Das Bayerische Meer

12. September 2007, 13:44 Uhr

Reggae-Rhythmen und Blasmusik, Nordic Walking in den Bergen und Kite-Surfing auf dem Wasser, Berufsfischer und ein Sternekoch: Der Chiemsee überrascht durch seine Gegensätze. Von Helge Bendl

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Manchmal muss man einfach ehrlich sein. Und zugeben, dass einen der pure Neid packt. Weil es hier tatsächlich so schön aussieht wie auf den Fotos - mit den Alpengipfeln im Hintergrund, dem satten Grün der Wiesen in der Mitte und davor dem dunklen Blau des Sees. Weil sich König Ludwig II. hier, auch wenn er selbst es nicht mehr erlebte, wirklich eine Märchenlandschaft gebaut hat. Und weil es neben Tradition und Brauchtum eben auch so viel erfrischend Neues gibt am Chiemsee.

Selbst das Alte geht bisweilen neue Wege. Niemand könnte das besser erzählen als Thomas Lex, der auf dem "Bayerischen Meer", wie sie den Chiemsee hier nennen, bei Sonnenaufgang früh um fünf Uhr zum Kontrollieren der Netze fährt. Wie das schon sein Vater, sein Großvater, sein Urgroßvater und sein Ur-Urgroßvater gemacht haben. Seit dem Jahr 1857, verkündet ein Schild an Haus Nr. 31 - Straßen gibt es auf der Fraueninsel nicht, warum auch, wenn hier weniger als 300 Einwohner leben und alle Häuser am Ufer aneinander gereiht sind wie an einer Perlenkette.

Die Ruhe der Fraueninsel

Hechte, Zander, Aale und Brachsen holt der 50-Jährige Berufsfischer aus seinen Netzen und Reusen, und vor allem Renken, die besonders gut frisch geräuchert im Brötchen schmecken. Seine Kunden sind Touristen, die als Besucher tagsüber mit der Fähre vom Festland kommen und von denen die Insel lebt. Wenn das letzte Boot am Abend wieder ablegt ist die Fraueninsel aber wieder so ruhig wie früher. Autos? Kino? Pizza-Service? Gibt es nicht.

"Früher war die ganze Wirtschaft auf das Kloster der Benediktinerinnen ausgerichtet", erzählt Fischer Thomas Lex, ausgeschlafen, am frühen Nachmittag. Die Nonnen bauten nicht nur die 1200 Jahre alte Münsterkirche mit dem freistehenden Kampanile, dem Glockenturm, sondern beschäftigten lange Zeit auch eine ganze Armada von Handwerkern: Schlosser, Schuster, Töpfer, Bäcker, Metzger.

Heute ist das Mädcheninternat, das es einst hier gab, geschlossen. Im Klosterladen gibt es Marzipan und Kräuterschnaps zu kaufen, hergestellt nach einem streng gehüteten Rezept. Die Nonnen der Abtei wollen sich, wenn auch nur noch knapp 30 Frauen stark, aber nicht unterkriegen lassen: Das Kloster hat eine Liste, mit der die Frauen bei den Gemeinderatswahlen antreten und auch gewählt werden - in der kleinsten Gemeinde Oberbayerns, wie man mit Lokalstolz vermerkt.

Versailles mitten im Chiemsee

Nebenan, auf der Herreninsel, hatten die dort siedelnden Mönche weniger Glück - sie wurden vertrieben. Dafür entdeckte der bayerische König Ludwig II. Ende des 19. Jahrhunderts das schöne Fleckchen mitten im See und huldigte hier seinem Namensvetter, dem "Sonnenkönig" Ludwig XIV. Eine Nachbildung von Schloss Versailles sollte hier entstehen, nur alles noch ein wenig größer und goldener. Die Repräsentationsräume des Herrschers und der monumentale Spiegelsaal wurden noch fertig, doch am Ende starb Ludwig zu früh, um sein Lebenswerk zu vollenden.

Die Besucher von heute bestaunen trotzdem Geheimgänge und Prunkbetten - und können auf der "Königsinsel" auch übernachten. Die Fische fürs Schlosshotel liefert Thomas Lex, die Familie macht das schon seit gut hundert Jahren. Manchmal sogar den eigentlichen König des Chiemsees, der zwei Meter groß werden kann und, wenn man den Legenden glaubt, sogar noch mehr. "A kapitaler Waller, des is scho was", sagt Thomas Lex ehrfürchtig. Und dann, mit Blick auf den zugereisten Besucher aus München, betont auf Hochdeutsch: "Ein richtig großer Wels ist aber nur sehr selten im Netz."

Speisen wie die Könige

Ein paar Kilometer weiter weg vom See redet der Sommelier den Gast in ausgesuchter Höflichkeit sogar mit Monsieur an. Zuerst ist man hier, im ersten Alpental, noch abgelenkt durch den Blick auf die fast 1700 Meter hohe Kampenwand, die in der Abendsonne glänzt. Dann beginnt das lautlose Konzert der Kellner. Ein zartes Wolfsbarschfilet bettet sich auf Basilikum-Gelee, dreierlei Variationen von Gänse- und Entenleber duften, ein St. Petersfisch vereinigt sich mit einem perfekt abgeschmeckten Ingwersößchen, Soufflé-Bällchen aus Valrhona-Schokolade zerschmelzen auf der Zunge.

Stets ist genug auf dem Porzellan, um den Geschmack auszukosten. Und stets so wenig, dass man sich noch auf den nächsten Gang freuen kann - und sich nicht schon nach den Vorspeisen ermattet ins Bett wünscht. "Cuisine Vitale" nennt es der Meister Heinz Winkler mit einem Lächeln.

Info Allgemeine Auskünfte beim Chiemsee Infocenter unter Tel. 08051/965550, www.chiemsee.de

Reservierungen in der Residenz Heinz Winkler unter Tel. 08052/17990, www.residenz-heinz-winkler.de

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