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Deutsche Ritter im Baltikum

Wolter von Plettenberg ist erst 14, als für ihn eine lebenslange Mission beginnt: Anno 1464 zieht er von der Burg Meyerich bei Soest ins ferne Livland, um dort die Reihen der Kreuzritter zu verstärken, die seit dem 13. Jahrhundert mit dem Segen des Papstes weit im Osten für die Ausbreitung des Christentums kämpfen. In der deutschen Adelswelt galt es als vornehm, einen Sohn an die Front der Frommen zu schicken. Allein der Plettenberg-Clan stellte neun Ordensmänner. Mit 31 wird Wolter "Schaffer" - Finanzverwalter im Schloss von Riga. Mit 39 wird er Landmarschall - oberster Befehlshaber des Deutschen Ordens in Livland, das in etwa die Gebiete des heutigen Lettland und Estland umfasste. Litauen entwickelte sich unabhängig davon zu einem Großreich, das sich schließlich 1569 mit Polen vereinigt.

Im Jahr 1501 führt von Plettenberg am Fluss Serica mit 4000 Reitern und 2000 Landsknechten einen spektakulären Präventivschlag gegen ein 40 000 Mann starkes russisches Heer. 1502 erlangt der Spross eines westfälischen Adelsgeschlechts Feldherrnruhm, als er die Russen am Smolina-See erneut besiegt.

In Tallinn und Riga wurde bis 1885 Deutsch gesprochen

Livland, das zuvor ständig russischen Angriffen ausgesetzt war, erblüht in der Periode des Friedens. Sie währt, bis Zar Iwan der Schreckliche den Livländischen Krieg entfacht. Danach beherrscht Russland die Ostsee-Provinzen zwar jahrhundertelang, doch die baltendeutsche Oberschicht bleibt im Lande - Kaufleute, Ritter, Geistliche. In den Hansestädten Tallinn (Reval) und Riga wurde bis 1885 Deutsch gesprochen. Johann Gottfried Herder predigte im Dom von Riga.

Erst 1939 müssen die Baltendeutschen gehen - "heim ins Reich", wie es nach Abschluss des Hitler-Stalin-Pakts heißt, in dessen Folge Estland, Lettland und Litauen ihre erst 1918 erklärte Unabhängigkeit verlieren und unter Sowjetdiktatur geraten.

Wieder beginnt für die Balten eine Periode von Unterdrückung, Besetzung und Freiheitskampf, in dem sie sich unter anderem mit großen Musikfesten Gehör verschaffen. 1991 folgt auf ihre "singende Revolution" die erneute Unabhängigkeit.

40 Jahre lang umsichtige Politik

Unter den Statthaltern der gut 300-jährigen deutschen Kolonialzeit im Baltikum war Wolter von Plettenberg eine herausragende Figur. 40 Jahre lang erwies sich der Ordensmeister und spätere Reichsfürst als umsichtiger Politiker, regierte 70 Kilometer von Riga entfernt auf einer Burg in der Kleinstadt Wenden, dem heutigen Cesis.

Dort war er in seinen letzten 15 Lebensjahren mit der aufkeimenden Reformation konfrontiert, die er als Mann des Vatikans eigentlich hätte bekämpfen müssen. Doch er hielt sich aus den Glaubenskämpfen heraus und versuchte, die Konflikte friedlich beizulegen. 1535 starb Plettenberg 85-jährig in Wenden und wurde in der St. Johanniskirche beigesetzt.

Tilman Müller/print

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