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Kolumne "Kopfwelten": Ein Ort und eine Seele

Zieht es Sie zum Urlaub Jahr für Jahr in dieselben Gefilde? Schrecklich spießig, mögen Spötter meinen. Geben Sie nichts drauf! Wissenschaftlich ist erwiesen: Sie tun Gutes für Ihre Seele.

Von Frank Ochmann

Mein Sommerurlaub ist gerade erst vorüber, das Quartier fürs nächste Jahr aber schon wieder gebucht – natürlich das, aus dem ich gerade erst abgereist bin. So schön war es! Doch bin ich nicht nur Urlauber, sondern auch Wissenschaftsjournalist. Was also heißt denn "es war so schön"? Was steht hinter der Schwärmerei? Mit meiner Eile und Beständigkeit bin ich jedenfalls nicht allein, wie ich im Reservierungsbüro feststellen konnte. Und es sind auch nicht nur die etwas Älteren, die einem bestimmten Urlaubsort die Treue halten, bis der Tod sie scheidet. Aber kann man sich in eine Landschaft, ein Dorf oder gar ein Hotel verlieben wie in einen Menschen?

Seit rund 40 Jahren ist das auch ein Forschungsthema. Und wie oft bei solchen Themen, die irgendwie und irgendwann jeden betreffen können, gehen die Definitionen der verwendeten Begriffe in der wissenschaftlichen Debatte weit auseinander. Doch ob es "bonding" oder "attachment" oder auch beides ist, was uns mit unserem Traumziel zusammenbringt, muss uns hier nicht weiter interessieren. Wichtiger ist der gemeinsame Kern der Beobachtungen und daraus hergeleiteten Theorien: Wir können emotional bedeutsame Beziehungen eben nicht nur zu anderen Menschen (oder zu dem Mopps auf dem Sofa) aufbauen, sondern durchaus auch zu bestimmten Orten, ja ganzen Landschaften oder Ländern. Wobei da schon wieder die Debatte einsetzt, wie groß es denn werden darf, damit wir uns noch binden können. Aber egal. Übrigens kann ein Ort natürlich auch mit negativen Gefühlen bedeutsam für uns werden. Doch der Sommer fängt gerade an, und darum beschränken wir uns besser auf Orte, an denen es uns besonders gut geht.

Jeder braucht einen sicheren Hafen

Die vermutlich geläufigste Vorstellung, was einen grandiosen Urlaub ausmacht, ist zugleich ein Hinweis darauf, was unsere (positive) Bindung an einen entsprechenden Ort charakterisiert: Urlaub ist "Erholung" oder soll es zumindest sein. Sich entspannen, Spaß haben, die Batterien aufladen, es sich gut gehen lassen. All diese Wonnen zusammengefasst könnten wir etwas präziser auch "Stressabbau" nennen. Und genau darin sehen viele Psychologen heute den Kern jeglicher Bindungen. Und das gilt darum für Orte ebenso wie für zwischenmenschliche Beziehungen.

Weil wir soziale Wesen sind, bereiten wir uns nicht nur gegenseitig Stress mit andauernden Erwartungen und Forderungen, mit Kritik, Neid und Aggression. Wir schenken uns gegenseitig erfreulicherweise ab und an auch Ruhe und Frieden, Sicherheit und Geborgenheit. Gelangen Menschen zu solcher Harmonie, sprechen wir von einer Bindung zwischen ihnen. Es reicht übrigens fürs Erste, wenn sich dieses Gefühl der Geborgenheit nur einseitig ausbildet. Romantik sieht sicher anders aus, aber entscheidend ist wissenschaftlich erst einmal nur der Gedanke, dass ich als vom Leben Gestresster eine Anlaufstelle habe, die mir den Stressabbau erlaubt. Wir – das gilt wirklich für jeden – brauchen und suchen darum auch einen sicheren Hafen, im weitesten Sinne also einen "Ort", an dem wir verbrauchte Kräfte ersetzen und uns für die nächste Fahrt übers oft genug feindliche Meer des alltäglichen Lebens rüsten können.

Haben wir ihn gefunden, dann wissen wir, wo wir hingehören. Und "Ort" ist zunächst sicher ein Mensch, beim Baby zum Beispiel die Mutter. Später im Leben kommt dazu hoffentlich ein Partner, mit dem wir durch dick und dünn gehen können. Der sichere Hafen kann aber auch ganz wörtlich ein Ort sein: unser "Zuhause" etwa oder auch unser "zweites Zuhause" am Strand oder in den Bergen während der schönsten Wochen im Jahr.

Mögen Forscher und Theoretiker bei der Beurteilung solcher Bindungen auch noch so weit auseinander gehen, so besteht doch weitgehend Einigkeit darin, dass das "Zuhause" der beispielhafte Ort ist, an dem sich solche Bindungen untersuchen lassen. All das, was wir damit im Idealfall an beruhigenden, wohltuenden Erinnerungen und Gefühlen verbinden, charakterisiert zugleich die Anziehungskraft und manchmal gar die Magie eines solchen Ortes. Lassen Sie Menschen schwärmerisch ihre Ferienerlebnisse erzählen, und Sie wissen, was damit gemeint ist. Wundert es einen dann noch, wenn viele immer und immer wieder dieselbe Insel oder dasselbe Tal ansteuern?

Schrecklich spießig? Und wenn schon!

Ist das aber nicht schrecklich spießig? Sind solche langlebigen Gewohnheiten und immer gleichen Lebensrhythmen nicht Zeichen geistiger Erstarrung oder der Angst, sich auf neue, womöglich schwer kalkulierbare Erfahrungen einzulassen? Das kann so sein. Doch ohne eine gewisse Abgeschlossenheit und auch Regelmäßigkeit werden wir keine Erholung finden. Einatmen – ausatmen – einatmen … Weise vergangener Jahrhunderte haben feierlich von "actio" und "contemplatio" gesprochen, dem rechten Maß zwischen Handeln und Innehalten also, das jeder für sich selbst finden muss, will er sich nicht vor der Zeit verbrauchen. Und der Urlaub ist vielleicht keine schlechte Gelegenheit, um den eigenen Rhythmus wiederzufinden und auch das Gefühl dafür, was genau uns eigentlich Erholung schenkt.

Wenn Sie also wie ich einen Ort gefunden haben, zu dem Sie jedes Jahr für zwei, drei Wochen oder wenigstens ein paar Tage mit Vorfreude zurückkehren können, dann dürfen Sie sich so glücklich schätzen wie in einer lang währenden Partnerschaft. Lassen Sie alle offenen oder versteckten Vorwürfe Richtung "Spießer" oder "Langeweiler" mit einem milden Lächeln von Ihrer Seele abperlen. Denn Sie wissen doch nur zu gut, was die anderen verpassen, oder? Schönen Urlaub also!

Literatur

  • Hildalgo, M. C. & Hernández, B. 2001: Place Attachment: Conceptual and Empirical Questions. Journal of Environmental Psychology 21, 273-281
  • Lewicka, M. 2010: Place attachment: How far have we come in the last 40 years? Journal of Environmental Psychology (im Druck, doi:10.1016/j.jenvp.2010.10.001)
  • Manzo, L. C. 2003: Beyond house and haven: toward a revisioning of emotional
  • relationships with places. Journal of Environmental Psychology 23, 47–61
  • Scannell, L. & Gifford, R. 2010: Defining place attachment: A tripartite organizing framework. Journal of Environmental Psychology 30, 1–10
  • Windson, E. A. 2010: There is no place like home: Complexities in exploring home and place attachment. The Social Science Journal 47, 205–214
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