des Dienstes am Volke kassieren, keine Frage.
Wenn dann noch die Menschen in diesem Land bei grundsätzlichen Entscheidungen, die alle BürgerInnen betreffen, per Referendum gefragt würden, und ich meine damit nicht ob die Tabak- oder eine andere Steuer erhöht werden soll oder nicht,?. ja dann sehe ich uns auf dem richtigen Weg zu mehr Demokratie. MfG
butcher99 (01.07.2010, 18:30 Uhr)
Grundsatzdiskussion
bevor das Volk entscheidet, welcher Kandidat zum Bundespräsidenten gewählt wird, muss doch wohl erst geklärt werden, ob dieses Amt überhaupt noch zeitgemäss ist.
satyrffm (01.07.2010, 17:42 Uhr)
Natürlich sollen die Bürger entscheiden!
Wer die Bürger repräsentieren soll muss von den Leuten entschieden werden, nicht von machtgeilem politischem Personal. Die Macht des Präsidenten bleibt beschränkt. Aber Sielchen wie am 30.06.2010 will sicher keiner mehr sehen. Und Entscheidungen die der Mehrheit nicht gefallen sind nicht demokratisch. Wir brauchen auch mehr Volksentscheide, wie in der Scheiz und eine komplette Reform der Bezahlung und Altersversorgung von Politikern und Beamten. Sonst wird aus Desinteresse am politischen Geschehen Verachtung und Zorn.
nerventanz (01.07.2010, 17:31 Uhr)
Die Argumentation für Contra verstehe ich nicht
Ich sehe, das überhaupt nicht als schlimm an, wenn der Bundespräsident Interessen des Volkes vertritt und die letzte Instanz ist, um fatale Fehler zu vermeiden.

In letzter Zeit wurden so viele blödsinnige Gesetze durch unsere industrieorientierte Regierung durchgepeitscht, dass das Bundesverfassungsgericht viel zu tun hat, um die Gesetze, die dann schon idiotischerweisen in Kraft sind, wieder aufzuheben (weil sie EINDEUTIG die Freiheit, Gerechtigkeit oder die demokratische Ordnung verletzen). Warum nicht einfach eine Instanz der Vernunft haben, die das Volk vertritt.

Das Argument sind Wiederwahlen des Bundespräsidenten? Fein! Schafft man sie halt ab und fertig. Damit ist das Argument mit "Bundeskaiser" überhaupt nicht mehr nachvollziehbar.

Entscheidungen der Regierung gehören IMMER blockiert, wenn sie der Mehrheit des Volkes schaden.

Wir haben immer noch zum Beispiel das Gesetz, welches Zensur im Web zulässt. So etwas muss wieder das Verfassungsgericht kippen. Das kostet alles Zeit und Geld, um Ordnung wiederherzustellen und den Politikern auf die Finger zu klopfen, was sie für ein Unsinn da produzieren.
Gerdd (01.07.2010, 17:30 Uhr)
Alles ganz anders - so wie bisher!
Nein, Sie haben mich überzeugt, die Direktwahl ist nicht die Antwort. Aber als Geisel der Politik soll der Präsident auch nicht enden. Vorschlag eins: Wir verdoppeln die Größe der Bundesversammlung und für jeden Pilitiker werden drei "Promis" entsandt - für mich müßten es auch keine "Personen des öffentlichen Lebens" sein - einige echte "Normalbürger" sollten schon auch dabei sein. Vorschlag zwei: Wir müssen am Vorschlagsrecht basteln - wieso eigentlich gab es hier - wie auch immer in der Vergangenheit - einen Kandidaten von Schwarz/Gelp, einen von Rot/Grün und einen, pardon, eine von Links? Wie denn nun, wenn sich "aus der Mitte des Volkes" Vorschläge ergäben? Merken Sie etwas? Ich traue der politischen Kaste nicht mehr zu, für die "Mitte des Volkes" zu sprechen. Und damit bin ich nicht allein, und da liegt der sprichwörtliche Hase begraben. Wenn die Politiker erst wieder das Volk verträten, könnten wir ihnen auch die Wahl eines Bundespräsidenten überlassen. Einfach so, wie früher, wie sich die Väter des Grundgesetzes das so ausgedacht hatten.
Wanderflke (01.07.2010, 17:28 Uhr)
Für Direktwahl!
Der Unterhaltungswert wäre ungleich größer! Die Parteien bleiben außen vor, die Medienkonzerne präsentieren ihre Kandidaten direkt: Springer bringt Beckenbauer, Bertelsmann Jauch, Du Mont Gottschalk. Endlich würde klar, wie Politik wirklich funktioniert. Bei der aktuellen Kandidatenkür war das Wirken der Medien ja nur für politisch eingeweihte zu durchschauen: ein Kandidat, der auf dem (vermeintlich) falschen Ticket reist, tritt gegen einen Kandidaten der Parteien an, denen er eigentlich selbst zuzurechnen ist und wird dafür auch noch von den Medien, die ihn doch wegen seines Verrates an seiner eigenen politischen Klasse niedermachen müssten, gepusht . . . das versteht der normal geBILDete nicht, das ist viel zu kompliziert. Direktwahl, Wahlkampf in den Werbespots der Unterschichtkanäle, das ist zeitgemäß!
Broeselbub (01.07.2010, 17:26 Uhr)
wozu
brauchen wir eigentlich einen BP? Zu sagen hat der eh nichts und wenn er was sagt könnte auch der Kanzler reden. Die blasen aus dem selben Horn. Okay, den jetzigen Kanzler brauchen wir auch nicht. Frauen an der Macht (ist nicht frauenfeindlich gemeint) ist noch nie gut gegangen. Siehe England. Warum ist wohl Merkel damals gewählt worden? Um die Stimmen aus dem Ossiland zu erhalten. Bestimmt nicht weil sie eine gute Politikerin ist. Nur eines frage ich mich noch, warum haben die alle Angst vor ihr? Haben die keine Alternativen? Das wäre für die CDU äußerst schwach. Dasselbe gilt übrigens für die FDP. Von der CSU ganz zu schweigen. Diese Partei ist überflüssig wie sonst was.
faculdoc (01.07.2010, 17:10 Uhr)
Nicht Merkel, ...das Volk soll entscheiden !
@ mantrid - "zur Parteien-Allmacht "

Gerne trete ich Ihrem soliden Beitrag dankend bei !
susi_sonicht (01.07.2010, 17:07 Uhr)
Add Frau Breuer
die Nationalsozialisten haben auch deutsch gesprochen. Wollen wir jetzt unsere Muttersprache abschaffen weil in dieser - unserer Muttersprache - viele verbrecherische Befehle gegeben wurden!?

Die Väter des Grundgesetzes würden im Grab rotieren wenn sie Zeuge der gestrigen Veranstaltung geworden wären.

Fest steht dass der gemeine Bürger nur noch Stimmvieh ist das alle 4 Jahre einmal an die Wahlurne getrieben wird. Frau Merkel hat ein so unwürdiges Schauspiel geboten als sie Wulff (wie ein Zauberer das weiße Kaninchen aus dem Hut) gezogen hat, so plötzlich und unverhofft - wie um Himmels Willen soll dieser Mann der Bundespräsident für das Volk sein. DAs ist ein Versorgungspostengeschachere was gestern gelaufen ist. Ich bin entsetzt und angewidert. Von der ganzen Politik - und allmählich ist es mir egal wer was wann wählt - ich habe begriffen dass auf uns Bürger in keinem Fall mehr Rücksicht genommen wird. Wie sagte der letze Monarch bevor er abdankte: "Macht doch euren Dreck alleeene ...!"

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