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24. Juni 2007, 10:00 Uhr

Deutschland, eine Ferienliebe

Mann, war das früher spießig, Ferien im eigenen Land zu machen. Lieber flog man ans andere Ende der Welt. Heute finden die Deutschen ihre Heimat sexy und suchen Exotik und Idylle vor der eigenen Haustür. Sie entdecken ihre Klassiker wieder - und sehen die Urlaubskarte der Republik um zahlreiche neue Ziele bereichert. Der stern stellt die schönsten vor. Von Wolfgang Röhl

Strandkorb, Sonne, Wind und Wellen: Die Nordseeinsel Wangerooge bietet davon reichlich - und punktet bei den Gästen auch noch mit einem Autoverbot© Melanie Dreysse

Der Countdown läuft in Rantum, Sylt. Am Ortseingang legen Bautrupps letzte Hand an ein 20 Millionen Euro schweres Projekt. Wassersprenger versuchen, frisch gesäten Rasen zwischen den bunten zweigeschossigen Appartementhäusern aus dem Boden zu kitzeln. "Hier", deutet Hoteldirektor Kai Harmsen, 39, auf eine Sandfläche, "kommen noch jede Menge Spielgeräte hin. Ende Juni ist alles fertig. Bis auf den Rasen, vielleicht." Harmsen hat den Bau seit Beginn vor gut einem Jahr überwacht und fiebert nun der Eröffnung mit der Passion des Profis entgegen. Immerhin, "wir sind von Anfang an prima gebucht". Stolze 70 Prozent Auslastung soll die von einer Investorengruppe finanzierte und vom Reisekonzern Tui betriebene Vier-Sterne-Anlage übers Jahr haben. Der Tourismusexperte Prof. Karl Born von der Hochschule Harz hält das für nicht unrealistisch: "Sylt ist eine extrem populäre Destination, die wenig kinderfreundliche Angebote hat."

Das "Dorfhotel" mit 159 Zimmern, 500 Betten, verteilt auf zwölf Häuser, ist ganz auf Familien getrimmt - bis hin zu den niedrigen Waschbecken im Erlebniskindergarten, den ulkigen Zwergenbuffets im Speisesaal und dem graffitibemalten Jugendclub. Seit Baubeginn war das 41 000 Quadratmeter große Projekt am naturgeschützten Rantumer Becken von schwersten Stürmen begleitet. Denn nicht nur eingesessenen Hoteliers und Zimmerwirten, die in der Hochsaison zuweilen selbst Kellerlöcher und Rumpelkammern zu horrenden Preisen vermieten, ist potente Konkurrenz zuwider. Im Dorfhotel kosten Familienzimmer mit Frühstück ab 204 Euro, Schwimmbadbenutzung und andere Extras inklusive. Aber auch elitäre Stammgäste barmten, "prollige Billigheimer" würden nun "in Rudeln" über die Insel herfallen ("Süddeutsche Zeitung"). Ernsthaft wurde das Menetekel eines nordischen "Ballermanns" heraufbeschworen.

Teil der dritten touristischen Aufrüstung

Das "Dorfhotel" ist auch nicht der einzige Angriff auf die Pfründe der etablierten Zimmeranbieter. Sechs Projekte mit mindestens 1000 neuen Betten stecken in der Sylter Pipeline, etwa ein Arosa-Golf- und Wellnesshotel in List. Sie alle sind Teil der dritten touristischen Aufrüstung der Bundesrepublik nach Wirtschaftswunder und Wiedervereinigungsboom. Den Auftakt machte im Jahr 2000 das ganzjährig geöffnete Großprojekt Fleesensee in Mecklenburg- Vorpommern, das sich mit seinem breiten Angebot an Familien, Golfer und Wellnessfans entgegen allen Unkenrufen zu einem Dauerseller entwickelte. Erfolg generiert Erfolg: Speziell für Paare und Singles eröffnet die internationale Hotelkette Iberotel 2008 das Lake-Site Fleesensee. Im selben Jahr machen auf der Halbinsel Tarnewitz bei Boltenhagen ein Dorfhotel und ein weiteres Iberotel auf. In Putbus auf Rügen will das neue Badehaus Goor Freunde traditioneller Kurseligkeit locken. Und in Kranzberg bei München setzt das Biohotel Hörger auf Anhänger gepflegter Körnerküche.

