Nofretete? Reichstag? Später. Im Juli und August lässt man sich an der Spree einfach treiben, packt die Badehose ein und vertraut sich den Berlinern an, die ihre Lieblingsplätze verraten. Von Meike Winnemuth
Es ist Sonntagnachmittag im Thaipark, wie der Preußenpark mitten im bürgerlichen Wilmersdorf inzwischen genannt wird. Am Wochenende trifft sich hier die asiatische Gemeinde Berlins, vor allem Thais, aber auch Filipinos und Laoten. Es wird geschwatzt, gespielt, gekocht. Offiziell nur für den privaten Gebrauch, doch es hat sich herumgesprochen, dass man hier köstliche Hausfrauenkost zu Kantinenpreisen bekommt, fish cakes, frittierte Bananen, hausgemachte Currypasten, neonfarbene Süßspeisen aus Tapioka-Perlen. "Bisschen wie im Lumphini Park hier", sagt ein Freund, der Bangkok gut kennt.
Ähnliche Sätze werde ich in allen möglichen Variationen noch öfter hören. Die Stimmung im "Kiki Blofeld" am Spreeufer: "wie eine Full Moon Party auf Koh Phangan vor 20 Jahren". Der Luisenstädtische Friedhof: "ein bisschen wie Père Lachaise". Die Simon-Dach-Straße in Friedrichshain: "wie Schwabing in den Siebzigern". Und überhaupt, alles zusammen: "wie Prag in den Neunzigern". Berlin besteht nicht wie viele andere Städte aus Dörfern, so scheint es, sondern aus Welten. Dieses Patchwork aus Erinnerungen an andere Orte und Epochen, das Las Vegas künstlich erschaffen hat, ist in Berlin gewachsen.
Eine Weltwohngemeinschaft hat der Maler Daniel Richter die Stadt mal genannt, und das trifft es ziemlich gut: Das Zusammengewürfelte und das Improvisierte, die Kollisionen und die Kompromisse, das macht diese Stadt aus, die so gern Metropole wäre und doch noch nicht ganz trocken hinter den Ohren ist. Alles ist nach wie vor im Aufbruch und löst dieses merkwürdige Puckern aus bei fast jedem, der hierherkommt. Eine Ahnung, dass an diesem Ort was ginge: ein Neuanfang, eine zweite Jugend, ein anderes Leben. Berlin, die Stadt der unbegrenzten Möglichkeiten - das Gefühl packt einen auch mit 50 noch.
Mit einer gewissen Backpacker- Mentalität kommt man gerade im Sommer am weitesten hier. Am besten, man mietet sich ein Rad, am allerbesten, man lässt den Reiseführer zu Hause. Eine Sommerreise entbindet einen ja ohnehin von lästigen Touristenpflichten. Museen, Kirchen, Oper, Theater: Och nö, muss ja nicht sein bei dem Wetter, oder? Im Gegenteil: Sommer in Berlin, das ist ein bisschen wie Schule schwänzen. Hier kann man wieder lernen, was man mit 16 noch so gut konnte: rumtrödeln, streunen gehen, es einfach dem Zufall überlassen, was der Tag so bringt.
Mein Plan war deshalb simpel: größtmögliche Planlosigkeit. Ein guter Startplatz dafür ist das "Michelberger Hotel", ein Designhotel, geboren aus dem Geist der Jugendherberge, in der Nähe der Oberbaumbrücke. Im Fernseher läuft "The Big Lebowski" in Endlosschleife ("Ist nun mal mein Lieblingsfilm", sagt Hotelbesitzer Tom Michelberger), gefrühstückt wird im Schrebergarten-Ambiente des Innenhofs in Hollywoodschaukeln und auf Campingstühlen. Zwei Neuseeländer versuchen sich gerade an ihrer ersten Weißwurst. Also, wohin soll ich als Erstes, Herr Michelberger, was ist typisch Berlin? "In den Plänterwald", sagt er, "oder ins Prinzenbad, da tobt die komplette Kreuzberg-Show. Oder setz dich einfach vor den Bagdad-Döner am Schlesischen Tor und guck, wer da so vorbeikommt."
Der Plänterwald liegt gleich um die Ecke, mit dem ehemaligen DDR-Vergnügungspark darin, der seit Jahren geschlossen ist. Früher kam man nur mit etwas krimineller Energie auf das Privatgelände, heute gibt es sporadisch Führungen, aber man wird belohnt mit einer Filmkulisse sondergleichen: Umgestürzte Plastikdinosaurier und Wildwasserbahngondeln modern in einem Wäldchen vor sich hin, man fühlt sich wie Alice in einem verwilderten Wunderland.
Ähnlich versteppt, aber deutlich belebter - das legendäre Prinzenbad. Wie Michelberger versprochen hatte: die Kreuzberger Badewanne. Bahnen zu schwimmen soll man besser gar nicht erst probieren, aber dazu ist ja auch keiner hergekommen. Wozu auch? Man könnte ja was verpassen: die kleinen Mackerspielchen der Türkenbubis, die Picknickorgien ihrer quasselnden, aber wachsamen Mütter auf den Deckenlagern am Beckenrand, das Schaulaufen der Kiezprinzessinnen, das Kommen und Gehen auf der räudigen Liegewiese - es ist ein Fest. Jetzt noch eine Portion "Pommes Schranke" auf die Faust, und die Seligkeit der großen Ferien hat einen wieder.
Gefunden in: Geo Saison, Heft 7/2011, für 5 Euro ab sofort am Kiosk. Im Juli-Heft finden Sie neben der Berlin-Titelgeschichte auch den unfangreichen Serviceteil.