HOME

Wulff-Herausforderer Joachim Gauck: Merkels heimlicher Liebling

Ein älterer Herr mit leisem Lächeln ist der rot-grüne Gegenkandidat zum fleischgewordenen Seitenscheitel der CDU, Christian Wulff. Joachim Gauck würde einen ordentlichen Bundespräsidenten abgeben. Das findet eigentlich auch Kanzlerin Angela Merkel.

Von Sophie Albers

Bundespressekonferenz, Berlin: Die rot-grüne Opposition präsentiert am Freitag ihren Anti-Wulff. Einen Kandidaten, der ein Leben vorzuweisen habe anstatt eine politische Laufbahn, ätzt der SPD-Vorsitzende Sigmar Gabriel. Er sei überrascht gewesen, als man ihn fragte, ob er für das Amt des Bundespräsidenten kandidieren möchte, sagt Joachim Gauck. Dabei entspricht der Mann mit dem leisen Lächeln dem traditionellen Bild eines Präsidenten wesentlich mehr als Christian Wulff, der Karrierist aus Niedersachsen.

Für die Kanzlerin ist er ein mindestens unbequemer Gegenkandidat: Angela Merkel schätzt den Pfarrer aus Mecklenburg nämlich auch. Gauck hat sich nicht nur als Freiheitskämpfer in der DDR, sondern auch als Aufarbeiter von deren diktatorischer Vergangenheit verdient gemacht. "Wir mögen uns, aber wir sagen Sie zueinander", schmunzelt Gauck, als er nach seiner Freundschaft mit der Kanzlerin gefragt wird. Und nein, sie habe sich in den vergangenen zwei Tagen nicht bei ihm gemeldet.

"links, liberal und konservativ"

Muss sie auch gar nicht, sie ist auch so seine beste Werberin. Gauck lächelt ebenso leise wie wissend, als Sigmar Gabriel ihn als "Demokratielehrer" preist. Mit genau diesen Worten hat Merkel den Ex-Bundesbeauftragten für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen Deutschen Demokratischen Republik gerade erst im Januar zu dessen 70. Geburtstag geehrt. Und auch, dass der Gegenkandidat "links, liberal und konservativ" sei, muss noch mal herhalten.

Eigentlich hätte Gabriel gleich ganz Helene-Hegemann-mäßig weiterkopieren können: "Weil Joachim Gauck so eine spannende Persönlichkeit ist, sage ich natürlich aus vollem Herzen, dass ich ihm gerne meine Reverenz erweise, denn er hat sich in herausragender und auch in unverwechselbarer Weise um unser Land verdient gemacht - als Bürgerrechtler, politischer Aufklärer und Freiheitsdenker, als Versöhner und Einheitsstifter in unserem jetzt gemeinsamen Land sowie als Mahner und Aufarbeiter des SED-Unrechts und damit auch als ein Mann, der immer wieder an historische Verantwortung erinnert", so der O-Ton aus Merkels Laudatio. Macht Gabriel dann zum Glück aber nicht, und Gauck spricht für sich selbst.

Den Kampf für Freiheit und Verantwortung nennt der 70-Jährige immer wieder als Antrieb, dem er auch folgen werde, wenn am 30. Juni der Andere, also Wulff, gewählt würde. Mut wolle er machen, in diesen angstgetriebenen Zeiten, für die Demokratie, die für ihn, anders als bei den Anderen, tatsächlich erkämpft ist. "Es lebt sich einfach in der Ohnmacht", sagt Gauck. "Nicht schön, aber einfach." Aber die Angst dürfe nie der Kompass sein.

"Mit fröhlicher Gelassenheit"

Große Worte. Doch wie er so dasitzt, eingeklemmt zwischen Cem Özdemir, Jürgen Trittin, Sigmar Gabriel und Frank-Walter Steinmeier, verliert sich sein Blick immer wieder ins nirgendwo. So als würde sein eigenes Gesicht ihm die Emotionalität der Worte nicht abnehmen. Aber vielleicht muss es das auch nicht mehr, nach all dem, was Gauck schon erreicht und hinter sich hat. "Ich bin weder rot noch grün, sondern Joachim Gauck, der Sympathien hat", sagt er.

Und wie sieht er seine Chancen? Schwarz-Gelb hat 21 Stimmen Mehrheit in der Bundesversammlung, die Linkspartei wird ihn nicht wählen "Ich bin Realist, und ich kann auch zählen." Wieder dieses leise Lächeln, das niemals ausbrechen darf. Aber er habe in seinem Leben schon viel Unwahrscheinliches erlebt. Deshalb sehe er der Wahl mit fröhlicher Gelassenheit entgegen.

Die Mission ist fast erfüllt: Besonnenheit, Würde und Respekt strahlt der grauhaarige Mann im dunklen Anzug aus. Dann schiebt Gabriel einen Satz nach, der doch noch Kampfgeist zeigt: Sie hätten ihren Kandidaten erst nach der CDU-Nominierung bekannt gegeben, um zu sehen, ob der nicht vielleicht respektabel sei. Gauck nickt. War er dann offensichtlich nicht. Und zu Merkels Missfallen denkt das nicht nur Rot-Grün, sondern auch die konservative Presse. "Es rumort im bürgerlichen Lager", schreibt "Bild". "Die Welt" gibt Christian Wulff gleich zum Abschuss frei: "Es ist der Republik zu wünschen, dass [Gauck] der zehnte Bundespräsident Deutschlands wird". Gut möglich, dass die Kanzlerin in diesen Tagen ein klein bisschen weniger enthusiastisch über Gauck redet als noch zu seinem 70. Geburtstag.