Boomtown Hamburg: Besuchermagnet ist der Hafen. Auf einer Barkassentour kommt man den Containerschiffen ganz nahe und erkennt, wie groß sie wirklich sind© Heike Ollertz

Deutschland muss irgendwie sexy sein, für Geldgeber wie für Urlauber. Warum? Fahren wir einfach mal durch - von Nord nach Süd. Zuerst nach Ostfriesland, wo man Rum mit Tee trinkt und - in Papenburg - dicke Pötte baut, die dann auf den sieben Kreuzfahrtmeeren rumschippern. Straßenschilder weisen "Zu den Inseln". Für uns Kinder war das die Verheißung. Inseln! Riesenspielplätze. Freiheit und Abenteuer auf Borkum oder Juist oder Spiekeroog. In Harlesiel gehen die Fähren nach Wangerooge ab und die bunten Kutter zu den Seehundsbänken, acht Euro die Tour. Seehunde sind Sympathiebolzen. Besonders, wenn sie in Knipsweite daliegen. Nordsee! Nirgendwo auf der Welt riecht es so wie hier, nicht mal an der Ostsee. Nach Algen und Fisch und warmen Salzwiesen, wo sich Lämmer ihr leckeres Fleisch anfressen.

Ungezählte Sylt- und Amrum-Filme

Der ganze Norden ist ein Seelenpflaster. Das Wattenmeer, die netzbehängten Kutter in Neuharlingersiel, die Baumblüte im Alten Land. Rüber über die Elbe bei Wischhafen mit einer Autofähre, deren Imbiss die knackigsten Würstchen der Region serviert. Schleswig-Holstein, einst das Reich von "Hoppel-Heide" Simonis, hat es durch ungezählte Sylt- und Amrum-Filme sowie durch Vorabendserien wie "Gegen den Wind" (St. Peter- Ording), "Hallo Robbie" (Friedrichskoog) und den Dauerbrenner "Der Landarzt" (am Fluss Schlei) zu Glotzenruhm gebracht. Der lockt Touristen in Scharen. Wo die Fernsehfritzen drehen, da, Touri, lass dich ruhig nieder. Die picken sich die Sahneplätze raus. In Büsum steht das neue, in Form einer Welle gebaute Erlebniscenter "Blanker Hans", das die Sturmfluten an Frieslands Küsten vermarktet. Dort erfährt man so nebenbei, dass sich der Meeresspiegel im Norden in den vergangenen10 000 Jahren bis zu 120 Meter gehoben hat. Die Sturmflut von 1825 war deshalb so verheerend, "weil man den Anstieg des Meeresspiegels noch nicht erkannt hatte und die Deiche nach dem Maß der Flut von 1717 gebaut waren". Anstieg des Meeres? 1825? Interessant.

Weiter nach Hamburg. Die Freie und Hansestadt ist durch alle Fernsehkrimis, alle Führer, alle Hochglanzmagazine gejagt worden. Und sie ist tatsächlich so schön und spannend, wie die Medien sie darstellen. Einfach in einen Linienbus steigen, der über die 55 Meter hohe Köhlbrandbrücke fährt. Ans Fenster setzen, das Hafenpanorama bestaunen: Wirklich kein Wunder, dass sie in Hamburg filmen wie blöde. Jedes Jahr übernachten mehr als sieben Millionen Gäste in der Hansestadt, in Berlin sind es fast 16 Millionen. Der große Magnet der Hauptstadt, die Museumsinsel mit ihren demnächst fünf Museen, birgt unendliche Schätze. Doch wahre Attraktion der Kulturinsel ist das Publikum. Alle Schichten, alle Altergruppen, alle Hautfarben, ein Sprachengewirr wie in Paris. Rammelvolle Ausflugsdampfer umkreisen die Spreeinsel - jeden überkommt unvermeidlich das Gefühl, genau hier sei the place to be.

Deutschland ist sexy geworden

Deutschland ist sexy geworden, sagen sie in der Deutschen Zentrale für Tourismus (DZT). Hat etwas Zeit gebraucht. Inlandurlaub war lange Jahre was für Leute, die eine bestickte Klorolle auf der Heckablage spazieren fuhren. Eine politisch unkorrekte Marke, wie früher Audi, Opel oder Schäferhund. Citroën oder Volvo fahren und in Frankreich oder Schweden urlauben, das war angesagt. Jetzt ist aus der DZT, einst ein Schnarchverein, eine agile Truppe geworden, die unablässig Siege vermeldet. "WM sorgt für Rekordergebnis: zehn Prozent mehr Incomings (Ankünfte von Ausländern) 2006! Zwölf Prozent mehr Einnahmen! Weiteres Wachstum im Inlandstourismus: 1,2 Prozent! Trend zu Kurzreisen bestätigt!" Fazit der DZT: "Deutschland hat jetzt ein prima Image als Reiseland."

Übernommen aus ... Stern Stern
Ausgabe 25/2007

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