Aufarbeitung im Land der Täter

25. Januar 2005, 09:00 Uhr

Die Erinnerung an die Judenvernichtung war in Deutschland über Jahrzehnte Stoff von Kontroversen. Erst seit 1996 ist der 27. Januar ein Gedenktag. Der damalige Bundespräsident Roman Herzog hatte sich dafür eingesetzt.

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Die Stelen des Holocaust-Mahnmals in Berlin sollen an die Opfer der Judenverfolgung erinnern©

Sie hat es nicht vergessen, ihr Leben lang nicht. "Die Ankunft in Birkenau war wie ein schrecklicher Traum", erzählt Maria König (83). Sie und ihr 82 Jahre alter Mann Adam gehören zu den rund 1000 Menschen in Deutschland, die noch von den Schrecken von Auschwitz-Birkenau berichten können. Statt zu emigrieren, haben sie sich dafür entschieden, nach dem Krieg im Land der Täter zu bleiben. Dort ist die Erinnerung an die Symbolstätte des Holocausts, wo mindestens eine Million Menschen ermordet wurden, noch immer wach.

Zahlen ein Gesicht geben

Zum 60. Jahrestag der Befreiung fliegt Bundespräsident Horst Köhler nach Polen. Das jüdische Ehepaar König wird wahrscheinlich dabei sein. Eine solche Geste war nicht immer selbstverständlich: Erst seit 1996 ist der 27. Januar ein Gedenktag. Der damalige Bundespräsident Roman Herzog hatte sich dafür eingesetzt. Die Erinnerung an die Judenvernichtung und die sechs Millionen Toten war in Deutschland über Jahrzehnte Stoff von Kontroversen. Beispielhaft ist die Diskussion um das Holocaust-Mahnmal von Peter Eisenman am Brandenburger Tor in Berlin, das im Mai fertig sein soll.

Von einem "Schlussstrich" bei der Aufarbeitung, wie ihn rechte Stimmen fordern, ist - zumindest öffentlich - nichts zu spüren. Jeder Schüler in Deutschland lernt, wie der Massenmord in den Gaskammern der Vernichtungslager abgelaufen ist. Dabei legen viele Pädagogen Wert darauf, den anonymen, unvorstellbaren Zahlen ein Gesicht zu geben. Dazu sprechen Überlebende wie die Königs aus Berlin mit Jugendlichen. Maria König ist manchmal überrascht, wie "feinfühlig und differenziert" die Schüler sie dabei fragen.

Die Eheleute Maria und Adam König aus Berlin gehören zu den rund 1000 Menschen in Deutschland, die noch von den Schrecken in dem Vernichtungslager berichten können©

Die gebürtige Polin, die 1944 nach Birkenau kam, verspürt keinen Hass auf die Deutschen. Sie habe sich immer nur gefragt: "Warum tun sie das?". Auch Adam König, der sechs Jahre KZ und einen der berüchtigten "Todesmärsche" überstand, ist gegen eine pauschale Verurteilung. Zwei Jahrzehnte nach Kriegsende kehrte das Ehepaar zu einem Besuch nach Auschwitz zurück. "Das hat schon Wunden aufgerissen", sagt Adam König. An seinem politischen Engagement hat es nichts geändert.

"Auschwitz Komitee" kämpft gegen Rechtsextremismus

Organisiert sind viele Überlebende seit 1952 im Internationalen Auschwitz Komitee. Zunächst ging es um die Suche nach Vermissten, um Entschädigungsfragen und darum, das Lager als Erinnerungsort zu erhalten. Heute widmet sich das Komitee mit seinen 1000 großteils ehrenamtlichen Mitarbeitern Jugendprojekten und dem Kampf gegen Antisemitismus und Rechtsextremismus. In Auschwitz - zwischen Kattowitz und Krakau - treffen Überlebende mit Jugendlichen aus Europa zusammen. Mal sind die Schilderungen der Augenzeugen eher nüchtern, mal sehr emotional, mal zynisch, erzählt Christoph Heubner, Vizepräsident des Komitees.

Zwischen Mitte 70 und Mitte 80 sind die Überlebenden jetzt alt, 20 000 leben in der Welt verstreut. Im Alter wird bei vielen das Erlebte wieder gegenwärtig, sagt Heubner. "Plötzlich sind die Erinnerungen ganz, ganz nah." Dass Jugendliche in der Schule mit Informationen über den Holocaust überschwemmt werden, hält der Historiker für eine Legende. Er hat beobachtet, was für ein wichtiges und einprägsames Erlebnis ein Besuch von Auschwitz und Birkenau für viele Jungen und Mädchen sein kann.

Seit anderthalb Jahren hat Heubner ein Büro in der Gedenkstätte Deutscher Widerstand im Berliner Bendler-Block. Für ihn ist es richtig, dass das Komitee nach Jahren im Ausland nun in der deutschen Hauptstadt sitzt. "In Berlin wurde Auschwitz geplant und beschlossen", sagt Heubner. Auf der Einladung zu einer Gedenkfeier am 25. Januar im Deutschen Theater mit Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) steht dann auch beziehungsreich: "Berlin - Auschwitz - Berlin".

Caroline Bock/DPA
 
 
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