"Umwerfend im wahrsten Sinne"

16. Dezember 2007, 10:58 Uhr

Drei Todesfälle nach dem Einsatz sogenannter Taser in Kanada heizen die Debatte um die Gefährlichkeit von Elektroschockwaffen an. Mit etwa 100 solcher Geräte ist auch die deutsche Polizei ausgerüstet. Von Werner Mathes

"Willkommen in Kanada": Demonstration nach dem Tod von Robert Dzienkanski in Vancouver©

Der Mann ist sichtlich erregt. Geht im Warteraum des Flughafens auf und ab, schnappt sich dann einen Klapptisch und hält ihn sich vor die Brust. "Beruhigen Sie sich", redet eine Passagierin auf ihn ein, "alles ist in Ordnung." Der Mann verschanzt sich wieder hinter der Glastür, die den Warteraum von der Sicherheitszone trennt. Als er plötzlich den Tisch wegschleudert und ein Computerterminal umwirft, nähern sich vier Polizisten, auch sie versuchen ihn zu bremsen. Doch er gestikuliert heftig weiter, dreht den Beamten den Rücken zu. Dann ein kurzes Geknatter. Der Mann fällt zu Boden, krümmt sich, zuckt und schreit. Es knattert wieder, die Polizisten werfen sich auf ihn - bis einer ruft: "Code Red!" Medizinischer Notfall. Kurz darauf ist Robert Dzienkanski, 40, tot.

Ein knapp zehnminütiges Video, aufgenommen in den frühen Morgenstunden des 14. Oktober im Flughafen der kanadischen Stadt Vancouver, hat die Debatte um eine umstrittene Elektroschockwaffe angeheizt: Der randalierende polnische Bauarbeiter war offenbar mit einem Taser beschossen worden.

Jede Attacke dauert fünf Minuten

Taser sind pistolenähnliche Plastikwaffen, die aus einer aufgesteckten Kartusche per Gasdruck zwei winzige Metallharpunen abfeuern. Diese 13 Millimeter langen Pfeilchen, durch feine Hochspannungskabel von über sieben Metern Länge mit dem Handgerät verbunden, schlagen mit einer maximalen Eindringtiefe von einem Zentimeter in die Kleidung oder in die Haut des Opfers und machen es kampfunfähig. Die Zielperson kann mehrmals unter Strom gesetzt werden, wobei eine solche Attacke jeweils fünf Sekunden dauert und das sensorische und motorische Nervensystem des Getroffenen lähmt. Die Spannung, die dabei freigesetzt wird, beträgt 50.000 Volt und wird benötigt, um den Kontakt durch dickere Kleidung zur Haut zu gewährleisten. Aber nicht die Spannung ist gefährlich, sondern die Stromstärke. Als lebensgefährlich gilt ein Wert von 50 Milliampere - beim Taser sind es gerade mal 2,1 Milliampere. Genug allerdings, "um das Ziel durch vollständige Muskelverriegelung angriffsunfähig zu machen", wie es Lars Lipke ausdrückt.

"Insgesamt sicher und effektiv": Taser-Generalrepräsentant Lars Lipke mit einem Taser X 26©

Lipke ist deutscher Generalimporteur der Herstellerfirma Taser International, die ihren Sitz im US-Bundesstaat Arizona hat. Sein Unternehmen Nonletal Ltd. ("Ihr Ansprechpartner für nichttödliche Waffen und Einsatzmittel") im nordrhein-westfälischen Wülfrath bestückt derzeit noch private Interessenten mit dem 629,95 Euro teuren Taser M 18, der nur als Kontaktschocker ohne Kartusche geführt werden darf, ab April nächsten Jahres jedoch verboten werden könnte. Mit einem etwas aufgemotzteren Gerät, dem Taser X 26 mit Laserpointer für die Zielmarkierung, versorgt Lipke die deutsche Polizei. "Um die 100" solcher Waffen habe er bislang an 13 der insgesamt 16 deutschen Länderpolizeien geliefert.

