Wo Schaufelbagger einst das Land aufrissen, entstehen bei Cottbus und Leipzig die größten Künstlichen Seenplatten Deutschlands. 2018 wird das letzte Tagebauloch geflutet. Die ersten Strandbars, Tauchklubs und schwimmenden Ferienhäuser gibt es schon. Von Holger Witzel

Lausitzer Neu-See-Land: Drei von 21 Gewässern: der Partwitzer See mit der "Halbinsel" Skado, im Hintergrund Geierswalder (r.) und Neuwieser See (l.)© Gregor Lengler
Wenn die Speedboote tanken, ist es auf einmal totenstill am Partwitzer See. Kein Vogel zwitschert, null Biolärm, weder Fische noch Insekten stören die Idylle. Nur die Spülmaschine gurgelt leise, und die letzten Bugwellen der Rennboote plätschern sanft gegen den Fußboden.
Dann peitschen sie wieder mit 500 PS am Schlafzimmer vorbei. Neugierige Radfahrer recken die Hälse über den Zaun am Ufer. Doch es sind nicht die Boote, die sie fesseln. Es ist auch nicht die Sonne, die am Horizont malerisch neben einem Kraftwerk untergeht. Sie schauen nach uns, genauer: auf unser Ferienhaus.
Romantisch sieht es sicher aus, ein großer Ponton, darauf zwei schmale Etagen aus Holz und ein Sonnensegel darüber. Ohne die Speedboote könnte man den ganzen Tag auf der Terrasse lümmeln, den verschwitzten Radfahrern mit einem Drink winken und beinahe Lust bekommen, vor ihren Augen kopfüber in den See zu springen. Aber auch wenn das Wasser abends golden schimmert und nicht mehr rötlich flockig wie am Tag - das wäre den Neid nicht wert.

Alte Schachtel Auf dem Geierswalder See schwimmt ein großes Papphäuschen mit Holzrahmen: Die "Architekten" behaupten, es sei das allererste Ferienhaus der Seenplatte© Gregor Lengler
"Man überlebt es aber", sagt die Vermieterin Karin Mietke knapp, und das klingt fast ein wenig trotzig. Denn offiziell ist baden hier genauso verboten, wie das Ufer zu betreten: "Bergbaugelände - Lebensgefahr!"
Andere Schilder an der einzigen provisorischen Badestelle des Sees warnen vor "Haut- und Schleimhautreizungen" und einem pH-Wert von 2,7. Jeder versehentliche Schluck stößt einem ziemlich sauer auf. Und durch die extrem hohen Eisen- und Sulfatwerte stinkt man hinterher, als hätte man zu dicht an einem industriellen Abwasserkanal gebadet.
"Die Wasserqualität wird auch noch", sagt Frau Mietke. Und da schwingt schon wieder die gleiche trotzige Hoffnung mit, die man derzeit überall hört in der Niederlausitz: Wird noch! Abwarten! Ein, zwei, höchstens zehn Jahre - aber dann!
Spätestens 2018 soll zwischen Cottbus und Dresden das letzte Tagebauloch aus DDR-Zeiten geflutet sein. 21 Seen bilden dann - viele miteinander verbunden - eine künstliche Seenkette mit einer Wasserfläche, die etwa so groß ist wie Müritz und Steinhuder Meer zusammen.
Manche Seen haben es dank der sächsischen Hochwasser in den vergangenen Jahren fast geschafft und erleben gerade so etwas wie ihre erste Saison. Mutige Wochenendtouristen aus Dresden und Berlin wagen sich schon auf Rad oder Rollerblades in die bisher nicht mal als touristisches Niemandsland bekannte Gegend.
Krachsportler wie die Speedbootpiloten oder Quadfahrer toben sich an der Grenze zwischen Sachsen und Brandenburg noch beinahe ungestört aus. Und einheimische Optimisten wie Karin und Hans-Peter Mietke können kaum erwarten, dass es endlich richtig losgeht.
Übernommen aus ...
Stern
Ausgabe 39/2006