Ist Wulff ein Muslim?

6. Oktober 2010, 21:30 Uhr

Diese Frage wird man ja noch stellen dürfen. Nach seiner Rede am Tag der Deutschen Einheit. Oder sprach der Bundespräsident zu "50 Jahre Türken in Deutschland"? Eine satirische Betrachtung von Django Asül

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Was war eigentlich los an diesem 3.Oktober 2010? Was genau wurde da gefeiert? Oder anders gefragt: War das tatsächlich eine Feier? Und worum ging es? Um 20 Jahre Deutsche Einheit? Oder doch eher um 100 Tage Wulff? Oder 50 Jahre Türken in Deutschland? Oder 50 Jahre misslungene Integration? Im Nachhinein weiß der Beobachter nicht mal mehr, ob dieser Tag nun einen seltsamen Beigeschmack hatte oder von Haus aus durch Geschmacklosigkeit bestach. Allein schon die Vergabe der Festivität nach Bremen ließ jegliches Finger- und Synapsenspitzengefühl vermissen. Die schöne Stadt mit dem weltberühmten Schnoorviertel trägt ohnehin seit Wochen Trauer, weil beim SV Werder weder die Nord- noch Ostdeutschen, geschweige denn die eingekauften Fußballmigranten ihr Potenzial abrufen. Nein, für das Volk steht fest: An diesem Tag gingen Kollateral- und Koinzidentalschäden Hand in Hand. Das war es aber dann auch schon mit der Brüderlichkeit. Ein Satz des Bundespräsidenten reichte, um das Land ordentlich aufzuheizen: Der Islam gehöre zu Deutschland.

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Landauf, landab wird jetzt nur noch eine Frage diskutiert: Was hat sich Wulff dabei gedacht? Und landauf, landab denkt sich Wulff: Eigentlich habe ich mir den Job als Frühstücksdirektor von Deutschland anders vorgestellt. Nicht nur er hat sich verschätzt. Auch Merkel merkt, dass sie vielleicht Wulff doch nicht hätte ins Schloss Bellevue abschieben sollen. Nicht wenige aus dem Politbusiness sehen die Aktion bereits als Merkelschen Schuss ins Knie. Dabei wollte sie nur Wulff als Landespolitiker loswerden, um quasi beide Knie frei zum Regieren zu haben. So aber drängte sie Wulff in eine Rolle, die fast schon mit der von Barack Obama zu vergleichen ist. Auch der US-Präsident muss damit leben, von einer amerikanischen Mehrheit falsch eingeschätzt zu werden. Erst dachten alle, dieser Mann hat die Kraft, das Ruder herumzureißen. Jetzt gehen die meisten davon aus, dass er ein Ankündigungsweltmeister ist. Und auch noch ein Moslem. Und damit verkappter Islamist. Und ein Ausverkäufer der amerikanischen Seele. Obamas Hautfarbe wird nur noch als Tarnung angesehen.

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So fragen sich jetzt auch hierzulande immer mehr Menschen: Ist Wulff ein verkappter Konvertit? Wenn ja, woher und wohin? Nur von Hannover 96 zu Hertha BSC? Oder tatsächlich von Osnabrück nach Mekka? Ist das Tattoo seiner Frau tatsächlich ein Tattoo oder verklausulierte orientalische Henna-Batik? Eine Blitzumfrage von Heckler & Koch bringt gewaltige Verwerfungen ans Tageslicht. Laut dieser Erhebung hat das deutsche Volk eine klare Meinung: Wäre Wulff Kanzlerkandidat, bestünde sein Schattenkabinett zur Hälfte aus Türken, Libanesen und Talibanesen. Der Mann, der einfach nur überparteilich sein wollte, wirkt jetzt eher überkonventionell bis übergeschnappt. Dazu kommt der Vorwurf, dass er seine Überparteilichkeit sehr unterkanzlerisch oder wahlweise hypermerkelophil ausführt.

Somit bietet der Bundespräsident natürlich auch der Opposition eine offene Flanke an. Allen voran der CSU. Bayerns Sozialministerin Haderthauer (so nennt sich Markus Söder, wenn er zu sehr geschminkt ist) meint beispielsweise: Religionsfreiheit ist nicht gleich Religionsgleichheit. Gerade am 3.Oktober darf das sowieso nicht durcheinander gebracht werden. Es gilt nach wie vor: Freiheit ist gleich BRD und Gleichheit ist gleich DDR. Auf lange Distanz zieht die Gleichheit immer den Kürzeren. Eine sehr gewöhnungsbedürftige Art der Zustimmung dagegen brachte Justizministerin Leutheusser-Schnarrenberger. Das historische und kulturelle Fundament Europas beruhe auf klassisch griechisch-romanischen Einflüssen sowie auf dem christlichen Erbe, aber auch auf dem Islam, sagte good old Schnarre. Wie dieses Erbe präzise aussieht und ob irgendwann irgendwer dafür Erbschaftssteuer zahlen musste, ließ sie leider unerwähnt. Doch sei das Land durch eine 2000 Jahre alte christlich-jüdische Vergangenheit geprägt. Rein chronistisch gesehen hat Wulff die Rede somit ungefähr 1950 Jahre zu früh gehalten. Woraus ersichtlich wird: Im Bundespräsidialamt müssen unbedingt ein Mathematiker und ein Historiker installiert werden. Und dazu noch ein Realist a la Buschkowsky. Der Neuköllner Bürgermeister ist nämlich der Ansicht, der Bundespräsident hätte unbedingt noch darauf hinweisen müssen, dass die deutsche Werteordnung ausnahmslos von allen geachtet werden müsse. Zu viele Migranten meinen leider, dass eine ADAC-Mitgliedschaft Beleg genug dafür sei.

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Wulff wollte ein Vermittler zwischen den Kulturen sein. Jetzt braucht er einen Vermittler zwischen ihm und dem Volk, um weitere Missverständnisse auszuschließen. Quasi einen eigenen Heiner Geißler, nur ohne großen Bahnhof. Da gibt es nur eine akzeptable Option: Peter Scholl-Latour. Der Mann wartet schließlich seit Jahren darauf, dass der ganze Moslemzoff jetzt endlich mal in Deutschland stattfindet, damit er nicht dauernd mit Germanwings nach Kandahar oder in den paschtunischen Nationalpark reisen muss, um halbwegs auf dem Laufenden zu sein. Früher hat Scholl-Latour noch extra Stammesfehden vom Nahen bis in den Fernen Osten angezettelt, damit er Bücher darüber schreiben konnte. Mittlerweile verfügt er über einen pragmatischeren Ansatz. Jetzt erzählt er nur noch in Talkshows, dass sowieso alle keine Ahnung haben außer ihm. Das verbindet ihn schon mal mit vielen Extremisten. Scholl-Latour sollte relativ zügig im Schloss Bellevue einziehen und die Kommunikationsfäden spinnen. Sonst könnte der bleibende Eindruck entstehen, dass am 3.Oktober 2010 die Osttürkei sich Deutschland anschloss.

Django Asül ... live am 10. Oktober in München (Lustspielhaus) und am 14. und 15. Oktober in Wien (Kulisse)

 
 
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Wer beim Lesen der Zeitung nur noch den Kopf schütteln kann, ist bei Django Asül genau richtig: Für stern.de rechnet der Kabarettist einmal die Woche mit der deutschen Politik ab.

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