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Und jetzt … Django Asül Merkel, die Sackgasse im Hosenanzug


Wulff hatte Pech, denn er war Angela Merkels Kandidat. Nur deshalb brauchte es drei Wahlgänge. Nun wird er seine vornehmste Aufgabe trefflich meistern - üblich zu sein.
Ein satirisches Amtsantrittsgeläut von Django Asül

Jetzt also Wulff. Er verkörpert einen völlig neuen Typus eines Bundespräsidenten. Patchwork-Familie, Tattoo-Ehefrau, aufgewachsen und sozialisiert in der freakigen Provinz Niedersachsens. Christian Wulff ist eindeutig der erste Rock'n'Roller im Schloss Bellevue. Würde er mal Brille und Seitenscheitel weglassen, kein Mensch wüsste auf Anhieb, ob er es mit einem führenden Unionisten oder einem Spartenleiter der Bandidos zu tun hat. Ist er eine Ausnahmeerscheinung? Nein. Das Besondere war schon immer das Übliche in der langen Reihe deutscher Bundespräsidenten. Damit wurden seit Kriegsende im Ausland erfolgreich Ressentiments ab- und positive Deutschlandbilder aufgebaut.

Lübke beispielsweise war in seinem herzlich-unprotokollarischen Auftreten Deutschlands Antwort auf die Marx Brothers. Und hatte sogar die besseren Texte als die US-Ulkbrüder. Scheel hingegen kam privat wie dienstlich gerne hoch auf dem gelben Postwagen daher und war somit Vorreiter der postmodernen Kommunikationsgesellschaft. Wandersmann Carstens aber bewies: Wer weit kommen will, muss zu Fuß gehen. Damit wies er früh auf den Spagat zwischen immer besserer Logistik und schwindenden Energieressourcen hin. Weizsäcker hielt es am 8. Mai 1985 für nötig, den DSL-freien Zonen Westdeutschlands das endgültige Kriegsende zu proklamieren. Herzogs Ruckrede beschleunigte unabsichtlich die Entwicklung der Politik hin zum holprigen Ruckelapparat, die in der schwarzgelben Koalition womöglich ihre Klimax erreicht hat.

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Selten war eine Präsidentenwahl so spannend wie diesmal. Unpräsidiabel in ärgerlichem Maße kam nur der Kandidatenvorschlag der Linken daher. Ultrasozialistische Gene wie bei Frau Jochimsen hatten zwar vor gut vierzig Jahren einen gewissen Charme. Aber glaubt man einigen Unionsvertretern, scheint die linke Dame eine Stalinorgel immer noch für ein empfehlenswertes Musikinstrument zu halten. Beruhigend ist es da schon, dass Regierung und ernst zu nehmende Opposition zwei total konträre Kandidaten präsentierten, die beide höchst elektabel waren.

Wulff ist klassisch konservativ-liberal. Gauck eher liberal-konservativ. Den einen mögen die Leute. Den anderen die Bürger. Mehr Unterschied ist nicht möglich. Wulff hatte jedoch den Malus des Politikers. Politiker sind im Moment eigentlich generell personae non gratae. Bei Politik denkt der Bürger an strategisch eingesetzte Planlosigkeit. Noch schlimmer für Wulff: Er war der Kandidat von Merkel. Mehr Pech kann ein Mensch derzeit in Deutschland nicht haben. Deshalb wurde es nichts mit einem glatten Durchmarsch im ersten Wahlgang. Dass Wulff es trotzdem schaffte, ist dem Umstand zu verdanken, dass die Bundesregierung Volkes Wille auch bei dieser Wahl gerne außen vor lässt, wenn es eng wird.

Ein weiterer interessanter Unterschied: Vorbild von Wulff ist Nelson Mandela. Gauck beruft sich auf Obama. Dessen "Yes, we can" sei der legitime Nachfahre vom sächsischen "Wir sind das Volk", hat der ehemalige Bürgerrechtler kundgetan. Obama ist für Gauck quasi die halbschwarze Reinkarnation des Sachsen. Ein Neo-Ossi. Wer wie Wulff in Osnabrück seine Jugend verbrachte, kann dagegen scheinbar gut nachvollziehen, wie es sich anfühlt, wie Mandela jahrzehntelang eingesperrt zu sein.

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Das sozialdemokratischtypische Larmoyanzsyndrom manifestierte sich diesmal übrigens in Wolfgang Thierse. Er bedauerte nämlich, dass Frau Merkel keinen gemeinsamen Kandidaten präsentieren wollte. Damit offenbarte Thierse einen eleganten Rollback in seine DDR-Zeiten. Mit seinem Wunsch nach einem einzigen Kandidaten bekräftigt Thierse sein politisches Grundverständnis. Demokratie heißt für ihn im Idealfall, keine Alternative zu haben. Damit ist er Merkel näher als er glaubt. Denn wenn sich Merkel ab und zu in die Niederungen der Regierungsarbeit begibt, stellt sie auch jedes Pseudoergebnis aus vollster Überzeugung als alternativlos hin.

Die Kanzlerin selber machte wie gewohnt eine gute Figur bei dem Bundespräsidentenspektakel. Merkel döste gemächlich dahin, als Bundestagspräsident Lammert zu einem Exkurs über die Macht des machtlosen Bundespräsidenten ansetzte. Auch wenn sie den Großteil der Veranstaltung im Tiefschlaf verbrachte: Für sie war die Wahl unabhängig vom zähen Ringen ein Feiertag. Und ein bisschen inoffizieller Parteitag. Mit Wulff verlässt die Nummer 2 der Union die aktive Politik und geht in die passive Politik. Neue Nummer 2 wird Frau von der Leyen. Und die hat genug mit fremden Arbeitslosen und eigenen Kindern zu tun. Jetzt ist Merkel quasi analog zu ihrer Politik selber alternativlos geworden. Eine Sackgasse im Hosenanzug. Eine schöne Vision für Städteplaner.


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