Zur Anwendung kommen die Geräte ausschließlich in den Spezialeinsatzkommandos (SEK), die bei Geiselnahmen etwa oder bei Razzien im Bereich der Organisierten Kriminalität angefordert werden. Während Taser in manchen Bundesländern schon zur festen Ausrüstung gehören, werden sie in anderen noch getestet. So in Berlin, wo Elektroschockpistolen in den vergangenen sieben Jahren neunmal aktiviert wurden - zuletzt im Februar, als am Brandenburger Tor ein Verwirrter außer Gefecht gesetzt werden musste. Martin Textor, inzwischen pensionierter Chef der Berliner SEK, hatte bereits 2004 die Einführung der Waffe befürwortet, überzeugt von ihrer Wirksamkeit: "Umwerfend im wahrsten Sinne des Wortes."

"In fast 70 juristischen Auseinandersetzungen kam es zu keinem Richterspruch gegen das Unternehmen"

Nicht selten sogar tödlich - davon jedenfalls ist Amnesty International überzeugt, die zwischen Juni 2001 und September 2007 in den USA und Kanada 291 Todesfälle nach polizeilichen Taser-Einsätzen gezählt haben will. In mindestens 20 Fällen seien die Stromstöße nach dem Urteil von Gerichtsmedizinern ursächlich oder mitursächlich für den Tod gewesen. Der US-Hersteller räumt ein, dass seine Geräte "nicht ohne Risiken", aber "insgesamt sicher und effektiv" seien. Auch Gerichtsmediziner, so die Firma, könnten irren, wenn sie kaum etwas über die Wirkung von Elektrizität wüssten - entsprechende Befunde seien in allen Fällen von Fachleuten widerlegt worden, denen Taser International die Autopsieberichte zur Überprüfung überlassen hatte. Taser- Repräsentant Lars Lipke behauptet gar, es gebe keinen einzigen Todesfall, der unmittelbar auf Taser-Beschuss zurückzuführen sei: "In fast 70 juristischen Auseinandersetzungen kam es zu keinem Richterspruch gegen das Unternehmen."

Lipke verweist auf die Studie des Notarztes und Deputy Sheriffs Jeffrey Ho aus Minneapolis, der seine Probanden unter ärztlicher Aufsicht in körperliche Extremsituationen brachte, indem er sie bis zur Erschöpfung auf einem Laufband rennen ließ, durch "Druckbetankung" (Lipke) betrunken machte oder ihnen lange Saunagänge verordnete, bis er sie mit einem Taser traktierte. Ho stellte allenfalls erhöhte Atmungs- und Herzfrequenzen fest, auch mal Verbrennungsmarken, wenn die Pfeile in die Haut eingedrungen waren.

Übernommen aus ... Stern Ausgabe 50/2007

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KOMMENTARE (3 von 3)
 
Doc_D (17.12.2007, 13:00 Uhr)
Gewaltgeladene Gesellschaften
Gerade in den USA, wo fast jeder eine Waffe tragen darf, ist Gewalt als solches ein fester Bestandteil der Denkstrukturen. Das ist das viel größere Problem.
ThomasII (16.12.2007, 14:04 Uhr)
Pistolen töten immer
Das stimmt, Pistolen töten immer (bzw. sehr oft), Taser nur manchmal. Aber Pistolen werden seltener abgefeuert als Taser - weil bei Tasern der Gedanke mitspielt, eine nichttödliche Waffe in den Händen zu halten.
Die Polizisten des Artikels hätten sicher nicht mit einer scharfen Pistole dem 40-jährigen angeschossen, nicht einmal in die Beine.
Die Hemmschwelle, einen Taser abzufeuern ist wesentlich geringer.
JuliusKrause (16.12.2007, 13:19 Uhr)
taser
ich finde taser gar nicht mal so schlecht bei der polizei,denn pistolen töten immer und taser nur manchmal