Die Wahl Christian Wulffs war ein Polit-Krimi, in dem - völlig verfassungskonform - die politische Kaste unter Ausschluss der Bürger entschieden hat. Muss das Wahlverfahren geändert werden?
Natürlich war die Wulff-Wahl formal völlig in Ordnung, grundgesetzkonform, von den Verfassungspapis so gewollt. Und natürlich hat die Republik, memento Weimar!, jahrzehntelang davon profitiert, dass der Bundespräsident schwächer war als der Kanzler, dass sich hier keine Nebenregierung etablieren konnte, dass dem Staatsoberhaupt die direkte Legitimation durch das Volk fehlte. Alles schön, alles gut.
Nur - the times, they are a changin' - auch eine Verfassung ist nicht auf ewig in Stein gemeißelt. Sie ist zwar aus gutem Grund träger als die erhitzte Tagespolitik, aber dennoch muss sie gesellschaftlichen und politischen Bedürfnissen angepasst werden können. Und eine solche Entwicklung besteht darin, dass das Parteiensystem in Deutschland so festgefahren, in sich geschlossen, selbstbezogen, ist, dass sich hier, im reinsten Luhmannschen Sinne, ein System von allen anderen gesellschaftlichen Systemen entkoppelt, losgelöst hat, nicht einmal mehr dieselbe Sprache findet. Im Kern verdeckt die Wirklichkeit des Parteienstaats längst die Idee der Volksvertretung - und raubt dieser so ein Stück weit die Legitimität. Die Wahl Christian Wulffs zum Staatsoberhaupt ist nur ein letzter Beleg für die selbstbezogene Machtausübung der Parteien: Ungeachtet der Wünsche und Bedürfnisse der Wähler dekretierte CDU-Chefin Angela Merkel ihn zum Präsidenten, das kann auch das Schauspiel der Drei-Gänge-Wahl nicht überdecken. Diese echte Machtlosigkeit ist es, die bei Wählern Frust schürt, Politikverdrossenheit.
Eine Direktwahl des Bundespräsidenten, eine Grundgesetzänderung, wäre dabei ein gutes Mittel, wenn auch nicht das einzige, diesem Frust etwas entgegenzusetzen. Die Bürger könnten mitbestimmen, wer sie an der Staatsspitze repräsentiert, durchaus im Sinne eines Mahners und Wächters. Den Präsident direkt zu wählen, hieße nicht, ein machtvolles Präsidentenamt wie in Frankreich oder in den USA zu schaffen, seine Funktionen blieben in erster Linie symbolischer Natur. Sicher, der Präsident wäre de facto insofern machtvoller, als dass er vom Volk direkt legitimiert wäre, dass er sich auf das Volk direkt berufen könnte. Natürlich gäbe es auch ein gewisses Risiko, dass der Präsident versuchen könnte, sich zu sehr ins Tagesgeschäft einzumischen, dass er eine Parlamentsauflösung als politisches Druckmittel missbrauchen könnte. Aber zum einen können hier auch Bremsen eingebaut werden und zum zweiten kann man, das ist ja das Schöne, dieser Republik und ihrer Gesellschaft mittlerweile soweit trauen, dass einem entsprechenden Amtsmissbrauch Einhalt geboten werden würde. Dieses Land und seine Gesellschaft sind mittlerweile so reif, dass sie durchaus mehr Demokratie wagen können. Deshalb: Lasst uns den Präsidenten künftig direkt wählen. Traut Euch!